Full text: Hessenland (9.1895)

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muß mich dafür bedanken." Es war ein Herr A. 
So wollten wir also zu Dritt hin. Es wurde 
zwölf Uhr, ein Uhr und halb zwei Uhr, der 
Kurfürst kam nicht, aber jetzt war es doch ge 
rathen, das Hotel zu verlassen und uns in's 
Schloß zu begeben, um dort zu warten. Man 
ließ uns in die sogenannte „Rotunde" ein 
treten, einen der schönen Räume des herrlichen 
weltberühmten Schlosses. Von der Rotunde aus 
konnte man nach Kassel hin sehen und wahr 
nehmen, ob der Kurfürst kam. Endlich wurde 
das schöne und berühmte Jsabellengespann sichtbar, 
und bald darauf fuhr der Kurfürst durch's Portal 
hindurch vor dem Schlosse vor und stieg mit 
seinem Adjutanten aus. Wir musterten uns 
nochmals. Die Thür ging aus, und ein himmel 
langer Herr mit blauem Frack unb Zylinder 
trat ein, grüßte nach uns Dreien hin — mein 
Freund S. ging einstweilen vor dem Schlosse 
spazieren in gespannter Erwartung, wie die 
Sache wohl verlaufen möge — und stellte sich 
vor ein Fenster, um hinauszusehen. Es war der 
uns Hessen wohlbekannte liebenswürdige Staats 
rath Pf. Bald darauf kam der Adjutant des 
Kurfürsten, ein Herr von B., den ich von meiner 
Gymnasiastenzeit in Fulda her noch im Ge 
dächtniß hatte, und gab dem Herrn Staatsrath 
zu verstehen, daß der Kurfürst ihn erwarte. 
Sodann wandte sich der Adjutant zu uns, schrieb 
auf einen Zettel unsere Namen und Stellung 
auf mit der Bitte, ihm auch mitzutheilen, in 
welcher Absicht wir uns Sr. Königl. Hoheit 
vorzustellen wünschten. Der Herr Staatsrath hatte 
nur ganz kurze Zeit mit dem Kurfürsten zu sprechen. 
Der Adjutant brachte diesem dann den Zettel und 
kehrte sogleich zurück in die Rotunde mit dem Be 
merken: Se. Königl. Hoheit dankten für den Besuch 
des Herrn Revierförsters und des Herrn Land 
baumeisters, dagegen der Herr Professor Melde 
möchte eintreten. Mit einem Blick auf den Herrn 
Revierförster, der seine Verstimmung wegen der 
Nichtannahme seiner Vorstellung deutlich im 
Gesicht trug, eilte ich die paar Schritte über 
den Gang, ein Kammerdiener öffnete die Flügel 
thüren, und ich befand mich vor dem Kurfürsten. — 
Der Kurfürst trug einen blauen Jnterimsrock 
und stand gleich in der ersten Fensternische nach 
dem Herkules hin. Ich hatte niemals Gelegen 
heit gehabt, ihn ganz in der Nähe zu sehen. 
Ein Blick in sein Gesicht sagte mir: der Mann 
ist ja ganz freundlich. Eine ziemliche Panse 
trat ein; ich durfte nicht zuerst reden und der 
Kurfürst zögerte auch. Da dachte ich: der Kopf 
geht nicht ab, du sängst an, und im nächsten 
Moment sagte ich: „Königl. Hoheit, ich bin 
gekommen, um Ew. Königl. Hoheit für die 
allergnüdigste Ernennung zum ordentlichen Pro 
fessor der Physik und Astronomie an der Landes 
universität Marburg meinen allerunterthänigsten 
Dank auszusprechen." Der Kurfürst zögerte 
einen Augenblick und entgegnete dann: „„Sie 
sind eigentlich kein Hesse."" Diese Bemerkung 
konnte sofort für mich gefährlich werden. Denn, 
hätte ich so etwas gesagt wie: ich wäre doch ein 
Hesse und zwar ein guter, so wäre die Sache 
wohl schief gegangen. So aber begriff ich gleich, 
woran der Kurfürst dachte. Ich antwortete: 
„Halten zu Gnaden, Königl. Hoheit, mein ver 
storbener Vater stannnte allerdings nicht aus 
Hessen, sondern aus Dessau; er war als Apotheker- 
gehilfe von Dessau nach Fulda gekommen und 
dort geblieben, bis ihm der Allerhöchste Auftrag 
zu Theil wurde, in Großenlüder, einem Dorfe 
in der Nähe von Fulda, eine Apotheke zu 
j gründen." Der Kurfürst nickte, augenscheinlich 
angenehm berührt davon, daß ich seine Worte 
richtig gedeutet hatte, und befriedigt darüber, 
daß meine Auseinandersetzung mit dem stimmte, 
was er bei seinem ausgezeichneten Gedächtnisse 
aus mancherlei Ministerialverhandlungen über 
Apothekenangelegenheiten noch im Sinn behalten 
hatte. Der Kurfürst fuhr fort: „„Auch gleich 
gesehen habe, daß Adjutant Ihren Namen nicht 
richtig geschrieben hatte, ihm gleich gesagt habe: 
Melde schreibt sich nicht mit ,thy sondern mit 
einem einfachen ,b‘. Irrthum von Adjutant 
mir Spaß gemacht hat."" Hierauf nannte der 
Kurfürst das Wort „Gerling". Auch hier begriff 
ich sofort, was er wollte. Ich sagte: „Gerling 
ist mein Vorgänger gewesen; er hat auch das 
jetzige mathematisch-physikalische Institut begründen 
helfen, er war namentlich als Schüler von Gauß 
ein ausgezeichneter praktischer Astronom und 
Geometer." „„Gerling aber ein sehr schlechter 
Reiter gewesen."" „Königl. Hoheit, so viel ich 
weiß, hat Gerling während der hessischen Landes 
vermessung ein Pferd besessen." „„Auch sonst einen 
Gaul gehabt hat; als ich in Marburg studirte, 
Gerling oft reiten gesehen habe, aber ein sehr- 
schlechter Reiter war; hat auch seinen Zuhörern 
Vortrüge gehalten, wie man reiten lernen könne, 
auch wenn man nicht auf einem Gaul säße, mir 
gerade so vorkommt, als wenn einer schwimmen 
lernen solle, ohne in's Wasser zu gehen."" Der 
Kurfürst fuhr fort: „„Ich auch Physik gehört habe 
in Leipzig bei einem kleinen buckeligen Herrn, 
vielleicht auch den Namen kennen?"" Ich besann 
. mich rasch, wer dies wohl sein konnte, nannte 
auch einen Namen, aber es schien nicht der zu 
sein, den der Kurfürst ine Gedächtniß hatte.
	        

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