Full text: Hessenland (9.1895)

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würden. Er verbrachte den Tag ans seinem 
Strohsacke, erinnerte sich der Zeit seiner Kindheit 
und liebkoste die Idee der Rückkehr seines 
Bruders. 
Als es Abend wurde, ging er von Hunger- 
getrieben, halb ohnmächtig hinunter in die Straße, 
um vvn Jemandem ein Almosen zu erbitten. Nicht 
einmal mehr seine Guitarre war ihm geblieben, 
er hatte sie in einem ähnlich verzweifelten Augen 
blick für drei Pesetas verkauft. Der Schnee fiel 
mit der gleichen Beharrlichkeit, ja, man kann 
sagen, mit derselben Wuth. Die Beiue zitterten 
dem armen Blinden so wie damals, als er zum 
ersten Male ausging, um zu singen, aber heute 
zitterten sie nicht aus Scham, sondern aus Hunger. 
Er ging so gut als möglich vorwärts durch die 
Straßen, bis über dem Knöchel im Schmutz. 
Sein geschärftes Ohr sagte ihm, daß kaum Jemand 
an ihm vorübergehe. Die Wagen rollten ohne 
Geräusch, unb er war der Gefahr ausgesetzt, von 
irgend einem überfahren zu werden. 
In einer der Straßen im Mittelpunkte der 
Stadt begann er endlich, die erste beste Opern- 
Arie zu singen, die ihm gerade über die Lippen 
kam. Die Stimme stieg schwach und heiser aus 
der Kehle heraus, — keiner näherte sich ihm — 
nicht einmal aus Neugier. 
„Ich werde in einen anderen Staditheil gehen", 
sagte er zu sich selbst, mtb ging unbehilflich durch 
den Schnee tappend weiter zur Straße San 
Jeronimo. Er war von Schnee bedeckt, und 
seine Füße badeten im Wasser. Die Külte drang 
ihm bis auf die Knochen, und der Hunger ver 
ursachte ihm Magenweh. Es kam ein Moment, 
in welchen! diese Qualen so unerträglich wurden, 
daß er nahe daran war zu versinken, er glaubte 
sterben zu müssen. Er erhob seine Gedanken zu 
seiner Schutzpatronin, der heiligen Carmen, und 
rief mit erstickter Stimme: „Heilige Mutter, 
hilf mir!" 
Nachdem er dieses kurze Gebet ausgestoßen 
hatte, fühlte er sich etwas leichter und ging weiter, 
oder besser gesagt, er schleifte sich bis zur Plaza 
de las Cortes, dort klammerte er sich an den 
Pfahl einer Laterne, und noch unter dem Ein 
drücke, daß die Jungfrau ihm helfen würde, sang 
er das Ave Maria von Gounod, eine Melodie, 
die er immer ganz besonders geliebt hatte. Aber 
Niemand hörte ihn, Niemand nahte! 
Die Einwohner der Stadt hatten sich in die 
Theater und Cafos zurückgezogen oder saßen in 
ihren behaglichen Wohnungen und wiegten, bei 
lieblichem Feuer, ihre Kinder auf den Knieen. 
Der Schnee fiel immer weiter, bald weniger, 
bald in Massen, dazu angethan, am folgenden 
Tage allen Zeitungsschreibern Gelegenheit zu geben, 
ihre anhänglichen Leser mit einer Reihe der 
zartesten Phrasen zu entzücken. Die Leute, die 
zufällig die Straße kreuzten, thaten es hastig, die 
Regenschirme über sich haltend und in ihre 
Mäntel gewickelt. Die Laternen hatten ihre weißen 
Schlasmützen aufgesetzt und gaben nur melancholisches 
Licht. Man hörte nichts als das dumpfe, ent 
fernte Geräusch einzelner Wagen und das unauf 
hörliche Fallen des Schnees, gleich leisem langsamen 
Rauschen seidener Gewänder. Nur die Stimme 
des Blinden zitterte — die Mutter der Schutz 
losen preisend — durch die Stille der Nacht. 
Sein Gesang glich mehr einem verzweifelten 
Schrei der Angst, als einer Hymne —, zuweilen 
auch war es nur ein trauriger, ersterbender 
Seufzer, der das Herz eisiger erschauern machte 
als die Külte des Schnees. 
Vergebens erfiehte der Blinde die Gnade des 
Himmels, vergebens wiederholte er wieder und 
wieder, aus den Schwingen der Töne getragen, 
den süßen Namen „Maria". 
Die Nachbarn auf der Plaza waren ihn: nahe, 
aber sie wollten ihn nicht verstehen. Niemand 
kam, um ihn aufzunehmen, kein Fenster öffnete 
sich, keine barmherzige Hand warf eine kupferne 
Münze in seinen Hut. Die Vorübereilenden, 
wagten, als ob sie von der Lungenentzündung 
verfolgt würden —, nicht stille zu stehn. 
Endlich konnte er nicht mehr singen, die 
Stimme versagte, die Glieder schmerzten ihn, und 
die Hände starben ab. 
Er that einige Schritte vorwärts und setzte 
sich dann auf das Trottoir, zu Füßen des Gitters, 
welches einen Garten umzäumte. Er stützte die 
Ellenbogen auf die Kniee und vergrub das Ge 
sicht in seine Hände. Es kam ihm das vage 
Gefühl, als nahe der letzte Augenblick seines 
Lebens, und er erflehte abermals heiß und innig 
die göttliche Barmherzigkeit. — 
Nach wenigen Augenblicken war es ihm, als 
ob ein Vorübergehender stehen blieb und ihn am 
Arme faßte. Er erhob den Kops und vermuthete, 
daß es die Wache sei, wie immer: „Sind Sie 
ein Polizist?" 
„Ich bin kein Polizist", sagte der Mensch. 
„Aber stehen Sie auf!" 
„Ich kann kaum, Cavallerv." 
„Frieren Sie?" 
„Ja, ich friere, aber noch mehr hungert mich." 
„Dann werde ich Ihnen helfen, frisch — 
aufstehen!" 
Der Herr nahm Juan bei den Armen und 
half ihm auf —, er war ein kräftiger Mann.
	        

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