Full text: Hessenland (9.1895)

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Zarter Kern in rauher Schale. Im 
Rotengraben zu Marburg wohnte der Daubert, 
ein einfältiger, treuer, armer Mann. Seine 
Wohnung war so erbärmlich, daß er die Leiche 
seiner Frau Tag und Nacht bewachen mußte, um 
sie gegen die Ratten zu schützen. 
Er hatte eine Pfeife, woraus er beständig rauchte. 
Als ich ihn fragte, woher er die hätte, erzählte 
er mir: 
„Sie wisse, unne in meim Haus, unner mer hott 
joh der Schmitt, der Schreiner, gewohnt. Na, 
vorges Johr lag e dann und wollt sterwe. Sei 
Frau und sei Tochter standen beim und krischen. 
Ta ging ich nunner, macht die Thir uff und saht: 
Macht Ehr denn, daß Ehr raus kommt; Ehr laßt 
en joh mit Eierem Geflenne nit emal ruhig sterwe. 
Wie se nu drauße waren, stand ich so allein beim; 
in seine Brustkasten ging es alsfort Rrrrr, Rrrrr, 
Rrrrr. Us ehmol saht er zu mer: Taubert, saht 
er zu mer, siehst Te da mein Pfeif', die nimm 
der zum Andenken. Awwer ich nahm se uit. Ich 
dacht, he kennt sich noch 'n bischen dran freie, 
wenn er se so angucke deht. Un nu gings Widder 
Rrrr, Rrrr. Uff ehmol macht er Hp, weck war ; 
er. Ta macht ich die Thir uff, ries sei Frau und 
saht: So, nu kennt Ehr flenne, nahm mei Pfeif 
und ging miss." —<1. 
Aus Heimath und Fremde. 
Notizen. Tie durch den Tod Daniel Frey's 
erledigte Direktion des Hananer Stadttheaters 
ist vorläufig aus ein Jahr den Herren Oppmar 
und Ja ritz, die beide dem Verbände des könig 
lichen Hoftheaters zu K a s s e l angehören, unter 
der Bedingung übertragen worden, daß sie sich 
mit dem seither bestandenen Vertrage einverstanden 
erklären. — In Eschwege feierte am 9. Januar 
der Lehrer Hempfing in voller Rüstigkeit das 
50jährige Dienstjubiläum. Zahlreiche Ehrungen 
von Kollegen, Vorgesetzten, Schülern und Mit 
bürgern wurden ihm zu Theil. Außerdem erhielt 
der Jubilar den Hrchenzollernschen Hausorden mit 
der Jahreszahl 50 und ein Glückwunschschreiben der 
königlichen Regierung. 
Marburger Universitätsnachrichten. Be 
kanntlich war zum Nachfolger des im Sommer ver 
storbenen Professors der alttestamentlichen Theologie 
Du. Tillmann an der Berliner Universität Professor 
Du. Graf von Baudissin berufen worden. 
Seine Ernennung stand bereits im „Staatsanzeiger", 
sein Amtsantritt war für Ostern festgesetzt und zu 
seinem Nachfolger in Marburg war Professor 
Du. Baethgen aus Greifswald bestimmt. Wie 
die „Kreuzztg." hört, bleibt nun Professor Dr. Graf 
von Baudissin aus seinen Wunsch in Marburg, 
und Du. Baethgen wird an seiner Statt die Berliner 
Professur zu Ostern übernehmen. — Professor 
Du. Wissowa von der philosophischen Fakultät ist 
an die Universität Halle berufen worden. — Ernannt 
wurde der Privatdozent in der medizinischen Fakultät 
Du. von Bringn er zum außerordentlichen Professor. 
Dem Bibliothekar an der Universitäts-Bibliothek und 
Vertreter des Direktors Du. Münzet wurde der 
Titel „Ober-Bibliothekar", dem Privatdozenten in 
der philosophischen Fakultät Du. Stosch das 
Prädikat „Professor" verliehen. 
Am 3. August 1394 verstarb zu Kassel — wie 
s. Z. mitgetheilt — nach langem schweren Leiderr der 
Konsistorial-Prüsident Friedrich von 
Trott zu Solz. Wir veröffentlichen noch nach 
träglich einige Mittheilungen über seinen Lebensgang, 
die uns in dankenswertster Weise zur Verfügung ge 
stellt wurden. Er war als zweiter Sohn des kur 
fürstlichen Staatsministers und Bundestags-Ge 
sandten Fr. H. W. L. von Trott zu Solz geboren 
am 11. Oktober 1835. Durch Hauslehrer vor 
gebildet besuchte er die Brenuing'sche Erziehungs 
anstalt zu Friemen, dann die Gymnasien zu Hers 
feld und Marburg, bezog zu Ostern 1857 die 
Universität Marburg, später zu Heidelberg. Im 
Dezember 1861 wurde er zum Obergerichtsreferendar, 
l864 zum Referendar bei der Lbersinanzkammer, 
1863 zum Regierungs-Assessor ernannt und bei 
dem Landrathsamt zu Kassel, 1869 bei dem Amt 
Freiburg in Hannover, 1870 bei dem Landraths- 
nmt Beuthen in Oberschlesien beschäftigt, 1871 zum 
Amtmann in Orb, 1875 zum Landrath in Geln 
hausen, 1883 in Fulda, 1891 zum Direktor des 
Konsistoriums in Kassel mit dein Charakter als 
Präsident ernannt. Verheirathet war er seit dem 
4. Februar 1873 mit Marie Freiin v. Haßdors 
aus Nürnberg, mehrere Kinder verlor er frühzeitig 
durch den Tod. Nicht nur durch sein reiches 
Wissen, durch seine Thatkraft und treue Pflicht 
ausübung füllte er überall seine Stelle voll und 
ganz aus, vor Allem erwarb er sich durch seine 
Herzensgüte und sein liebevolles Eingehen aus die 
ihm anvertrauten Interessen, durch deren warme 
Förderung und Vertretung nach allen Seiten hin, 
durch sein freundliches leutseliges Wesen und seinen 
Gerechtigkeitssinn in allen Stellungen rasch all 
seitige Achtung, Vertrauen und Liebe. Sein 
allzufrühes Hinscheiden ist in den weitesten Kreisen 
schmerzlich empfunden worden. v. B.
	        

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