Full text: Hessenland (9.1895)

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Geschichtswerke, deren einzelne Abschnitte ohne ! 
inneren Zusammenhang einander unliebsam und 
störend durchkreuzen. Seit der Theilung des 1 
Landes geht die Geschichte beider Staatenkörper 
mehr imb mehr auseinander, und die inneren 
Beziehungen, von den Söhnen Philipp's des 
Großmüthigen noch festgehalten, schwinden all 
mählich so vollständig, daß zuletzt fast nur der 
Name noch an die einstige Zusammengehörigkeit 
erinnert. Ein einheitliches Kunstwerk, als welches j 
die Geschichte eines Landes sich doch darstellen 
soll, zu schaffen, ist aus diesem Grunde ganz un- ! 
möglich. Dazu tritt, daß der Verfasser, je nach- | 
dem er dem einen oder andern Landestheile 
angehört, der Geschichte dieses seines engeren 
Heimathlandes vornehmlich sein Interesse zuwendet; 
daher es denn im vorliegenden Falle geschieht, 
daß die Geschichte Hessen-Darmstadts von Münscher 
mehr als dürftig und oberflächlich behandelt 
worden ist. Die Hereinziehung der Darmstädter 
Politik, soweit sie Hessen-Kassel betrifft, in eine 
Geschichte dieses letztgenannten Landes, und um 
gekehrt, ist so selbstverständlich, daß hierüber ein 
Mißverständniß wohl als ausgeschlossen betrachtet 
werden darf. — Was nun den inneren Gehalt 
der vorliegenden hessischen Geschichte betrifft, so 
begegnen wir zunächst leider einer großen Reihe 
von Irrthümern, welche man bei genauerer Be 
kanntschaft mit dem Stoffe leicht hätte vermeiden 
können, anstatt so eine Menge falscher Vor 
stellungen und längst beseitigter Irrthümer 
wiederum in das Volk zu tragen. Wir heben 
beispielsweise folgende Punkte hervor: Die Existenz 
der auf Seite 10 mit so vieler Sicherheit ge 
nannten Frühlingsgöttin Ostara ist keineswegs 
über allen Zweifel erhaben svergl. Paul's Grund 
riß I, 1111). — Seite 12 sagt Münscher (dem 
Tacitus folgend): „Für geringere Vergehen galt 
die Entrichtung einer Anzahl von Rindern — 
sie vertraten die Stelle des Geldes — als ge 
nügende Strafe." Im lateinischen Urtext stehen 
auch noch Rosse neben den Rindern, aber dann 
paßte die von M. zugefügte Bemerkung „sie ver 
traten die Stelle des Geldes" nicht. Da diese 
Bemerkung für die Taciteische Zeit einerseits, 
für die mit den Römern in Berührung stehenden 
germanischen Völker andererseits in ihrer All 
gemeinheit unzutreffend ist, wie denn. c. 5 be 
weist,^ so hätte sie einer besonderen Erläuterung 
bedurft. Auf Seite 13 heißt es: „Das waren 
die Hörigen, welche mit Frau und Kindern 
Eigenthum des Herrn waren. . . Sie führten 
unter dem Druck von Armuth und Geringschätzung 
ein kümmerliches Leben." Bekannt ist. daß die 
Hörigen (glebae adscripts) weder Eigenthum des 
Herrn (d. h. leibeigne Sklaven, rechtlose Sach- 
objekte) noch auch im gewöhnlichen Sinne arm 
und gering geschätzt waren. — Auch andere zahl 
reiche Angaben sind theils an sich, theils in ihrer 
Allgemeinheit unrichtig, — so daß die Germanen 
ihre Todten ausschließlich verbrannt, daß die Ver 
gnügungen der Männer nur in dem Schwerttanz 
und dem Würfelspiel bestanden hätten, daß die 
königliche Stellung nicht sowohl Gewalt als Ehre 
verliehen habe u. dgl. m. Die königliche Stellung 
war vielmehr, wie bekannt, bei den verschiedenen 
germanischen Völkerschaften und zu verschiedenen 
Zeiten eine sehr verschiedene. — Was soll man 
denken, wenn auf Seite 9 gesagt wird: „Die Hörigen 
mußten in jedem Haus die Stelle der Hausväter er 
setzen"? Oder Seite 28: „Priester von Beruf waren 
selten"? Richtig wäre gewesen zu sagen, daß wir 
ans den wenigen uns überlieferten Namen alt 
germanischer Priester nicht berechtigt sind, mit 
Nothwendigkeit aus das Vorhandensein eines 
solchen Standes zu schließen. — Als hätte die Frage 
nie einem Zweifel unterlegen, bezeichnet Münscher 
(Seite 30) die Stelle, wo Bonifatius die Donars 
eiche gefüllt habe. Die klare und überzeugende 
Beweisführung in Land an's „Territorien", daß 
jene Eiche nirgends anders als auf der Stelle 
des Fritzlarer Domes gestanden haben könne, 
ist ihm entgangen. Und ebensowenig kennt 
er dessen Darlegungen über die Grafenfamilie 
der Gisonen in Bd. IX der Zeitschrift für hessische 
Geschichte, er würde sonst nicht die hier beseitigten 
Irrthümer über die angebliche Heirath Heinrich 
Raspe's I. mit der Witwe des Grafen Gifo IV. 
und über den diesem zugeschriebenen Sohn 
Gisv V. seinen Lesern wiederum vorführen. 
Völlig neu ist die Entdeckung, daß Giso IV. 
der Eidam des letzten Grafen Werner (genannt 
von Grüningen) gewesen sei, da ausdrücklich be 
zeugt ist, daß letzterer in kinderloser Ehe lebte. — 
Wenn Seite 92 gesagt wird, daß Landgraf 
Heinrich I. die Stadt Eschwege dem Reiche zu 
Lehen auf getragen .habe, so ist diese Angabe 
dahin richtig zu stellen, daß der Landgraf die 
Stadt, welche bis dahin dem Reiche zugestanden 
hatte, wohl zu Lehen empfangen, nicht aber auf 
tragen konnte. Noch sind folgende irrige An 
gaben zu berichtigen: Fritzlar und Amöneburg 
waren Archidiakonate, nicht Dekanate (Seite 
34). Die Konradiner heißen nicht nach einem 
ihrer Vorfahren so, sondern weil der älteste 
Sohn stets, so viel uns bekannt, den Namen 
Konrad führte. Nicht Patronhmische Bildung, 
sondern erst eine von den Historikern eingeführte 
Benennung des Grafenhauses liegt hier vor. — 
Daß der von Widukind genannte Ort „Elmeri"
	        

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