Full text: Hessenland (9.1895)

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Und auch das gute Mütterlein 
Soll nicht von mir vergessen sein. 
Doch Dir sei, als 'nem Sonntagskinde, 
lfans Peter, noch ein Angebinde 
Don ganz besonders hohem Werth 
Zn Nutz und Fromm' hiermit beschert." 
Bei diesem Wort ergreift die Holde 
Lin Augenglas, gefaßt in Golde, 
Sonst aber war das kleine Ding 
Wie and're Brillen nur gering. 
„Das nimm", spricht sie, „als mein vermächtniß 
Zu dieser Weihenacht Gedächtniß. 
Wenn Du es trägst vor dem Gesicht, 
So sieht man zwar an Dir es nicht, 
Doch wirst Du selbst schon bald bemerken, 
Wie's Herz und Augen Dir wird stärken. 
Du siehst durch dieses Augenglas 
Mehr als der Menschen Durchschnittsmaß. 
Wo Du auch hinblickst, schau'ft Du nur 
Das Wahr' und Schöne der Natur. 
Du siehst das Gute selbst im Schlechten, 
Wirst nie mit Deinem Schicksal rechten, 
Und wo ein Mensch in Noth und Pein, 
Fühlst Du's und wirst sein Helfer sein. 
Wenn Du in Mangel je geräthest, 
Und in den Wald geh'st und dort betest. 
Wirst Du durch diese Brill' entdecken. 
Wo in der Erde Schätze stecken, 
Und all' das Gold, das sich wird zeigen, 
Das darfst Du nehmen als Dein eigen. 
Sobald nun, lieber Peter, jetzt 
Die Brille Du haft ausgesetzt, 
W sie mit Dir verwachsen ganz, 
Und ist ein Theil von Dir, Freund Hans. 
Nun nehmt noch mit, was Luch gefällt, 
Und dann lebt wohl für diese Welt!" 
hierauf verschwindet sie. Die Beiden, 
So reich beschenkt, nun auch bald scheiden, 
Und draus im Wald zuguterletzt 
Hat Bans die Brille aufgesetzt, 
Die gleich ihm einwuchs, und womit 
Sofort er kannte Schritt und Tritt. 
Gar schnell sie zu der Mutter kamen, 
Wo auch noch Wunder sie vernahmen, 
Denn auch bei ihr war eingekehrt 
Lin Bote, der ihr reich beschert. 
Vereint nun, hochbeglückt sie waren, 
Und daß der Hans nach wenig Jahren 
Berühmt ward als ein weiser Mann, 
Sich jeder selber sagen kann. 
Wenn sie nicht starben, sein wohl mag es, 
Daß sie noch leben heut'gen Tages. 
Wollt Ihr, daß nichts ich schuldig bliebe 
Und dieser Mär Moral auch schriebe? 
Nun gut! Die Brille ist die Liebe. 
Sind wir auch Alltagskinder, haben 
Rann jeder solche Sonntagsgaben. 
Wer Schönheit schaut, dem bleibt ein Schimmer, 
Und er vergißt das Wunder nimmer; 
Und wenn er fromm die Augen übt, 
So wird ihm nie der Blick getrübt. 
Wer echte Liebe sich bewahrt, 
Der hat die beste Lebensart; 
Und allem weh und allem Schmerz 
Gbsiegt ein liebend Menschenherz. 
Nie Regententhätigkeit Landgraf Wilhelms VT 
Von Dr. W. ©xotefenb. 
C. Das Finanz- und Steuerwesen. 
Da durch die Lasten, welche der Krieg im 
Gefolge gehabt hatte, die fürstlichen Einkünfte 
wesentlich geschmälert waren, der Wohlstand des 
Landes überhaupt sehr zerrüttet war, so befanden 
sich die hessischen Finanzen bei Antritt der 
Regierung durch Landgraf Wilhelm in recht 
schlechter Verfassung. Da stand der Landgraf 
vor zwei Ausgaben, die beide gleichzeitig zu 
losen kaum anging. Einmal mußten die auf 
genommenen recht erheblichen Schulden getilgt 
(Schluß.) 
werden, andererseits aber bedurfte die Steuer 
kraft des Landes dringend der Schonung, sollte 
sie sich wieder erholen können. Sie durste 
also zum Zweck der Schuldentilgung nicht zu 
stark in Anspruch genommen werden. Unter 
diesen leidigen Verhältnissen hielt es der Land 
graf für unerläßlich, die Ausgaben seines Hofes 
in Einklang mit den Bestrebungen, die seine 
Mutter gegen das Ende ihrer Regentschaft 
verfolgt hatte, bis auf Weiteres nach Kräften 
einzuschränken, was den gemeinschaftlichen Be 
mühungen des Landgrafen und des Kammer-
	        

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