Full text: Hessenland (9.1895)

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dächtniß hatte. Dr. S. konnte sich demgemäß 
nicht wundern, wenn der Kurfürst über seine 
Eingangsworte ärgerlich wurde. Ich zog aus 
dieser, wenn man will tragikomischen, Schilderung 
meines Freundes S. die Lehre: bei meiner Dankes 
abstattung hübsch alles in Ordnung vorzubringen, 
was ja einfach war, da ich blos den Wortlaut 
zu wiederholen brauchte, wie er in meinem kur 
fürstlichen Reskript stand. Auch die Weglassung 
eines der hier gebrauchten Worte konnte unangehm 
werden, und ein solches Wort war z. B. auch 
das Wort „Landes-" vor „Universität". Es mußte 
gesagt werden „Landes-Universität Marburg" und 
nicht blos „Universität Marburg". An diesen 
Zusatz war der Kurfürst gewöhnt, er war offiziell, 
und wurde bei allen Universitätsangelegenheiten 
möglichst beachtet. Also diesen Zusatz vergaß ich 
ganz gewiß nicht. 
Der Anzug war soweit tadellos angelegt, und 
ich stieg stolz aus dem zweiten Stock herunter, 
um mich zur Abfahrt in einem Zweispänner zu 
rüsten. Vorher musterte mich auch der alte 
Kenner Schirmer. Schon früher hatte er mir 
gesagt: „Herr Professor, ich will Ihnen mal 
was sagen, ich lasse Ihnen jetzt ein feines Beef 
steak machen, und dann trinken Sie mal hierzu 
mit mir zusammen eine gute Flasche Wein." 
Ich erwiderte ihm. der Kurfürst möge wohl 
merken, wenn Jemand Wein getrunken habe. 
„Ach was," sagte der Alte, „eine gute Grund 
lage bei solchen Gelegenheiten ist immer was 
werth." Die Sache schien mir, und das Früh 
stück verlief sehr heiter. Ferner sagte der freund 
liche Wirth, als er mich in Uniform erblickte: 
„Herr Professor, passen Sie mal aus, Sie gefallen 
dem Kurfürsten, Sie stellen was vor und haben 
eine feste Haltung. Neulich war aber einer von 
Ihren Herrn Kollegen drüben beim Kurfürsten,, 
der kam ganz schnell wieder zurück; ich ahnte 
es gleich, denn der Herr Professor hatte in seiner 
Sprechweise etwas Holperiges, und insbesondere 
machte er in der Prosessorenunisorm, da er ein 
dürrer und nicht schön gewachsener Mann war, 
einen fast komischen Eindruck." Ich wußte sofort, 
wer dieser Kollege gewesen war, — er ist längst 
auch zu den Vätern versammelt —, und es standen 
auch noch eine Anzahl anderer Kollegen in Ge 
danken vor mir, welche wegen ihrer etwas 
uniformwidrigen Figur und Haltung im so 
genannten Gänsemarsch bei. feierlichen Gelegen 
heiten in der Universitätsaula in der Corona 
mitunter Heiterkeit erregten. 
Der Wagen rollte vor's Hotel, und ich nebst 
meinenl Freunde S. waren im Begriff einzusteigen, 
als zugleich aus der Gaststube ein Herr in der 
Staatsuniform der hessischen Reviersörster (Ober 
förster) herauskam, sich mir vorstellte und mich 
um die Erlaubniß bat, mit mir zusammen nach 
Wilhelmshöhe fahren zu dürfen, er wolle auch 
zu Sr. Königl. Hoheit. „Mit dem größten Ver 
gnügen," sagte ich, „steigen Sie nur gefälligst 
ein." Nun ging's los. Ich fragte den freund 
lichen und stattlichen Herrn Revierförster: „Wegen 
welcher Sache wollen Sie denn zum Kurfürsten?" 
„Ich habe Gehaltszulage bekommen, und da ist 
es bei Unsereinem Gebrauch, sich persönlich bei 
Sr. Königl. Hoheit zu bedanken." „Es ist aber", 
sagte ich, „noch zweifelhaft, ob wir überhaupt vor 
gelassen werden." „Ich", sagte der Herr Revier 
förster, „werde jedenfalls vorgelassen, denn Se. 
Königl. Hoheit lieben die,grüne Farbe'; außerdem 
muß ich bemerken, daß Se. Königl. Hoheit bereits 
mit meinem Vater bekannt war und daß er auch 
wiederholt schon mich empfangen hat; einmal 
hat er sogar schon, als ich im Jägerbataillon 
stand, während der Parade mich angeredet; also 
ich werde wohl sicherlich vorgelassen." Ob auch 
ich vorgelassen würde, war nach diesen Bemerkungen 
dem „Herrn von der grünen Farbe" wohl etwas 
zweifelhaft. Der Wagen rollte weiter. Mein 
Freund S., der meinetwegen geradezu in Auf 
regung war, ries mir wiederholt, als er bemerkte, 
mit welchem humorvollen Gesicht ich dasaß, zu: 
„Franz! paß nur aus!" „Ja, ja, ja", sagte ich, 
und fort ging es. So rollten wir denn auf 
Wilhelmshöhe vor dem Hotel Schombardt vor, 
stiegen aus und begaben uns in's große Gast 
zimmer. Es war etwa halb zwölf geworden. 
Wir schickten sogleich einen Kellner in's Schloß 
um zu fragen, ob Se. Königl. Hoheit schon 
von Kassel aus der Ministersitzung zurückgekehrt 
sei, und bekamen die Antwort: es könne ein Uhr 
werden, bis die Rückkehr erfolge. Der Kurfürst 
befand sich in einer Ministersitzung. 
Während wir nun im Gastzimmer so mit 
einander schwatzten, wurde auf einmal von zwei 
Kellnern ein Schließkorb, so groß wie ein Markt 
schiff, herein getragen und hinter eine hohe 
spanische Wand gestellt. Bald daraus kam auch 
noch ein anderer Herr in Zivil, verschwand hinter 
der spanischen Wand, und nach einer halben 
Stunde kam derselbe Herr in der vollen Uniform 
der ^^611 Landbaumeister wieder zum Vor 
schein und ging in gemessenen Schritten im Saale 
aus uitb ab. Ich merkte gleich, daß auch dieser 
Mann, wie inan im Volksmund zu sagen pflegt, 
„Schmerzen habe", ging aus ihn zu, stellte mich 
ihm vor und sagte zu ihm: „Sie wollen gewiß 
auch zu Sr. Königl. Hoheit?" „Jawohl, ich 
bin zum Landbaumeister ernannt worden und
	        

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