Full text: Hessenland (9.1895)

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Straße, die am Königsplatze gelegenen, die „hinter 
der Mauer" ergossen Ströme hoffnungsvoller 
junger Hessen; da gab es niedliche Wiedersehens 
szenen zwischen den ältern Geschwistern und den 
„Kleinen" und dann gemeinsames Nachhause 
wandern zum: „Viernhrenbrod"! Manche Freund 
schaft auch, die den Wechselsällen des Lebens Stand 
hielt, wurde aus dem Königsplatz begonnen, in 
der Schule fortgesetzt und dann weiter bewahrt! 
Der unverabredete Versammlungsplatz Vieler 
in jenen ernsten Tagen vor Ausbruch des Krieges 
1866 trieb die wunderlichsten Blüthen von Ge 
rüchten aller Art, die leicht geglaubt und ebenso 
verbreitet wurden; sie verschuldeten den Namen: 
„Entenpfuhl", den unser stolzer Königsplatz sich 
einige Zeit lang gefallen lassen mußte. — 
Wohin ist sie geschwunden: des Kratzenberges 
Poesie? Wer hätte in unsrer Kindheit Tagen 
gedacht, daß in jener Gegend einst Haus an Haus 
emporwachsen würde, daß man überhaupt da 
draußen, so „furchtbar" fern von der Stadt, 
wohnen könnte mit dem Rechte, sich „Kasselaner" 
zu nennen? Ganz vereinzelt lagen wohl zu 
beiden Seiten der Kölnischen Allee, aber nur bis 
zu der Brück'schen Gerberei, einfache Villen (diese 
Benennung kannte man in Kassel früher nicht) 
in großen, unmuthigen Gärten (das bescheidene 
Braun'sche Haus, von herrlichem Garten umgeben, 
war unser Entzücken), und soweit menschliche 
Wohnungen sich vorfanden, schwebten auch einige 
Laternen an eisernen Ketten zwischen den Allee 
bäumen, die nach besten Kräften das abendliche 
Dunkel durchbrachen, vorausgesetzt daß der Mond 
nicht schien. 
Bei dem Braun'schen Hause dürste zu beachten 
sein, daß es einstmals der Wohnsitz der Familie 
Hummel war und daß in diesem Hause die 
Hochzeit der einzigen Tochter Professor Hummel's 
mit dem Komponisten Moritz Hauptmann statt 
fand. — 
Die Aussicht aus die herrliche Landschaft, 
die sich dem Auge von des Kratzenberges Höhe 
bot, mußte erkämpft werden mit tapferein Durch 
schneiden der dichten weißen Wolken, welche den 
Kalkhütten entquollen. Langsam wälzten sich 
grauweiße Dampfgebilde am Boden her, dann 
plötzlich, hochgehoben, schwebten sie durch die 
Bäume, erfüllten die Allee, umhüllten die dort 
Wandernden, woben einen Schleier vor jeden 
Ausblick, und dann, wenn sie zerronnen waren, 
lag unsre Wilhelmshöhe mit Fürstensitz, Giganten 
schloß und Märchenburg vor dem entzückten Blick. 
Kratzenberg-Poesie! — 
Von allen Veränderungen in Kassel ist keine 
so sehr angethan, ein altkassel'sches Gemüth in 
Wehmuth zu versetzen als diejenigen, welche sich 
in der Wilhelmshöher Allee vollzogen haben. 
Eine schöne, vornehme Ruhe lag über diese 
prächtige Straße mit ihren schattigen Linden 
bäumen, ihren stillen Häusern und anheimelnden 
Gärten ausgebreitet, und von Schritt zu Schritt 
fühlte man sich gehoben durch den Gedanken an 
das herrliche Endziel. — Der Verkehr an schönen 
Sonn- und Festtagen war ein ungleich mannig 
faltigerer als heute. 
Aus den Fußpfaden strebten in Schaaren die 
geputzten Menschen dem liebsten Vergnügungs 
orte zu, und die wohlgefüllten Provianttaschen, 
die Mäntel und Tücher für Abendkühle und 
Waldlagern beeinträchtigten in nichts die Wander 
lust nach Wilhelmshöhe. Droschken, Privatwagen, 
Hofequipagen belebten den Hauptweg, elegante 
Reiter erhöhten das vornehme Gepränge! 
Kam dann noch der kurfürstliche Wagen mit 
seinem weitberühmten Sechsgespann von Isabellen, 
mit dem Vorreiter, dahergebraust, so war das 
bewegte Sommer-Sonntagnachmittag-Bild der 
Wilhelmshöher Allee ein vollendetes. — 
Der vom wilden Wein umrankte Wilhelms 
höher Bahnhof (damals wurde er „Wahlers- 
häuser" genannt) lag dicht am Wege, schaute noch 
nicht wie heute von einer Höhe aus das Schienen 
gewirr herab. — 
Am langen Felde brauste der Wind; an 
Wochentagen war's dort so feierlich; der alten 
grauen Steinbank, die in dem Rufe stand, des 
Weges Hälfte zwischen Kassel und Wilhelmshöhe 
zu bezeichnen, nahte man sich mit einer Art von 
Ehrfurcht. Da wurde sicherlich Rast gemacht, und 
wenn es über einem in den Wipfeln der alten 
Linden rauschte und sonst ringsum köstliche Stille 
waltete, dann war's wie im Vorhos von Schönem 
und Heiligem! — 
Wilhelmshöhe an einem Wochentage, wenn 
die Wasser nicht sprangen, das war reine Poesie, 
und ein Aufenthalt in Mulang, unter den alten 
silbergrauen Weiden, nahe dem winzigen Häuschen, 
dessen Bewohner der, darum Bittenden Tische, 
Stühle, Tassen, Kannen, auch kochendes Wasser 
zum Selbstbereiten des Kaffees lieferten, war 
ein Idyll. Damals gab es in Mulang und auf 
dem Wege zur Kohlenstraße keine Villen, keine 
Restaurants, in denen serviettenschwenkende Kellner 
nicht aus der Nähe der Gäste weichen. 
Dort wo Natur in reicher Schönheit sich offen 
barte, da waren wir Altkasselaner zufrieden mit 
dem Bescheidensten was sich an Bequemlichkeit 
und Erfrischung bot. Weit ab vom Wege, der 
zu reinem Naturgenusse führte, lag der „Com 
fort", den Fremde wohl vermißten, wir aber nie!
	        

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