Full text: Hessenland (9.1895)

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nehmen, in seinem Zimmer wie ein gefangener 
Löwe vvn einer Ecke in die andere stürmend. 
Der Magd gelang es endlich, mit Hilfe einer 
mitleidigen Nachbarin, diesen Selbstmord zu ver 
hindern. 
Er begann wieder 31t essen und verbrachte sein 
Leben mit Gebet und Klavierspiel. Seinem 
Vater war es einige Zeit vor dessen Tode ge 
lungen, ihm in einer der Kirchen Madrids eine 
Stelle als Organist zu verschaffen, mit dem täg 
lichen Einkommen vvn vierzehn Realen. Selbst 
verständlich war das Geld nicht hinreichend, einen 
eigenen Hausstand zu führen, so bescheiden derselbe 
auch immerhin sein mochte; er verkaufte daher 
für einige wenige Thaler das dürftige Mobiliar 
seiner Wohnung, entließ die Dienerin rmd begab 
sich für acht Realen täglich in eine Pension. 
Die nvch bleibenden sechs Realen genügten für 
die übrigen Bedürfnisse. 
Während einiger Monate lebte der Blinde still 
für sich, er betrat die Straße nur, um seinen 
Verpflichtungen nachzukommen, ging von Haus 
zur Kirche und von der Kirche nach Hause. Die 
Traurigkeit beherrschte und ergriff ihn in solcher 
Weise, daß er kaum die Lippen öffnen mochte. 
Seine freien Stunden benutzte er, um eine Messe, 
ein Requiem zu komponiren, von welchem er 
hoffte, daß es zur Befreiung der Seele seines 
verstorbenen Vaters durch die Barmherzigkeit des 
Priesters zur Aufführung komme. Man konnte 
freilich, bei der Ermangelung seines Augenlichtes, 
nicht sagen, daß er bei der Arbeit seine fünf 
Sinne einsetzen konnte, aber er gab dazu seine 
Seele und sein Leben. 
Ein Wechsel des Ministeriums überraschte 
ihn, als er die Arbeit noch nicht vollendet hatte. 
Es bleibt sich gleich, ob es die Radikalen, die 
Konservativen oder die Konstitutionalen waren, 
die an's Ruder kamen, aber jedenfalls war es 
ein Wechsel. Juan erfuhr es erst spät, und 
es betrübte ihn. Nachdem das neue Kabinet 
einige Tage in Funktion war, fand man, 
daß Juan ein für die öffentliche Ordnung ge 
fährlicher Organist sei, der vom Chor herunter 
während der heiligen Messen mit allen Registern 
der Orgel brauste und lärmte und eine wirklich 
skandalöse Opposition mache. Da nun das neue 
Ministerium befugt war, wie es im Kongresse 
durch den Ausspruch eines seiner berechtigtsten Mit 
glieder kundgegeben wurde, „Niemandes Stellung 
zu berücksichtigen", so beschloß man, augenblicklich 
und mit eingreifender Energie Inan zu entlassen 
und einen Nachfolger zu suchen, der in seiner 
musikalischen Handhabung mehr Garantie bot 
lind sich den Institutionen unterwürfiger zeige. 
Als man unserem Blinden seine Entlassung 
mittheilte, zeigte er über dieselbe kein anderes 
Empfinden, als die Ueberraschung; im Grunde 
seiner Seele freute er sich sogar, weil ihm jetzt 
mehr freie Zeit blieb, seine Messe zu vollenden. 
Er gab sich erst über seine Lage Rechenschaft, als 
am Ende des Monates seine Hauswirthin in's 
Zimmer trat und Geld verlangte. Er hatte 
keines, weil er in der Kirche nichts mehr einnahm, 
und er war daher gezwungen, seines Vaters Uhr 
zu versetzen, um die Miethe zu bezahlen. Als 
das geschehen war, wurde er wieder ganz ebenso 
ruhig wie vorher und arbeitete weiter, ohne sich 
uni die Zukunft zu sorgen. Als die Frau 
wiederkam und abermals Geld verlangte, sah er 
sich von Neuem gezwungen, einen Gegenstand aus 
der Erbschaft seines Vaters zu versetzen —, dies 
mal war es ein Diamantring. 
Aber es kam die Zeit, wo er nichts mehr zu 
versetzen hatte. Aus Rücksicht für sein Gebrechen 
und aus Höflichkeit behielt man ihn noch einige 
wenige Tage und dann setzte man ihn aus die 
Straße, stolz darüber, ihm wenigstens seinen 
Koffer mit Kleidern gelassen zu haben, mit 
welchem man sich die wenigen Realen, die er 
schuldig blieb, hätte verschaffen können. 
Er war nun gezwungeu, eine andere Wohnung 
zu suchen, aber diesmal ohne Piano, was ihn 
unsäglich traurig stimmte. Er konnte ja nun 
sein Requiem nicht beenden! Anfänglich ging er 
noch zuweilen zu einem befreundeten Piano- 
fabrikanten und spielte bei ihm halbe Stunden 
lang, aber als er bemerkte, wie man ihn immer 
weniger liebenswürdig empfing, unterließ er auch 
das. Kurze Zeit nachher wurde er abermals aus 
seiner Wohnung geworfen und zwar diesmal 
mit dem Verluste seines Koffers. 
Es begann nun für beit armen Blinden eine 
angstvolle Zeit, von deren Elend, oder besser ge 
sagt Märtyrinm, sich nur Wenige eine Vorstellung 
machen können. Zweifellos lebt es sich elend in 
einer Welt ohne Freude, ohne Geld und ohne 
Kleider, aber wie viel mehr noch, wenn auch das 
Augenlicht versagt wurde, wodurch man sich allein 
schon hilflos fühlt und die Grenzen von Schmerz 
und Elend nicht einmal unterscheiden kann. 
Juan ging nun von Posada zu Posada, wurde 
aber nach kurzer Zeit immer wieder hinausgeworfen. 
Er hatte keine Kleider, und wenn sein einziges 
Hemd gewaschen wurde, war er gezwungen, sich 
zu Bett zu legen. Ilnd so schleppte er sich, Gott 
weiß wie lange, mit ungeschnittenem Haar und 
Bart und geflickten Beinkleidern durch die Straßen 
von Madrid.
	        

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