Full text: Hessenland (9.1895)

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In dem Zusammenhang der Vorsorge des 
Landgrasen für Hebung des Fremdenverkehrs 
darf seine „renovirte Ordnung, wie es mit 
Reinhaltung der Stadt und Festung Cassel 
solle gehalten werden," vom 25. November 
1653 (H. L.-O. II, S. 188 f.) nicht vergessen 
werden, erklärte er doch ausdrücklich als Ziel der 
von ihm geheißenen regelmäßigen Gassen- und 
Plützereinigung, die zweimal wöchentlich, nämlich 
Mittwoch und Sonnabend Abend eine Stunde 
vor der Abendmahlzeit zu erfolgen hatte, „daß 
jedermann, sowohl Einwohner als fremde Durch 
reisende Kassel zu rühmen und Lust und Liehe 
hahen und gewinnen mögen, eine also gereinigte 
Stadt anzusehen und zu bewohnen". Diese Worte 
finden sich bereits in auf den gleichen Gegenstand 
bezüglichen Ordnungen des Landgrafen Moritz 
vom 22. September 1613 und 16. Juni 1614 
für die Stadt Kassel, wie für sämmtliche Städte 
des Ober- und Niederfürstenthums (H. L.-O. I, 
S. 524 f., 529 s.), die vom Landgraf Wilhelm 
fast wörtlich wieder aufgefrischt wurden. Im 
Einklang mit den Vorschriften seines Großvaters 
verbot der Landgraf den zusammengekehrten 
Gassenkummer und Hauskehricht aus die Fahr 
wege, Zimmerplätze oder andere billiger Weise 
rein zu haltende Plätze zu werfen oder den 
Kummer und Kehricht nebst der Steinkohlenasche 
in die Drufet oder die Fulda zu schütten. 
Kalk, Sand, Lehm oder andere Baumaterialien 
auf den Gassen zu lagern, war nur dann ge 
stattet, wenn in oder hinter dem Hause gar kein 
Raum dazu vorhanden war. In diesen! Falle 
aber mußten derartige Materialien ganz eng vor 
den Thüren aufgespeichert werden, damit dadurch 
weder die Nachbarn belästigt, noch der Verkehr 
gehemmt würde, auch mußten solche Materialien 
möglichst schleunig entfernt werden. Aehnlich war 
es in Bezug ans Fässer, Wagen und Karren 
vorgesehen. Miststätten auf Gassen und Straßen 
anzulegen mußte selbst für die Einwohner der 
Residenzstadt ausdrücklich untersagt werden, so 
wenig war man noch in der Kultur vorgeschritten. 
Insofern jemand Mist fortschaffen wollte, um 
sein Land zu düngen, so hatte er dies spätestens 
am folgenden Tage zu besorgen. Der Ort, wo 
der Mist gelagert hatte, war alsbald wieder zu 
reinigen. Wir erkennen aus derartigen Be 
stimmungen, daß Kassel damals noch viel von einem 
Ackerbürgerstädtchen an sich hatte. Der Landgraf 
behielt sich für den Fall, daß sie etwa für die da 
maligen Verhältnisse nicht mehr ausreiche, ausdrück 
lich die Aenderung der Ordnung vor. Er war dem 
nach nicht sicher, ob das, was sein Vorfahr im Auge 
hatte, den Anforderungen seiner Zeit noch genüge. 
Die ganze Ordnung stand unter dem Zeichen 
des Verkehrs, daneben unter dem des Gesundheits 
standes. Landgraf Moritz wie sein Enkel hoben 
hervor, „daß die Gassen und Straßen, desgleichen 
Märkte und andere Stadtplätze langsam ge 
säubert, und daher allerhand Seuchen und 
Krankheiten verursacht wurden". Daß man von 
dem, was heute unter Hygiene verstanden wird, 
zur Zeit Landgraf Wilhelm's VI. freilich nur 
schwache Begriffe hatte, wird nicht ausfällig 
erscheinen können, zumal selbst heute in dieser 
Hinsicht noch Manches zu wünschen übrig bleibt. 
Immerhin sei hier angemerkt, was an An 
sätzen auf diesem Gebiet ausfindig zu machen 
ist. Da stoßen uns denn in der Taxordnung 
vom 19. Dezember 1653 vornehmlich zwei 
Sachen aus, aus die in der Gegenwart eben 
falls noch viel Gewicht gelegt wird: die jährliche 
Revision der Apotheken durch sachverständige 
Aerzte, den Oberschultheißen und etliche aus dem 
Rath (H. L.-O. II, S. 191) und der zu Markt 
gebrachten Milch, die nicht mit Wasser verfälscht 
sein durste, widrigenfalls der ertappte Sünder mit 
Geld oder Gefängniß bestraft wurde (H. L.-O. II, 
S. 204). 
In Bezug auf Handel und Gewerbe war für 
Hessen damals Wolle- und Flachsbereitung von 
erheblicher Wichtigkeit, da ein nicht geringer Bruch 
theil der Bevölkerung aus den Erlös aus dem 
Vertrieb der genannten Produkte und der aus 
ihnen gefertigten Fabrikate wesentlich mit an 
gewiesen war. Daraus erklärt sich, daß der 
Landgraf zum Schutze des redlichen heimischen 
Gewerbes mehrfach vorging, so am 2. Oktober 
1657 gegen die Einführung fremder schlechter 
? wollener Tuche und das Hausiren mit solcher 
Waare (H. L.-O. II, S. 556 f.), sodann am 
7. Januar 1659 gegen die sowohl beim Leinen 
garnspinnen mit falschen Haspeln, Weifen und 
sonsten als auch beim Leinenschocktuchinachen und 
Weben hin und wieder vorgehende und zur Zer 
störung des Leinen-, Garn- und Tuchhandels ein 
geschlichene Vervortheilung und Griffe (H. L.-O. II, 
S. 562 s.), Maßnahmen, die den Erzeugnissen 
hessischen Fleißes den alten guten Ruf zu wahren 
und die Ehrlichkeit im Handel und Wandel auf 
recht zu erhalten beabsichtigten. In diesem 
Rahmen war der Landgraf darüber aus, den 
Innungen und Zünften als der legitimen Ver 
tretung des Gewerkes in ihren verbrieften Rechten 
keinen Abbruch thun zu lassen, so in dem Edikt 
vom 29. September 1660 gegen die Störer der 
Seilerzunst, die Seilerwaaren außer der Zeit der 
freien Jahrmärkte in den Städten oder auf dem 
Lande feil zu halten pflegten (H. L.-O. II, S. 292).
	        

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