Full text: Hessenland (9.1895)

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in Hand zu gehen. Es wurde u. a. im Einzelnen 
genau vorgeschrieben, was an jeden: Orte zu 
pflanzen war, ob Eichen, Tannen, Erlen oder 
Buchen. Namentlich wurden die Gemeinden zum 
Pflanzen von Eichen angehalten. Jeder Hausmann 
hatte jährlich mindestens drei zu pflanzen. Wer 
ganz frenld in eine Genieinde zog oder einheirathen 
wollte, hatte fünf bezw. vier Eichen zu pflanzen. 
Nach dem Vorgänge von Westfalen und Lüneburg 
sollte bei jedem Ort eine Baumschule angelegt 
werden. Die neu gesetzten Stämme waren mit 
Dornen zu binden und so drei Jahre hindurch 
zu verwahren, die jungen Heister, zumal bei 
Eichen und Buchen, rechtzeitig auszuschneiden. 
Die gute Baumpflege, durch welche sich das 
Hessenland von Alters her auszeichnet, ist demnach 
zum guten Theil eine Errungenschaft Landgraf 
Wilhelm's VI. 
Eine der dringlichsten Ausgaben im Nahmen 
der landgräflichen Bestrebungen auf Hebung der 
Landeskultur, des Handels und Verkehrs war 
unstreitig die Besserung der Straßen und Ver 
kehrswege in Stadt und Land. Es galt aus 
diesen: Gebiete unendlich viel nachzuholen. Alle 
Welt, Einheimische wie Fren:de, klagten über 
den bösen und brüchigen Zustand der Wege im 
Fürstenthum Hessen-Kassel, die in der Kriegszeit 
durch die häufigen Truppendurchmärsche, haupt 
sächlich durch die mitgeführten Geschütze, Munitivus- 
und Bagagewagen so ausgefahren waren, daß 
die schwer beladenen Gefährte, vor allen: bei 
weichen: Wetter, oft ganz stecken blieben. Bisweilen 
zogen die Fuhrleute es vor, um nur vorwärts 
zu kommen, über die nüchstgelegenen Wiesen oder- 
bestellten Felder zu fahren, wodurch dann den 
Anliegern nicht unerheblicher Schaden verursacht 
wurde. Ilm diesen Uebelständen abzuhelfen, erließ 
Landgraf Wilhelm unter den: 13. Juni 1651 
sein Ausschreiben über den Straßen- und 
Wegebau rc. (H. L.-O. II, S. 117 s.), in welchem 
er den landgrüflichen Bedienten, unc den Bürger 
meistern, Stadträthen und den adligen Landsassen, 
jedwedem für den ihm unterstellten Bezirk, befahl, 
die Unterthanen und Hintersassen in Stadt und Land 
zur Ausbesserung und Ausräumung der verfallenen 
und ausgefahrenen Wege und Straßen ernstlich 
anzuhalten und darauf acht zu geben, daß nicht 
versäumt würde, „alles fortan in gutem Wesen 
zu wahren". Zur besseren Begründung seines 
Verlangens suchte der Landgraf den Betheiligten 
begreiflich zu machen, daß derartigen Maßnahmen 
keineswegs lediglich zum Vortheile der Durch 
reisenden gereichen, sondern auch zun: eigenen 
Nutzen der Ortschaften ausschlagen würden. Diese 
Beweggründe setzte der Fürst mehrere Jahre später 
in einem den gleichen Gegenstand betreffenden 
Ausschreiben vom 2. Mai 1661,. in welchen: er 
rügte, daß bislang so wenig geschehen wäre, um 
seinen Anordnungen nachzukommen, dann noch 
mals ausführlicher auseinander. Lediglich der 
gemeinnützige Zweck, seines Landes und seiner 
Leute Wohlfahrt und Bestes zu fördern, schwebe 
ihm vor. Wenn es in bisheriger Weise weiter 
ginge, lause inan Gefahr, daß ausländische Kauf- 
und Fuhrleute Hessen meiden würden (H. L.-O. II, 
©. 594 f.). (Fortsetzung folgt.) 
Eine letzte Audienz. 
Von Dr. F. Melde in Marburg. 
Mas Jahr 1866, für Manchen in unserem 
Wt Hessenlande bedeutungsvoll, hatte auch für 
0^ den Schreiber dieser Zeilen insofern besondere 
Bedeutung, als er in diesem Jahre zum Drolessor 
Ordinarius an der Universität Marburg ernannt 
wurde. Es kann diese Ernennung, von meiner 
Person ganz abgesehen, deshalb noch als eine 
merkwürdige betrachtet werden, weil sie die letzte 
Ernennung eines Professors gewesen ist, welche 
der hochselige Kurfürst Friedrich Wilhelm 1. 
als letzter Kurfürst von Hessen vollzog. Schon 
deshalb wird wohl ein Jeder, den: seine Stammes- 
angehvrigkeit noch etwas gilt, es in Ordnung 
finden, wenn man einem solchen Erlebnisse ein 
treues Andenken bewahrt, wenn ich an diesen 
Zeitpunkt meiner Ernennung und an das, was 
kurz darauf mit ihr in Verbindung kam, in einer- 
pietätvollen Stinnnung zurückdenke. 
Nach dieser meiner Ernennung hatte ich mich, 
um meinen Dank abzustatten, dem Kurfürsten 
persönlich vorzustellen, was bereits zwei Jahre 
vorher, als ich zum Extraordinarius ernannt 
worden war, hätte geschehen können, doch war 
mir damals bekannt gegeben worden, daß 
Königl. Hoheit es bei einem Extraordinarius nicht 
gerade übel nehme, wenn dieser seinen Dank 
schriftlich abstattete, und hatte ich dies gethan. 
Jetzt aber, nach der Ernennung zun: Ordinarius,
	        

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