Full text: Hessenland (9.1895)

326 
So geh' denn hin, doch nicht zu weit, 
Und hoffentlich kehrt Ihr zn Zweit 
Zu Eurer armen Mutter her, 
Daß Euch der heil'ge Christ bescher'. 
Ach, Gott, ich fürchte, dieses Mal 
Bringt er aus seinem gold'neu Saal 
Für uns nichts mit, doch mag's schon geh'u, 
wenn wir gesund uns wiederfeh'n!" 
„Frau Mutter," sprach der Lsans zu ihr, 
„Seid nur nicht bang und glaubet mir, 
Die Schwester find' ich sicherlich, 
Im Walde kenn' ich jeden Schlich. 
Doch meint Ihr, weil wir kaum zu essen, 
Das Christkind würd' uns heut' vergessen, 
So glaub' ich doch vielmehr mit Freude, 
Gerad' darum kommt's noch zu uns heute; 
Sieht's uns're Armuth, unsre Noth, 
So bringt's gewiß uns Fleisch und Brot, 
Und, ist's von mir nicht gar zu kühn, 
Glaub' ich, ein Baum auch wird uns blüh'n. 
Kurzum, ich geh' mit frohem Muth, 
Denk' nur, es wird noch Alles gut!" 
Und dann, nach einem Reverenzchen, 
Läuft fort zum Walde nufer Hänschen. 
Ein Sonntagskind, wie er es war, 
Ist nie des Glückes völlig baar. 
Er weiß, weun's gar nicht weiter geht, 
Ihn: eine Fee zur Seite steht. 
Als Peter Hans bis zu der Mitten 
Des Waldes war vorangefchritten, 
ward ihm, er wußte selbst nicht, wie, 
Zu Muth wie noch im Leben nie. 
Im Abendschein mit ihren Zweigen 
Die Bäume thaten sich verneigen, 
Und kleine Aeste, schien's ihm, baten, 
Doch ihre Schneelast abzuladen. 
Er that's, und, horch, im leisen Schwanken 
Hört er die Zweige fein ihm danken. 
Da fragt er: „Bäumlein hier am Grt! 
Mein Margarethelchen ist fort. 
Drum sagt mir, Zweig' und Aesterchen, 
wo weilt mein kleines Schwesterchen?" 
Die Bäume machten einen Anix: 
„Bedauern sehr, wir wissen nix! 
Doch geh' dorthin zuin Herrn Philister 
Uhu, das ist ein polyhister, 
Der weiß, wohin das Grethelcheu 
Hinlief, das uärr'fche Mädelchen." 
Hans Peter ging zur alten Eulen, 
Doch die that ganz erbärmlich heulen; 
Ein böses Thier hatt' sie gezupft, 
Das Federohr ihr ausgerupft. 
Der kleine Mann ohne Besinnen 
Nahm schnell sein Tüchlein her von Linnen 
Und heilte so durch ein verband 
Die Wunde init geschickter Hand. 
Dann, als das Leiden nach schon ließ, 
Stellt' er sich vor und sagte dies: 
„Filou, Filou, Philisterchen, 
wo steckt mein kleines Sisterchen? 
Es lief uns fort vor ein'ger Zeit, 
Nun suche ich's voll Herzeleid." 
Der Uhu ehrlich gab Bericht: 
„Es thut mir leid, ich weiß es nicht. 
Allein, wenn nicht mein Scharfsinn trügt, 
So hat es sich wohl so gefügt, 
Daß heut' vor der geweihten Nacht 
Das Grethchen früh sich aufgemacht 
Und dann in seinem Herzverlangen 
Dem Christkind ist entgegengangen. 
Laus zu dem Reh herüber nur, 
Dem ist bekannt Anecht Ruprecht's Spur." 
Der Peter eilte fort und fand 
Lin Reh am Waldeswiesenrand. 
Das arme Thierlein witterte 
Nach Gras und fror und zitterte. 
Bans scharrt' den Schnee hinweg sogleich 
Und bettet' ihm ein Lager weich, 
Deckt' auch das Rehlein gut zur Ruh' 
Mit seinem Shawl fürsorglich zu. 
Dann reicht' er hin ihm ein paar Bröcklein, 
Die gierig fraß das gute Böcklein. 
„Ach", sagte er, „Du liebes Reh, 
Mir ist in meinem Herzen weh'. 
Seit Stunden such' ich uns're Greth' 
Und find' sie nicht, und 's wird schon spät. 
Ich glaub', entgegengangen ist 
Sie unserm lieben heiligen Christ. 
Doch wo die Spur sei solcher Fährte, 
Zu finden, macht mir viel Beschwerde." 
„Ei, das ist leicht," sprach d'rauf das Thier, 
„Komm' nur gleich her und folge mir! 
Du bist bereits auf gutem Wege. 
Ich kenne hier im Waldgehege 
Ein Wunderblümchen, schön und rar, 
Es blüht nur alle hundert Jahr'; 
Nur guten Menschen kann's gedeih'n, 
Doch müffen's Sonntagskinder sein." 
„Das trifft sich mal," rief da geschwind 
Der paus, „ich bin ein Sonntagskind!" 
Und ohne Säumen und Beschwer 
Läuft mit dem Rehlein er einher. 
Nun sank hernieder die geweihte, 
Hochheil'ge Nacht, die einst befreite 
Durch ihr Geschenk auf immerdar 
Die sündenvolle Menschenschaar. 
Der Wald stand still in Ehrsurchtsgrauen 
Und demüthigem Insichschauen, 
Doch lauschte er mit feinem Dhr, 
was droben fang ein Engelchor.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.