Full text: Hessenland (9.1895)

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Hierauf sagte er: „„Sternwarte."" Ich fuhr fort: 
„Auch die Sternwarte ist von meinem Vorgänger 
eingerichtet worden und besitzt einige sehr werth 
volle Instrumente. Sie ist auf einem isolirt 
stehenden Thurme hergerichtet, man pflegt heut 
zutage solche Anlagen meistens als Parterre 
anlagen auszuführen, damit eine möglichst sichere 
Aufstellung der Instrumente erreicht werden 
kann." Diese meine Bemerkung war aber wohl 
nicht ganz klug gewesen. Denn sie wurde, wie 
ich später mitgetheilt erhielt, vom Kurfürsten in 
Verbindung mit einem anderen Universitätsinstitut 
gebracht und führte im Ministerium bald dar 
aus zu Aeußerungen des Kurfürsten, die eine 
große Erregung erkennen ließen. Der Kurfürst 
fragte weiter: „„Wie lange schon in Marburg?"" 
„Halten zu Gnaden, Königl. Hoheit, im Jahre 
1860 habe ich mich als Privatdozent für Physik 
habilitirt und erhielt im Jahre 1864 die Aller 
höchste Ernennung zum Extraordinarius in der 
philosophischen Fakultät." Hierauf machte der 
Kurfürst eine kleine Verbeugung, ging von mir 
weg an das gewohnte Fenster, ich aber machte 
es nicht wie mein Kollege F„ blieb nicht stehen, 
sondern trat sogleich aus dem Audienzzimmer 
hinaus. So endete eine letzte Audienz. — 
Mein Freund S. hatte außen auf mich ge 
wartet und ging zwischen duftenden Blumenbeeten 
hin und her spazieren. Als ich aus dem Schlosse 
herauskam, sagt er mir: „Wo bleibst Du denn 
nur so lange?" „Ja," sagte ich, „ich bin eben 
erst entlassen worden: die Audienz hat beinahe 
zwanzig Minuten gedauert." „Wie hast Du 
denn das nur angefangen, was sagte er denn 
alles?" Ich erzählte ihm nun den ganzen Ver 
lauf der Audienz, woraus er seine Ueberraschung 
zu erkennen gab mit der Bemerkung: „Da 
hast Du mehr Glück gehabt wie ich". Ich 
sagte ihm: „Ich kann es nicht leugnen, 
der Kurfürst ist mir mit einer unverkenn 
baren Freundlichkeit und mit deutlichem Wohl 
wollen begegnet." 
Mögen Andere beim persönlichen Verkehr mit 
dem letzten Kurfürsten von Hessen andere Erfah 
rungen gemacht haben, ich gehöre zu denen, und 
ihre Zahl ist sicherlich nicht gering, welche in 
Wahrheit sich freuen, gestehen zu können, daß 
diesem Mann Freundlichkeit und Leutseligkeit 
nicht inangelte, und als mit dieser Eigenschaft 
versehen habe ich mir ein Bild von ihm in Ge 
danken zìi bewahren gewußt. 
Vom alten Kassel 
Von Jeanette Bramer. 
îler 
» 
unsere liebe alte Vaterstadt nicht verlassen 
mußte, um dauernd anderwärts zu wohnen, 
wer ihre Entwicklung seit 1866 täglich mit 
erleben konnte und zusehen konnte, wie aus der 
Gartenstadt fast eine Großstadt heranwuchs mit 
allem Comfort der Neuzeit, der kann sich nicht 
so leicht in das Empstnden eines Heimkehrenden 
versetzen, dem es darum zu thun ist, liebe Er 
innerungsplätze aufzusuchen, und der nun überall 
auf Neues stößt, das dem Alten die Existenz 
berechtigung raubte. — Aber es ist doch überall 
schöner und bequemer geworden? Bestes Straßen 
pflaster, Beleuchtung, Wohnungen, Anlagen, Ver 
kehrsmittel, bequem und elegant wie wir es vor 
66 nicht kannten, haben aus dem schlummernden 
Dornenröschen „Kassel" eine große Stadt mit 
regem Leben und Treiben geschaffen, mit einem 
Fremdenverkehr, den man sich ehedem nicht hätte 
träumen lassen! Muß dieses Aufblühen nicht 
Jeden erfreuen, der es mit erlebte oder nach langer 
Abwesenheit plötzlich wahrnimmt? 
Ja! - Aber ! - 
Aber wer kann dafür, daß Wehmuth ihn befällt 
beiin Anblick all' des Neuen, dem das lieb 
gewohnte Alte weichen mußte! — 
Es'gab einmal eine Zeit, da stand ein Gebäude, 
ähnlich einem schlichten Güterschuppen, ungefähr 
da, wo jetzt der linksseitige Flügel des Bahnhofes 
endet; das diente als Empfangshalle, bevor der große 
Ban begonnen und vollendet wurde, über welchen 
später so manches abfällige Urtheil verlautete. 
Aber mit welchem Entzücken wurde von der 
damaligen Generation die Vollendung des neuen 
Bahnhofes begrüßt! Mit staunender Freude über 
schritt man die breite Treppe, welche in die 
wundervolle Halle führte, auf deren mächtigen 
Sandsteinsäulen die schönen, in dunkelblauer 
Farbe prangenden Kuppelgewölbe ruhten.
	        

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