Full text: Hessenland (9.1895)

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Von ungemessener Begünstigung der Zünfte hielt 
sich der Landgraf indeß fern. In dem Streite 
zwischen den hessischen Juden und den Leine 
webern, Schustern und Löbern (Lohgerbern) über 
den Garn-, Häute- und Lederhandel, zu dessen 
Uebung die Juden aus Grund von Verordnungen 
der Vorgänger Landgraf Wilhelms berechtigt 
waren (H. L.-O. II, S. 347 f.), trat der Land 
graf keineswegs auf Seite der Zünfte und enthielt 
den Juden seine Unterstützung nicht vor, nicht 
ohne freilich andererseits auch den Zünften ent 
gegen zu kommen. Er erlegte den Juden nämlich 
aus, daß sie das, was sie in den erwähnten 
Gegenständen zu verkaufen hatten, den Zunftmeistern 
zuvor anbieten mußten, ehe sie dasselbe anderweitig 
feilbieten durften („Fürstliche Concession, betreffend 
derer in Hessischen Schutz genommenen Juden" 
vom 20. Juli 1656. H. L.-O. II, S. 337-339). 
So glaubte der Fürst einen Ausweg zu finden, 
der beiden Theilen gerecht wurde. In entsprechender 
Weise schützte er die Juden in ihrem Privileg 
in Betreff des Schächtens und Schlachtens in 
ihren Häusern, betonte jedoch ausdrücklich, daß die 
Juden keine Erlaubniß hätten, mehr, als was zu 
ihrer Haushaltung nöthig wäre, zu schlachten, und 
allein die Hinterviertel, und was ihnen mißlänge, 
zu vertreiben Macht haben sollten (ebendas.). 
(Schluß folgt.) 
Eine letzte Audienz. 
Von Dr. F. Melde in Marburg. 
(Schluß.) 
'■fff) er alte Schirmer kannte seine Leute und sagte 
jjj mir sofort: „Sie wollen gewiß zu Sr. 
^7 Königl. Hoheit?" „Jawohl," antwortete 
ich, „glauben Sie denn, daß der Kurfürst hier 
in Kassel empfangen wird, oder muß ich nach 
Wilhelmshöhe fahren?" „Ja," meinte Schirmer, 
„das erfahren Sie am besten vom Ministerial- 
Pedellen K. Wenn Sie mal hinüber in's 
Ministerium gehen wollen, wird Ihnen der Herr K. 
das Nöthige mittheilen." Das that ich. Schon 
um 9 Uhr morgens ging ich hin, und K. theilte 
mir mit, daß Se. Königl. Hoheit höchst wahr 
scheinlich nicht in Kassel, sondern in Wilhelmshöhe 
empfangen werde, ich solle mich nur zurecht machen 
und solle gegen 11 Uhr noch einmal bei ihm, 
K., ansragen. Das geschah, und da erfuhr ich 
dann, daß ich nach Wilhelmshöhe zu fahren habe. 
Ueber die Vorgänge bis zu meiner Abfahrt muß 
ich nun erst noch Folgendes berichten. 
In Kassel hatte ich einen lieben Studien 
genossen und Freund Dr. S. wohnen, der von 
meiner Ankunft und meinem Vorhaben in Kennt 
niß gesetzt worden war und der an dem be 
treffenden Morgen rechtzeitig in Hotel erschien, 
um mir noch möglichst behilflich zu sein. Das 
that er; aber er hatte sich auch noch vorgenommen, 
mir die bevorstehende Audienz als eine keines 
wegs angenehme Sache darzustellen. In seiner 
originell-drastischen Weise sagte er mir: „Franz, 
der Kurfürst ist nicht ohne, nimm Dich um 
Gotteswillen nur vor irgend einer unbedachten 
Aeußerung in acht. Denke Dir, wie mir's neulich 
ergangen ist." — Dr. S. war kurz vor mir 
beim Kurfürsten gewesen, um sich wegen der Er 
nennung zum Lehrer an der höheren Gewerbe 
schule in Kassel zu bedanken. — „Der Kurfürst 
redet mich ganz freundlich an; ich, in meiner 
Harmlosigkeit, sage:, ich wäre gekommen, um 
meinen unterthänigsten Dank für die Ernennung 
zum Lehrer an der .polytechnischen' Schule ab 
zustatten. Kaum hatte ich diesen Satz aus 
gesprochen, als der Kurfürst sofort in erregter 
Weise sagte: „„Schule nicht .polytechnische', 
sondern.HöhereGewerbeschule' heißt."" Er drehte 
sich auch gleich um, ließ mich stehen und ich 
mußte abtreten. Das war meine Audienz. So 
kann Dir's auch gehen, also nimm Dich in acht." 
Nun, es wird wohl jeder hohe Herr, dem man, 
wie in vorliegendem Falle, seinen Dank abstatten 
will, voraussetzen dürfen, daß man hierbei, 
offizielle Bezeichnungen nicht durch andere ersetzt, 
wenn auch diese, wie bei der genannten Schule, 
im Volksmunde sich eingebürgert haben. Beim 
Kurfürsten mußte aber erst recht der Nicht- 
gebrauch der offiziellen Benennung der Schule, 
die in den vierziger Jahren in aller Welt einen 
guten Ruf gehabt hatte und auch später noch 
besaß, aus verschiedenen Gründen sofort Miß 
fallen erregen. Einmal nämlich war der Kurfürst 
kein Freund von Fremdwörtern; sodann liebte 
er nicht gerade die „Polytechniker", weil er 
deren Betheiligungen bei den Revolutionen in 
Paris und auch wohl bei den Aufständen in 
Berlin und Dresden im Jahre 1848 im Ge-
	        

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