Full text: Hessenland (9.1895)

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er bald nach 1866 zu Chausseesteinen zerschlagen 
wurde, ein 19 Fuß langer, 7 Fuß breiter und 
dicker graner Sandstein, welcher dem eine Stunde 
von Martinhagen entfernten Steinbruche bei dem 
Dorfe Balhorn entstammte. Dieser Stein, der 
im Laufe der Zeit mehr und mehr verwittert war, 
ist in groben Umrissen dereinst behauen worden, 
um die Stelle einzunehmen, an welcher sich jetzt 
der kupferne Riese auf beut Habichtswalde erhebt. 
Francesco Gueruieri, der italienische Baumeister 
des Landgrafen Karl von Hessen, hegte die Absicht, 
das bei Balhorn gefundene Material ztt der 
Statue des Herkules zu verwenden, die er als Schluß- 
stück der Pyramide des Oktogons anzufertigen 
hatte, erkannte aber, als er die Form des Halb 
gottes bereits hatte in den Stein meißeln lassen, 
daß der 19 Fuß hohe Herkules aus einem 11 Fuß 
hohen Postamente über der 96 Fuß hohen Pyramide 
aus der gegen 150 Fuß hohen Felsenburg, vollends 
aber von nuten, von dem Ftrße des Habichtswaldes 
aus gesehen, doch gar zu winzig ausschauen würde. 
Ans keinem anderen Grunde wird die bereits be 
gonnene Bearbeitung des Steines eingestellt sein. 
Wenn nun im „Beobachter" oder den „Kas 
seler Blättern für Geist und Herz", 
Jahrgang 5, Nr. 62 vom 3. Juni 1836, denen 
wir bis aus die uns von Herrn Pfarrer Kleyen- 
steuber in Martinhagen gütigst gemachte Mit 
theilung über den Zeitpunkt der Zerstörung des Steines 
folgten, weiter berichtet wird: einer nicht näher be- 
zeichnetett Nachricht zufolge sei der Steiu im Jahre 
1770 drei Viertel einer Stunde weitaus dem Bruche 
bei Balhorn mit 4000 Thaler Kostenersorderniß 
fortgeschafft, so würde daraus hervorgehen, daß 
Guernieri dermaleinst den Stein im Bruche selbst 
belassen hätte. Auffällig ist die für den Transport auf 
dreiviertel Stunden Weges angeblich aufgewandte 
hohe Summe von 4000 Thalern, ausfällig, daß 
der Block so schnell wieder abgeladen wurde. Noch 
weniger stichhaltig erscheint die im „Beobachter" 
alsdann folgende Bemerkung, im Kirchenbuche zu 
Martinhagen sei zu lesen: „Heilte wurde der große 
Steiu glücklich weiter und nach Kassel geschafft", 
da der eben bezeichnete Herr weiter erklärt, daß 
in den Kirchenbüchern von Martinhagen bei gründ 
licher Durchsicht keine Bemerkung der fraglichen 
Art zu finden sei. Damit fallen auch die an 
diese unrichtige „Beobachtung" geknüpften Schlüsse 
des Artikelschreibers in sich zusammen. 
Interessant bleibt es dagegen, über den oben 
erwähnten angeblichen kostspieligen Transport der 
roh behauenen Statue Atithentisches zu erfahren. 
Sollte wohl eine Lösung dieses Räthsels darin zu 
suchen sein, daß sich die betreffenden Angaben gar 
nicht aus die Gestatt des sarnesischeu Herkules für 
das Oktogon beziehen, sondern auf einen gattz 
anderen Block aus dem Bruche bei Balhorn? 
Vielleicht ist einer der Leser des „Hessenland" in 
der Lage, volle Ausklärung zu geben. 
Aus Keimath und Fremde. 
Der Verein für hessische Geschichte 
und Landeskunde hielt am 25. November- 
Abends im Saale der Oberrealschule ztt Kassel 
seine Monatsversammlung ab, die sich eines ganz 
ausnehmend zahlreichen Besuches erfreute. Es war 
dieser Umstand vermuthlich dem für die Sitzung 
angesetzten Vortrage des Vorsitzenden des Vereins, 
Bibliothekar an der Landesbibliothek Dr. H u g o 
Brunner, zuzuschreiben, dem allgemein mit um 
so größerer Spannung entgegen gesehen wurde, 
als es sich um ein Thema handelte, das schon an 
und für. sich geeignet war, hier in Hessen weit 
und breit besonderen Anklang zu finden, nämlich : 
„Die Okkupation Hessens durch die 
Franzosen i m Jahre 1 806 und die 
S chicksale des kurfürstlichen Haus- und 
Staatsschatzes", zudem die Persönlichkeit des 
Redners dafür bürgte, daß etwas hervorragettd 
Gediegenes in Aussicht stand. Diese Erwartung 
sollte denn auch nicht trügen. Obwohl die 
Zeit der Vorbereitung nur kurz bemessen ge 
wesen war, verstand es der Herr Vortragende 
dennoch durch seine formvollendeten, inhaltreichen 
Darlegungen, welche auf vom Herrn Landes 
direktor in Hessen der Ständischen Landesbibliothek 
soeben überwiesenen werthvollen Aktenstücken des 
Ständischen Archivs beruhten und dem bis jetzt 
Bekannten gegenüber vielfach völlig Neues brachten, 
ungemein zu fesseln, sodaß ihm rauschender Beifall 
zu Theil wurde. Tank dem freundlichen Ent 
gegenkommen des Herrn Redners ist es uns ge 
lungen, dessen Erlaubniß zum Abdruck seines 
Vortrages im „Hessenland" zu erwirken. 
In der ersten Nummer des Jahrgangs 1896 soll 
mit demselben begonnen werden. 
Am 14. November beging der seit dem 1. Ok- 
! tober 1879 als solcher thätige Präsident des 
Landgerichts zu Marburg Geheimer Justizrath 
Schultheis, eine Zierde des hessischen Richter 
standes, die Feier seines fünfzigjährigen Dienst- 
> jubiläums. Dem in weiten Kreisen beliebten ttttb 
I hochgeachteten Jubilar, der sich trotz seiner 72 Jahre 
j noch voller geistiger wie körperlicher Kraft und 
! Rüstigkeit erfreut, wurden bei dieser Gelegenheit 
; vielfache Beweise der Anerkennung und Verehrung 
I zu Theil.
	        

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