Full text: Hessenland (9.1895)

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abgesprochen und Paul Du Ry zugeschrieben (S. 16). 
Am wichtigsten ist wohl, daß die von Gurlitt 
(S. 443) bemerkte Aenderung in der Stilrichtung 
S. L. Du Ry's („es zeigt sich in Kassel eine ganz 
merkwürdige Stilrichtung") u. s. w. als aus der 
ganzen Vorbildung Du Ry's entspringend sestgestellt 
wird (S. 105). 
Ich lasse ein kurzes Referat über den Inhalt 
des Buches folgen. Das Buch beginnt mit einer 
Uebersicht über die Familiengeschichte der Du Rys, 
die von dem Verfasser schon an einer anderen Stelle 
(Geschichte Hugenottischer Familien III) behandelt 
worden ist. Es folgt das 1. Hauptstück, welches 
von Paul Du Ry handelt. Demselben werden 
folgende Leistungen (ich nenne nur die wichtigeren) 
zugeschrieben: Anlage der Oberneustadt, ebenso der 
Stadt Karlshafen und einiger mit Hugenotten be 
setzten Dörfer, ferner Bau des Palais des Prinzen 
Georg, des Prinzen Maximilian (jetzt Theater), 
des von Challot'schen Hauses (Königsstraße 31), des 
Observatoriums, des fürstlichen Hauses in der 
Frankfurter Straße, der Oberneustädter Kirche 
(die Bedeutung der reformirten Predigtkirche im 
Gegensatz zur katholischen Chorkirche wird hier ge 
würdigt, S. 11), des Kunsthauses und des Orangerie 
schlosses. Von Charles Du Ry (2. Hauptstück) kommen 
in Betracht: die lutherische Kirche, die frühere 
Gemäldegallerie, Wilhelmsthal. Den größten Raum 
nimmt das 3. Hauptstück (Simon Louis Du Ry) 
ein. Ueber den Bildungsgang dieses größten der 
Du Rys werden wir genau unterrichtet. Seine 
Studienreisen nach Schweden, Paris und Italien 
kommen zur Besprechung. Für die Kultur- und 
Sittengeschichte des vorigen Jahrhunderts füllt dabei 
Manches ab. Seine hauptsächlichsten Arbeiten 
sind: Vollendung des Schlosses Wilhelmsthal, das I 
Meßhaus, die Kolonaden, Anlage des Friedrichs 
und Königsplatzes mit den meisten dieselben ein 
fassenden Gebäuden, darunter vor allem das alte 
Posthaus, Königsplatz 55, Friedrichsplatz 41, das 
von Jungten'sche Haus (jetzt Palais), das Museum, 
die katholische Kirche, das v. Waitz'sche Haus am 
Theaterplatz, das Rathhaus, das französische Hospital, 
die Garde du Corps-Kaserne u. a. m. Auch über 
S. L. Du Ry's Verhältniß zu den damaligen ge 
lehrten und künstlerischen Gesellschaften Kassels 
werden wir unterrichtet. Der letzte Abschnitt ist 
dem vielversprechenden, aber srühverstorbenen Sohne 
S. L. Du Ry's, Karl Du Ry, gewidmet, mit dessen 
Tode in Neapel die Künstlerfamilie ihr Ende nahm. 
Das Buch dürste nicht allein für den Kunst 
historiker, sondern auch für den Bewohner Kassels, 
der sich für die Baugeschichte seiner Vaterstadt 
interessirt, von großem Interesse sein. Die Aus 
stattung desselben ist eine sehr gute. Cs enthält 
eine Reihe Bilder (48 Nummern) der wichtigsten 
und schönsten Gebäude vou Kassel und Umgegend. 
Besonders sind die Bilder von Wilhelmsthnl hervor 
zuheben. Leider haben sich einige Druckfehler 
eingeschlichen. So muß es S. 174 Zeile 14 und 
2 v. u. heißen 1798 statt 1799 und 1797, da 
Karl Du Ry nach der vergleichenden Jahresübersicht 
S. 180 im Jahre 1798 gestorben ist. 
Neue Märchen von Kurt Nutzn. (Mit Ab 
bildungen.) Hanau (Druck und Verlag von 
I. C. Kittsteiner, Hanau-Kesselstadt) 1895. 
142 Seiten gr. 8°. Preis 2,50 Mark. 
Märchen voll Marie Schotten. Mit Bilderu 
von Adolf Wagner. Kassel (Verlag von 
Gustav Klaunig) 1895. 
Zwei Märchensammlungen hessischen Ursprungs 
zeigen wir heute unsern Lesern an, die beide 
werth sind, den Weihnachtstisch unserer Kleinen 
zu schmücken unb denen wir deshalb bereitwillig 
ein empfehlendes Wort mit auf den Weg geben 
möchten. Kurt Nutzn, unser hessischer Dichter, 
dem das „Hessenland" schon so manche poetische 
Gabe verdankt, hat sich hier auf das Gebiet der 
Erzählung begeben und beit Beweis erbracht, daß 
er auch aus diesem recht wohl zu Hause ist. In 
nuferer prosaischen Zeit, in der die nüchterne 
Wahrheit des täglichen Lebens mit ihren tausend 
Kümmernissen und Sorgen so Vielen das Herz 
drückt, ist es mehr denn je die Ausgabe der 
Eltern, soweit es in ihren Kräften steht, über der 
Ausbildung des Blickes für das Praktische die Pflege 
des idealen Sinnes nicht zu vergessen und Sorge 
zu tragen, daß nicht die rauhe Wirklichkeit schon 
früh alles wärmere Herzensgefühl erstickt und 
ertödtet. Mit solchem Bestreben begegnet sich 
die Absicht unseres Märchenerzählers, der als 
Schulmann vom Fach ein seines Verständniß 
für das besitzt, was der Seele des Kindes frommt 
und was das kindliche Gemüth zu fesseln ver 
mag. Die von ihm aufgenommenen Märchen sind 
diesem Zwecke verständnißvoll angepaßt und mit 
Geschick ausgewählt, weshalb kein Bedenken vor 
liegt, das Buch der schulpflichtigen Jugend warm 
zu empfehlen. Der Dichter im Verfasser verleugnet 
sich auch in dieser Gabe nicht, sein Erzählertalent 
verdient alle Anerkennung. 
Als geeignetes Geschenk für die kleinere Jugend 
bietet sich das Büchlein von Marie Schotten, 
einer hessischen Landsmännin, deren Namen wir 
aus dem Büchermarkt bislang noch nicht begegnet
	        

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