Full text: Hessenland (9.1895)

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Wolf'schen Häuser stehen, lag der Abendvereins 
garten. Waldbäuine und schlanke Pappeln 
hoben ihre Kronen hoch über die Umsriedigung 
empor; wie paßte ihre Rauschen so gut in die 
stille Straße! Sie schauten hinüber nach den 
Bäumen des Theatergartens den eine stolze Mauer 
nach der Straße abschloß. — 
Der Abendvereinsgarten endete mit einer 
Terrasse, aus welcher Hanusch's Saalbau 
dicht angelehnt an ein Haus stand, das ver 
schiedenen geschlossenen Gesellschaften nach einander 
seine Räume verpachtet hatte. Die Gesellschaft 
„Oetker", dann „Abendverein", „Lese 
museum" und schließlich „Abendunterhaltung" 
haben hier getagt; von dem schönen Garten ist 
heute auch nicht mehr viel vorhanden. 
Es ist kein Leichtes, sich den stattlichen Bau: 
Landeskreditkasse, die Häuser des ver 
längerten Ständeplatzes, das Kunsthaus, alle 
die stolzen Gebäude der Straßen in der Richtung 
nach Wilhelmshöhe hinweg zu denken und 
dafür die früheren Zustände jener Gegend wieder 
vor die geistigen Augen zu zaubern! — Der 
Grund und Boden, auf welchem sich die Landes 
kreditkasse erhebt, war ehedem ein großer, schöner 
Obstgarten, der zu Anfang der 40 er Jahren der 
Familie M e i st e r l i n g gehörte, dann Henkels 
und zum Schlüsse Sallmann's Garten wurde. 
Seine Hecke links und die Mauer an der Garde 
du Corps-Kaserne entlang waren die beiden Seiten 
eines schmalen Weges der in die „alte Allee" 
mündete, gegenüber den neuen Wolf'schen Häusern, 
während seine rechtsgelegene Abgrenzung den 
Karthäuser Weg bilden half. Vor dem ge 
nannten Garten und den Wegen breitete sich eine 
große grüne Fläche aus, von der Garde du Corps- 
Kaserne fast bis an das Grundstück des Handschuh 
fabrikanten Grebe, und dieser, sonst so stille 
Platz war zur Zeit der Messen vom regsten 
Leben und Treiben überfluthet; denn hier waren 
die Buden aufgeschlagen mit den Sehenswürdig 
keiten aus „aller Herrn Länder", und die Be 
wohner der umliegenden Häuser in damaliger 
Zeit haben sicherlich jenen Meßtagen mit ihren un 
vergleichlichen Harmoniken ein Gedenken bewahrt? 
— Während genannter Tage spielte eine stadt 
bekannte Persönlichkeit in dieser Budenkolonie ihre 
Rolle; mehr noch wie es schon im gewönlichen Laufe 
der Tage herkömmlich war. Ich meine den Kasseler 
Schweinehirten Wilhelm Schinken. 
Wo auch im Straßenleben Kassels irgend 
etwas Besonderes sich ereignete, konnte man sicher 
sein, diesem merkwürdigen Individuum zu begegnen, 
sei es: an Markttagen auf dem Königsplatz oder 
Brink, bei Streitigkeiten der Straßenjugend, oder 
während der Messe —, immer wußte sich Wilhelm 
Schinken geltend zu machen. Seinen ureigentlichen 
Berufe nach war er Kohlen- und Schneeschüpper. — 
Einmal zu Ansang der fünfziger Jahre sollte 
von Hanusch's Garten aus ein Luftballon auf 
steigen. Bis nun der Ballon zu seiner Reise 
vorbereitet war, hielten einige Männern ihn an 
starken Stricken fest. Plötzlich erhob sich das 
Luftschiff hoch empor, und ein erschrecktes Rufen 
ertönte. An einem der Stricke, die an der Gondel 
herabhingen, klammerte ein Mann, der jedenfalls 
nicht zur rechten Zeit das Seil losgelassen hatte 
und nun in schrecklicher Lage zwischen Himmel 
und Erde schwebte. Der Ballon streift zum 
Glück nun das Dach des v. Waitz'schen Hauses, 
und konnte sich dadurch der unfreiwillige Luft 
segler retten. Bald nachher erschien er wohl- 
gemuth unter der erschreckten Menge, und Wei 
mar es? — Wilhelm Schinken! 
Ein andermal hatte ein Meßbudenbesitzer mit 
tönenden Phrasen das Hauptstück seiner Sehens 
würdigkeiten angekündigt in „Himgrio, dem wilden 
Aschanti" und hob hervor, daß dieser Wilde Vör 
den Augen des Publikums lebendige Tauben verzeh 
ren würde. Aber dieses wunderbare Schauspiel fand 
bald darin seinen Abschluß, daß man irr „Hun- 
grio" den allbekannten Wilhelm Schinken ertappte. 
Als in den fünfziger Jahren die sogenannten 
Amazonenhüte bei den Damen Mode wurderr 
und man verschiedentlich diese mit dem Argwohn 
betrachtete, als wären sie die erste Staffel zur 
„Frauenfrage in Kassel", sollte durch Verhöhnung 
dieser Mode eine Grube gegraben werden. Man 
hatte bei einer der ersten Putzmacherinnen in 
Kassel einen eleganten Amazonenhut bestellt, den 
Wilhelm Schinken leicht dazu gewonnen, sich mit 
diesenr zarten Kunstwerk zu schmücken und dann 
langsamen Schrittes die Königsstraße hinauf und 
hinab zu wandeln. Große Heiterkeit war natür 
lich der einzige Erfolg dieser Modeverspottung! 
Während eines „Krieges" zwischen Kasseler und 
Rothenditmolder Jungen spielte Wilhelm Schinken 
den tapferen Anführer der ersteren, eine That 
sache, an die sich noch mancher alte Kasselaner 
mit Freuden erinnert. — 
Lieber Königsplatz, du gefielst mir besser, 
bevor die Trambahn eiserne Runen in dein 
heiteres Antlitz grub; entsinnst du dich noch 
deines Hallengebäudes unb wie es die Haupt 
wache der Bürgergarde war? 
Vor der Trambahnzeit erfüllte der Königsplatz 
als Kinderstube, Marktplatz und Aufstellungsplatz 
der „Echolocker" seinen Beruf.
	        

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