Full text: Hessenland (9.1895)

318 
Das Handwerksburschenlied, 
welches in Nr. 19 des „Hessenlandes" veröffentlicht 
wurde, um dessen Heimath festzustellen, hat die 
Aufmerksamkeit so vieler Kreise erregt, wie gewiß 
kein zweites Lied der Handwerksburschen. Und j 
wenn auch nicht im Namen dieses ehrbaren Standes, 
von dem ich dazu kein Mandat besitze, so danke 
ich im Interesse der Sache für all' die zahlreichen 
Mittheilungen, die theils an die Redaktion dieser 
Blätter, theils an mich direkt gelangten. 
Danach stellt sich nun heraus, daß in jenem 
Liede das Wort „Anke" nicht im Sinne des in 
Hessen gebräuchlichen Ausdrucks verstanden werden 
will. Denn wenn auch eine „süddeutsche Dame" 
beini Anblick des Töchterchens einer verehrten 
Mitarbeiterin ausrief: „Ach, was hat das Kind 
für e goldig Änkche", so steht doch fest, daß das 
Wort Anke in dem vorliegenden Liede nach dem 
alemannischen Süden weist und dort, wie Herr 
Dr. Ph. L. mittheilt, „Butter" bedeutet. Sehr 
richtig macht dann Herr Lehrer L. darauf auf 
merksam, daß das Wort, nach Tetzner's Wörter 
buch S. 16, mit unguentum verwandt sei (Salbe, 
Schmiere). In der Bedeutung von „frischer Butter" 
(süße Anke), kommt es in Hebel's „Alemannischen 
Gedichten" vor, was indessen nicht hindert, unter 
Anke auch Butter im allgemeinen zu verstehen, 
denn die „Erwinia", der das Lied bekanntlich ent 
nommen war, sagt in ihrer Nummer vom 1. No 
vember. im elsässischen Dialekte bezeichne Anke 
„eingesottene Butter". Wie dem auch sei, die 
Stelle des Liedes 
Ich nehme de Speck 
Und Du die Anke; — 
besagt also, wie eine andere Mitarbeiterin, Frau 
v. d. L., hervorhebt, nichts Anderes, als: die beiden 
Handwerksburschen nahmen von allem das Beste, 
d. h. sie schöpften das Fett ab. Nur ganz neben 
sächlich sei hierbei für unsere hessische „Anke" noch 
die Frage aufgeworfen: sollte die „süddeutsche 
Dame" zu dem Ausdruck „goldig Änkche" nicht 
unwillkürlich doch durch etwas veranlaßt worden 
sein, was an unguen erinnert? (Speckhülsche?) 
Indessen — jene paar Worte des Liedes, die an 
hessische Ausdrücke erinnerten, waren ja nicht das 
Wesentliche meiner Mittheilung in Nr. 19 dieses 
Blattes. Die Hauptsache lag in der Frage: 
„Wer weiß über dieses Lied, als dem hessischen 
Volksmunde nicht fremd, Auskunft zu geben?" 
Und diese Frage wurde gar nicht beantwortet, 
vielmehr nur gestreift, und zwar gestreift zu meinen 
Ungunsten, indem eine der liebenswürdigen Mit 
arbeiterinnen versicherte, sie sei zwar in der Königs 
straße (in Kassel) geboren und erzogen, dies Lied 
habe sie jedoch nie gehört. Meine gnädigste Frau, 
ich bitte um Verzeihung, aber — mein musikalisches 
Gedächtniß läßt mich nicht im Stiche. Wissen 
Sie, wir bösen Jungen, die wir in der Gegend 
des Marställerplatzes hausten und, trotz mancher 
häuslichen Strafe wegen zerrissener Kleider, doch 
immer wieder am Schloßberg die von der Sicher 
heitsbehörde sehr vernachlässigte Dielenwand über 
kletterten, um in der Chattenbnrg Räuber und 
Gendarmen zu spielen, wir haben, so gewiß ich 
auch einmal Räuber Jaromir war, gar manche 
Lieder gesungen, die wir in der Königsstraße nicht 
gesungen haben würden. Damit will ich jedoch 
nicht gesagt haben, daß wir uns an häßlichen 
Liedern erfreut hätten; nein, nein, meine gnädige 
Frau, das war nicht der Fall; wir waren wirklich, 
so weit unsere schwachen Kräfte reichten, leidlich 
anständige Buben. Aber jene Oertlichkeiten sind 
es, wo ich in meiner Jugend mit anderen Jungen 
auch jenes Lied gesungen habe, jenes Lied, das 
ich kürzlich, als' aus der Ha genauer Gegend 
stammend, bezeichnet fand. Und ich habe mich 
in meiner Erinnerung nicht getäuscht. So weit 
die deusche Zunge unseres lieben „Hessenlandes" 
klingt, waren die literarischen Geister aus dies 
Handwerksburschenlied aufmerksam geworden, sodaß 
man mir kürzlich bei einem Diner in Frankfurt a. M. 
die „Naffauischen Volkslieder" von Ernst von 
Wolfram reichte, worin ich zu meiner großen 
Ueberraschung unter Nr. 379 mein Lied finden 
sollte, und zwar mit einigen weiteren Strophen, 
die mir sofort als alte Bekannte erschienen, z. B. 
die eine: 
Hat mich kein Mädchen lieb, 
So läßt sie's bleiben, 
Wer weiß, wo mich der Wind 
Noch wird hin treiben. 
In Lust, Lust leben wir rc. 
Indessen ist das Lied auch aus der Volkslieder 
sammlung unseres verstorbenen Mittler bekannt 
geworden, und die „Erwinia" schreibt, das von 
ihr mitgetheilte Handwerksburschenlied „scheine 
nicht nur im Elsaß, sondern auch in anderen 
Gegenden Deutschlands bekannt zu sein". 
Nun — das ist es, was ich an diesem Volks 
liede feststellen wollte. 
Gart H'reser. 
Airs alter und neuer Zeit. 
Der steinerne Herkules bei Martin- 
Hagen. Nahe bei Martinhagen, vier Stunden 
von Kassel, auf einer Wiese hart an der Landstraße 
von Corbach über Naumburg nach Kassel, lag, bis
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.