Full text: Hessenland (9.1895)

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verdrehen und der Tendenz seiner verachteten 
Broschüre anzupassen weiß." 
Andererseits mag nun aber auch der Ver 
theidiger der angegriffenen Einrichtungen und 
Zustände über das Ziel hinausschießen, das ist 
bei der Heftigkeit des Angriffs erklärlich. Die 
Wahrheit wird ziemlich in der Mitte liegen. 
Daß das hessische Militürwesen verzopft war, 
daß man aus dem alten Flecke stehen geblieben 
war, während sich unter dem Einflüsse der fran 
zösischen Revolution imb Napoleon's auf dem 
Gebiete des Kriegswesens einschneidende Wand 
lungen vollzogen hatten, das bedarf heute keines 
Beweises mehr. Aber so schlimm, wie der 
vielleicht persönlich gereizte Verfasser der Schrift 
j „Hessen vor dem 1. November 1806" es 
; schildert, ist es sicherlich nicht gewesen. 
Meinhard der 
*Mie in Nr. 21 des „ Hessenlandes" vom 
Mts vorigen Jahre veröffentlichte Mvhr'sche 
Cj Ballade: „Der Hessen Weibertrene" 
giebt Veranlassung, aus den Helden derselben, 
R e i n h a r d von D a l w i g k, zurückzukommen, 
der als einer der berühmtesten Ritter des Hessen 
landes zu bezeichnen ist. Reinhard, der fünfte 
seines Geschlechtes, das in ihm zur höchsten 
Blüthe gelangte, war sehr reich; denn seine 
Gattin Agnes, die im Volksmunde als Nese 
lebende Tochter Friedrich's von Hertingshausen 
(jenes Mainzischen Vasallen, der sich durch die 
Einordnung des von der deutschen Kaiserwahl 
zu Frankfurt am Main heimkehrenden Herzogs 
Friedrich von Braunschweig bei dem Dorfe 
Kleinenglis in der Geschichte ein schlimmes An 
denken gestiftet hat) hatte ihm eine überreiche Mit- 
gift zugebracht. Voll diesem Reichthum machte 
er den ausgiebigsten Gebrauch, mn feiner großen 
Prachtliebe zu fröhnen. Er hielt, wie die 
Chronisten von ihm rühmend berichten, stets 
zwei bis drei Edelleute in seinem Solde und 
zwanzig bis dreißig stolze Rosse tu seinem 
Marstall. Erwägt man nun noch weiter, daß 
Reinhard, von unbändiger Fehdelust beseelt, ben 
umwohnenden Edelgeschlechtern sowohl als bem 
Landgrafen von Hessen ein gefährlicher, nimmer 
ruhiger Nachbar war, so erscheint es natürlich, 
daß sich die Sage dieses Recken, dessen Gestalt 
sich so glänzend voll seiner Umgebung abhob, 
bemächtigte. Nicht alls natürlichem Wege, wie 
gewöhnliche Menschenkinder, läßt sie ihll die 
Lebensbühne betreten, nein, ihn muß der Kaiser 
schnitt eines Arztes zu Tage fördern uild der 
junge Weltbürger liluß erst in ben Bauchhöhlen 
Fischgeschlachteter Schweine zur Reise gebracht 
werden. Wo ihn daher die Sage erwähnt, 
erscheint er stets als Reinhard der 
Ungeborene. Vielfach sind die kleinell Listen, 
Angeborene. 
die sie auszählt, womit der stets Erftnderische 
seinen Gegner täuscht, und wie poetisch sie seine 
Fehde, welche er 1448 mit bem Landgrafen 
Ludwig von Hessen aussocht, schließen läßt*), 
zeigt der in der Ballade: „Der Hessen Weiber 
treue" bearbeitete Stoff. 
Die Treue seiner Nese lohnte indeß der Ge 
mahl schlecht genug; denn Reinhard war bald 
llach beigelegter Fehde mit bem Landgrafen 
Ludwig in dem benachbartell Städtchen Fritzlar 
eingeritten imb hatte die Gastfreundschaft des 
Schllltheißeil Henne Knorr in Anspruch ge- 
nolnmen. Knorr hatte ein hübsches Töchterchen, 
und der alte Haudegen, der nicht unempfindlich 
gegen weibliche Reize war, fing einen Liebes 
handel mit der schönen Barbara an, der nicht 
ohne Folgen bleiben sollte. Barbara genas eines 
Töchterchens, das in der heiligen Tallfe den 
Namen Agnes erhielt. 
So lange Frau Nese lebte, konnte Rein 
hard so gut wie nichts für Mutter und Tochter 
thun, doch muß er der Mutter seines Kindes sehr 
zugethan gewesen sein (Nese hatte ihm Leibes 
erben llicht geschenkt!), deiln nach Agnesens Tode 
gab er ihr den Ehrenstand der Frauen, was 
seiner Denkweise alle Ehre macht. Ein geweihter 
Priester, der Pfarrer zu Fritzlar, traute sie ihm 
am 13.' Juni 1459, in Gegenwart des Schult 
heißen, dessen Frau und des zeitigen Bürger 
meisters von Fritzlar, an. Auch sicherte Reinhard 
durch eine reiche Schenkung die Zukunft seiner 
jungm Frau und seines Kindes. 
Reinhard, der durch seinen Aufwand sowohl, 
als auch durch seine vielen, meist unglücklichen 
*) Nach anderer Lesart suchte Reinhard auf einem 
beladenen Esel, der anscheinend Speck in Säcken trug, 
vergeblich zu entkommen.
	        

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