Full text: Hessenland (9.1895)

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Einmal erhielt er von einem mildthätigeren 
Wirthe, für einen halben Realen täglich, 
die Stelle eines Pianisten, aber es währte auch 
nur wenige Tage. Ten Stammgästen des „Cafe 
de la Cebada“ sagte die Musik Jnan's nicht zu; 
er spielte weder Jotas, Polos, noch Sevillianer 
und Flamencer, ja nicht einmal ein Polka, sondern 
brachte die Abende damit zu, Sonaten von 
Beethoven und Konzerte von Chopin zu inter- 
pretiren. Tie Zuhörer verzweifelten, weil sie den 
Takt dazu nicht mit den Löffeln schlagen konnten. 
Ein anderes Mal trieb ihn das Elend in die 
verrufensten Theile der Stadt. Eine barmherzige 
Seele, welche durch Zufall von seiner Lage unter 
richtet war, half ihm indirekt —, denn Inan 
würde sich dagegen gesträubt haben, ein Almosen 
anzunehmen. Er ah das Nothwendige, um nicht 
Hungers zu sterben, in irgend einem Wirthshause 
der niedersten Sorte und schlief für vier Cuartos 
zwischen Bettlern und Verbrechern, in einem für 
ähnliche Existenzen bestimmten Raum! Bei einer 
solchen Gelegenheit wurden ihm, während er schlief, 
seine wollenen Beinkleider, für ein Paar geflickte 
aus Drill vertauscht. Und es war im Monat 
November! 
Ter arme Inan, welcher zu allen Zeiten die 
Chimäre von der Ankunft seines Bruders, jetzt 
nur vom Elende etwas unterdrückt, bewahrt hatte, 
begann wieder mit Schmerz sich daran auszurichten. 
Er erreichte es, daß man für ihn nach der Habana 
schrieb, aber, da er die Adresse nicht wußte, ohne 
jede genauere Angabe; dann gab er sich Mühe, 
auszukundschaften, ob ihn nicht Jemand dort ge 
sehen habe, aber ohne Resultat. 
Täglich brachte er mehrere Stunden auf den 
Knieen zu und bat Gott, daß er ihm den Beistand 
seines Bruders gewähren möge. Die einzigen 
glücklichen Augenblicke des Gequälten waren die 
jenigen, die er in dem Winkel irgend einer Kirche 
verbrachte; er athmete dann, hinter einer Säule 
verborgen, die Düfte von Wachs und Weihrauch, 
horchte dem Knistern der Kerzen und dem leisen 
Geräusche der Betenden, die hier und da in dem 
Schiffe der Kirche ans den Knieen lagen. Seine 
reine Seele vergaß dann die Welt, die ihn so 
grausam behandelte, und flog aufwärts, um sich 
seinem Gotte und der heiligen Mutter zu einen. 
Seit seiner Kindheit war die Ehrerbietung für 
die Jungfrau tief mit seinem Herzen verwachsen. 
Er hatte seine eigene Mutter kaum gekannt, und 
so suchte er instinktiv in der heiligen Gottesmutter 
den zarten, liebevollen Sehiltz, beu nur das Weib 
dem Kinde zu geben vermag. Er hatte zu ihrer 
Verherrlichung einige Hymnen und Gebete kom- 
pvnirt intb schlief niemals, ohne ehrerbietig die 
Medaille der heiligen Carmen zu küssen, die er 
am Halse trug. 
Dessenungeachtet kam ein Tag, an welchem 
Himmel und Erde ihn verließen. Bon allen 
Seiten verstoßen, ohne ein Stück Brot für den 
Hunger, ohne Kleider, die ihn vor der Kälte 
schützten, begriff er mit Schrecken, daß der Augen 
blick herannahe, wo er um Almosen zu bitten 
habe. Er kämpfte in der Tiefe seiner Seele einen 
verzweifelten Kampf. Schmerz und Scham stritten 
mit der Nothwendigkeit. Tie Finsterniß, welche 
ihn umgab, machte diesen Kamps noch fürchterlicher. 
Endlich aber, wie es nicht anders sein konnte —, 
siegte der Hunger. Nachdem er vorher Gott 
ein paar Stunden seufzend um Kraft angefleht 
hatte, dieses Unglück zu ertragen, entschloß er sich, 
die Barmherzigkeit anzuflehen. Aber dennoch be 
schloß er, um dieser Demüthigung zu entgehen, 
vorher Abends in den Straßen zu singen. 
Er hatte eine leidliche und vorzüglich geschulte 
Stimme, nur kämpfte er mit der Schwierigkeit, 
kein Instrument zur Begleitung zu haben. End 
lich verschaffte ihm ein anderer Unglücklicher, dex 
nicht ganz so elend wie er selbst war, eine alte 
zerbrochene Guitarre. Er besserte sie so gut aus, 
als es ging, und nachdem er Ströme von Thränen 
vergossen hatte, ging er in einer kalten Dezeinber 
nacht auf die Straße. Sein Herz schlug un 
gestüm, die Beine zitterten, und als er in einer 
der Hauptstraßen zu singen versuchte, konnte er 
es nicht, denn Schmerz und Scham schnürten ihm 
die Kehle zu. Er lehnte sich an die Wand eines 
Hauses und ruhte einige Augenblicke aus, und 
dann, nachdem er sich etwas erholt hatte, be- 
gann er die bekannte Tenor-Arie ans dem ersten 
Akte der „Favoritin" zu siirgen. Schon von 
Weitem zog er die Aufmerksamkeit aus sich, — es 
war ja etwas Unerhörtes: ein armer Blinder, der 
keine gewöhnlichen Gassenhauer sang! Biele bildeten 
einen Kreis um ihn und nicht Wenige, welche 
die Meisterschaft beurtheilen konnten, mit welcher 
er die Schwierigkeiten des Werkes bezwang, 
theilten sich in gedämpften Stimmen ihr Er 
staunen mit und warfen einige Cuartos in den 
Hut, den er an seinem Arme befestigt hatte. 
Als er die Roinanze beendet, begann er die Arie 
aus dem vierten Akte der „Asrikanerin". Aber es 
hatten sich zu viele Menschen um ihn herum ge 
drängt, und die Wache fürchtete, er könne die 
Veranlassung irgend einer Unruhe werden —, 
denn es war ausgemachte Sache für die Wächter 
der öffentlichen Ordnung, daß Leute, welche sich 
in der Straße zusammenthnn, um einen Blinden 
anzuhören, durch diese Handlung gefährliche Ab 
sichten zur Rebellion verrathen, eine gewisse
	        

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