Full text: Hessenland (9.1895)

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Aber auch das Stadthaus reichte zur Unter 
bringung der Gaste und des Hofgesindes nicht 
immer aus. Es ließ sich jedoch in solchen Fälleil 
leicht Abhülfe schaffen, indem man auf die Bürger- 
wohnungen zurückgriff. Schwierigkeiten erwuchsen 
dadurch nicht, hatte doch z. B. jeder brau 
berechtigte Einwohner von Lichtenau die Ver 
pflichtung, bei aufkommenden Fürstenlagern der 
Herrschaft Stallung für zwei Pferde und ein 
Bett zu stellen. Die Bürger thaten das auch 
ganz gern, zumal ihnen das lebhafte und glän 
zende Treiben in ihren Mauern Abwechselung 
itub guten Verdienst in gleichem Maße bot. 
Weniger von der Anwesenheit der fürstlichen 
Jägerei erbaut dürfte der Pfarrherr von Reichen 
bach gewesen sein. Wie die Männer feines 
Dorfes 1454 bei ihrem Eide bezeugten, lag ihm 
nämlich ob, den herrschaftlichen Jägern und 
Waidleuten mit Pferden und Hunden Kost und 
Unterkunft zu gewähren, so oft sie nach Reichen 
bach kamen. Wie die Sage meldet, soll übrigens 
die enge Verbindung der Reichenbacher Pfarre 
und der grünen Farbe nicht ohne Nachwirkung 
geblieben sein. Von mehr denn, einem der geist 
lichen Herrn geht die Mär, er fei nebenbei ein 
gewaltiger Jäger vor dem Herrn gewesen, ititb 
noch heute berechtigt der Umfang der Reichen 
bacher Pfarrländer den jeweiligen Inhaber der 
Stelle zur selbstständigen Ausübung der Feld- 
und Waldjagd innerhalb dieses Besitzes. 
Für gewöhnlich erschienen die Landgrafen aber 
nur mit kleinem, etwa 10—15 Pferde starkem 
Gefolge. Sie pürschten dann in der Umgegend, 
vorzüglich am Schloßberge selbst, dann am Rohr- 
nnd Hirschberg, am Meißner, nach 1470 auch 
häufig bei Kehrenbach, wo sie sich ein neues 
Jagdschlößchen gebaut hatten, in der Umgegend 
von Spangenberg und bei Efchenstruth. Nur 
wenige auserwählte Jäger begleiteten die Fürsten 
bei diesen Streifzügen. Landgraf Philipp pflegte 
außerdem einen Geheimfchreiber bei sich zu haben, 
dem er oft mitten im Walde feine Entschlüsse 
und Briefe in die Feder diktirte. Die Pürsch- 
jagden verliefen ziemlich still. Die Bürger wurden 
dabei von der Anwesenheit des hohen Jagdherrn 
nicht viel gewahr. 
Anders gestaltete sich das Bild bei den großen 
Jagden, die zu Anfang August (Hirschseiste, Vette- 
nung), wie tm November und Dezember (Sau- 
hatze) stattfanden. Wochenlang vorher wurden 
schon sorgfältig allerhand Vorkehrungen getroffen. 
Die Dorfgreben erhielten die nöthigen Befehle 
zur Bereitstellung der Treibermannschaft. Das 
Wild wurde möglichst genau bestätigt. Handelte 
es sich um Sauhatzen, dann mußten außerdem 
etwa vierzehn Tage vorher sämmtliche Schäfer 
inl Amt ihre Hunde auf Reichenbach oder nach 
Lichtenau bringen, wo die so gebildete Meute 
fl532 80 Hunde) von der Jägerei nothdürftig 
abgerichtet („gewent") ward. Zu guterletzt trafen 
noch einige Jägermeister und Knechte mit Netzen 
und Lappen von Kassel aus ein. Ihnen lag ob, 
die Wildhecken (lebenden Zäune oder Holzgatter, 
die den Ausbruch des Wildes verhüten sollten 
und reichlich vorhanden waren) zu besichtigen, 
soweit es erforderlich war, auszubessern und die 
Jagen einzulappen. 
Mit der Ankunft des fürstlichen Jagdherrn 
und seiner Gäste belebte sich dann der Wald. 
Das Hifthorn ertönte, hell klang das Geläut der 
Meute durch den dunklen Tann, und mit dem 
Geschrei der Treiberkette brach sich nach Einführung 
der Feuerwaffen der Widerhall der Schüsse am 
Gewölbe der grünen Blätterdoms. Meist dauerte 
die Jagd den ganzen Tag. Die Strecke fiel bei 
dem guten Wildstand meist recht reichlich ans. 
30—40 Sauen, 10—20 Hirsche an einem Tage 
waren um 1550 nicht ungewöhnliche Ergebnisse. 
Natürlich konnte so viel Wildpret nicht gleich 
verwerthet werden. Der größte Theil wurde daher 
eingesalzen (1532 bei der Hirschjagd iiu Reichen 
bacher Amt 27 große Fässer voll) und dann nach 
und nach am landgräflichen Hose und in beit 
Häusern zu Reichenbach und Lichtenau verbraucht. 
Nur das auf den Pürschjagden gefüllte Wild fand 
seinen Weg unmittelbar in die fürstliche Küche. 
Trotz der großen Ausdehnung des Reviers 
war das ständige Forstpersonal nur gering. In 
den Amtsrechnungen um 1383 ist lediglich von 
einem „Holzfürster" die Rede; 1428 dagegen von 
dreien. Aus Aufzeichnungen von 1470 und 1471 
geht ferner hervor, daß die Förster damals ge 
wissermaßen als reitende Feldjäger verwendet 
wurden. Wiederholt mußten sie in jener Zeit, 
wie auch später noch der Ritterschaft an der 
Werra und den Städten (Rotenburg und Sontra) 
hoch zu Roß die Briefe zuführen, in denen 
Landgraf Heinrich III. seine Getreuen zum Kriegs 
dienste heischte. Um 1500 werden neben den 
alten Holzförstern dann noch genannt ein Jäger, 
der nunmehr aus der Burg hauste, um 1532 
ferner ein „Rehjäger", der aber nur vorüber 
gehend (vom 4. bis 22. Februar, 16. bis 21. März, 
11. April bis 10. Juni, 19. September bis 
7. Dezember) in Lichtenau war und die Umgegend 
bejagte, außerdem ein Forellenfänger und zwei 
Wasserhüter. Diese hatten ihren Sitz in Helsa, 
jener in Fürstenhagen. Ihr Wirkungsbereich 
umfaßte aber das ganze Amt. Während der 
großen Jagden wurde das Personal mehr oder
	        

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