Full text: Hessenland (9.1895)

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von Hessen itrtb das Erzstist Mainz. Von Konrad 
Weidemann. 
Den Mittheilungen ist wiederum wie all 
jährlich angehängt: Verzeichniß neuer hessischer 
Literatur. Von Edward Lohmeyer. Jahr 
gang 1894. 56 S., ans welches wegen seiner 
Reichhaltigkeit nochmals ausdrücklich hingewiesen sei. 
Am Edderstrand. Ein Sang aus dem 
K a t t e n l a n d. Von Emilie Scheel. Kassel 
(Max Brunnemann) 1896. . 208 S. 8°, 
2 Mk., geb. 3 Mk. 
Das „Hessenland" hat von Frau Emilie Scheel 
bereits einige Gedichte lyrischen Charakters ver 
öffentlicht, welche das poetische Können der Dichterin 
im besten Lichte erscheinen ließen. Jetzt tritt diese 
uns zum ersten Male mit einer größeren epischen 
Dichtung entgegen, aber mit einer Dichtung, der 
wir die Erstlingsarbeit nicht mehr anmerken. Sitt 
licher Ernst und poetische Gestaltungskraft, tiefes 
Empfinden und wohllautende Rede vereinigen sich, 
um eine der anmuthigsten Dichtungen hervorzubringen, 
welche seit vielen Jahren nicht bloß aus dem Boden 
des engeren Vaterlandes an's Licht getreten ist. 
Das kleine Epos versetzt uns in die Zeit vor 
tausend Jahren, als die Hessen von Bonisatius 
zum Christenthume bekehrt wurden. Das liebliche 
Gelände an der goldführenden Edder ist der Haupt 
schauplatz der Handlung. Hier liegt der feste Hof 
des Gaugrasen, aus dem uns zunächst zwei an- 
muthige Frauengestalten entgegentreten: Hilde, des 
Grafen Tochter, und Kascha, ein Sorbenmädchen 
vornehmen Geschlechtes, aber durch Beutezüge der 
Franken hierher entführt und in dienender Stellung, 
mit Hilden, der Herrin und Altersgenossin, durch 
innige Freundschaft verbunden. Neben beiden 
tritt Walther, ein vornehmer Anverwandter des 
Grasen, in den Vordergrund der Geschichte, ein 
edler Jüngling, dessen Herz vom Hauche des neuen 
Christenglaubens berührt wurde und nicht un 
empfänglich dagegen geblieben ist. Die Neigung 
der beiden Mädchen richtet sich aus den edlen Mann, 
der — ohne die heiße Liebe Kascha's zu ahnen — 
Hilden den Vorzug giebt. Da wird das Sorben 
mädchen durch ihre Sippe mit gewaffneter Hand 
in nächtlichem Ueberfall heimgeholt, die Freundin 
aber zugleich mit dem Geliebten nach wildem 
Kampfe fortgeschleppt. Letzterem wäre der grau 
samste Opsertod im Sorbeulande gewiß ohne die 
Liebe Kasches, welche ihn rettet, der aber die edle 
That selbst das Verhängniß bereitet. 
So führt uns die Dichterin mitten in die Be 
wegung einer großen Zeit hinein. Aus Völker 
stürmen und Beutezügen, aus dem Ringen des 
alten und neuen Glaubens taucht ein reizendes 
Idyll aus, das behagliche Leben auf dem alt- 
germanisch-bäuerlichen Hofe des chattischen Grasen, 
wo man bald in winterlicher Einsamkeit, bald in 
des Sommers Schwüle ruhig dahinlebt, unberührt 
von dem, was draußen in der Welt vor sich geht. 
Aber kräftig wird die Handlung entwickelt. Der 
Feind wirst jäh die behagliche Ruhe über den 
Hausen; die trauten Hausgenossen werden aus 
einandergerissen, weithin entführt in die psadlosen 
Waldeinsamkeiten der deutschen Forste. Endlich 
führt sie alle die Erzählung wieder zusammen aus 
dem hohen Gestade der Edder. Im Psalmenchor 
Winsried's und seiner Begleiter klingt wie in 
einem vielstimmigen Akkord auch die Dichtung von 
Walther und der nach vielerlei Fährlichkeiten mit 
ihm vereinigten Hilde aus. 
Diese Andeutungen mögen genügen, um zu 
zeigen, daß die Verfasserin an ein Problem heran 
getreten ist, dem gerecht zu werden, eine nicht 
gewöhnliche dichterische Gestaltungskraft erfordert. 
Den Charakter der Zeit zu ersassen, war nicht 
leicht. Manches dürste vom Kenner des deutschen 
Alterthums beanstandet werden; und gewiß war 
die Mehrzahl unserer Altvorderen weit roher und 
derber im Denken und Lieben als die hier vor 
geführten, weiblich zarten Gestalten. Aber von 
Einzelheiten abgesehen, konnte es doch im Großen 
und Ganzen so zugehen in jenen entlegenen Tagen, 
und damit ist dem poetischen Bedürfniß Genüge 
geschehen. Der Stoff, wenn auch in modernem 
Empfinden, so doch dichterisch schön ausgestaltet, 
muthet uns vertraut an, die Gestalten treten uns 
menschlich nahe, das ist genug! Ein Hauch 
sentimentaler Lyrik zieht durch das Ganze hin 
und weht uns namentlich kräftig entgegen aus den 
herrlichen Naturschilderungen, welche die einzelnen 
Gesänge einleiten und die den Leser berühren 
gleich dem Sehnsuchtrus eines eingeschlossenen 
Menschenherzens nach der ewigschönen freien Gottes- 
natur. Möge es der hessischen Dichterin nicht an 
Dank und Anerkennung für ihre liebliche Dichtung 
fehlen! Das Büchlein ist von der Verlags- 
Handlung auf's Beste ausgestattet. Als Gabe für 
den Weihnachtstisch darf der „Sang aus dem 
Kattenland" unzweifelhaft warm empfohlen werden. 
Kugo Wrrmner. 
Münzkunde für Anfänger. Von Dr. Franz 
Meister. Ein Führer in die Elemente der 
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Ueber den wissenschaftlichen Nutzen, die reiche 
und interessante Belehrung, welche dem verständigen
	        

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