Full text: Hessenland (9.1895)

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Dienst gegangenen Dienstboten annahm, ohne 
sich von ihm die Bescheinigung des bisherigen 
Arbeitgebers zeigen zu lassen, daß dies Verlassen 
des Dienstes mit dessen Einwilligung geschehen 
sei, mit Strafe. Der Dienstbote mußte den 
Schaden, der seinem früheren Herrn aus den: 
Kontraktbruche entstanden war, ersetzen. Etwa 
rückständiger Lohn galt als verwirkt. Dabei 
übersah Landgraf Wilhelm aber keineswegs, daß 
auch Fälle denkbar waren, in denen die Dienst 
boten im Rechte sein konnten. Er ordnete deshalb 
an, daß. wenn der Dienstbote erhebliche Ursache 
gehabt hätte, den Dienst zu verlassen, die obrig- 
keitlicherseits für begründet erkannt wäre, der 
Dienstgeber oder die Dienstgeberin genöthigt sein 
sollten, den Lohn vom ganzen Jahre auszuzahlen 
und eine Bescheinigung über den bewilligten Dienst 
austritt auszustellen. Streng untersagte der Land 
graf Versuche, die Dienstboten den Herrschaften 
durch Angebot höherer Löhne abspenstig zu machen 
(H. L.-O. II, S. 193). Der Landgraf war also keines 
wegs ein parteiischer Begünstiger des „Kapitalis 
mus", wie man in der heutigen Redeweise sich 
ausdrücken würde.*) 
*) Ueber die Stellungnahme des Landgrafen gegenüber 
den Industriearbeitern erfahren wir aus dem einfachen 
Grunde so wenig, weil es eine ausgedehnte Großindustrie 
noch nicht gab. Der am meisten entwickelte Großbetrieb 
jener Tage war der in den Berg- und Hüttenwerken und 
vielleicht in dem Salzwerk in den Sooden bei Allendorf. 
In der That enthalt die Bergwerksordnung Landgraf 
Wilhelm's vom 31. Mai 1642 (Patent die Wicder- 
Auf- und Anrichtung der alten eingegangenen und neuen 
Bergwerke betreffend fH. L.-O. II, S. 156 f.]) Einiges 
über seine Anforderungen an die Bergleute und Gruben 
arbeiter. Auf der einen Seite verhieß er den Bergleuten 
und Arbeitern, welche auf seinen Bergwerken 
sich wirklich gebrauchen ließen, also nur den 
wirklich tüchtigen Kräften unter ihnen, die Bestätigung 
aller Gutthaten und Freiheiten, welche ihnen feine Vor 
fahren wegen freien Ein- und Abzugs und sonst gewährt 
hatten, andererseits aber schritt er mit Strenge gegen 
alle Meuterei wegen des Lohns und der Arbeit (Strikes) 
ein und drang auf sorgfältige Beachtung der Arbeits 
ordnung. Wer eine Akkordarbeit angenommen, aber vor 
deren Vollendung ohne Erlaubniß seiner Vorgesetzten 
davon abkehrte, sollte den verdienten Lohn verwirkt haben 
und auf dem Bergwerk überhaupt nicht weiter beschäftigt 
werden. „Wer muthwillig von der Arbeit fortblieb und 
einen Tag Feier machte" (nach heutigen Begriffen „blau 
machte"), wurde mit Verlust eines Wochenlohnes bestraft. 
Auch hier herrschte wieder einerseits nachdrückliche Strenge, 
andererseits volle Gerechtigkeit. Der Anlage neuer 
Bergwerke stand der Landgraf durchaus sympathisch 
gegenüber. Wenn Bergleute auf jemandes Grundstücken 
nach Erz schürften, so war der Grundherr verpflichtet, 
sie nicht daran zu hindern. Doch hatten die Gewerke 
den Grund und Boden, auf dem sie an dem betr. Ort 
ein Bergwerk anzulegen gewillt waren, nach Entscheidung 
der Bergbeamten von dem Grundherrn zu erstehen und zu 
bezahlen, „doch ohne alles Uebermaß" (ebendas. S. 157), 
Die Holzordnung des Fürstenthums Hessen- 
Kassel'schen Theils vonl 1. Dezember 1659, eine 
der umfassendsten und am sorgfältigsten aus 
gearbeiteten gesetzgeberischen Maßnahmen des 
Landgrafen (H. L.-O. II, S. 576—591), bietet 
in verschiedenen ihrer Abschnitte hinlängliche Bei 
spiele, wie sehr der Landgraf selbst da, wo seine 
Lieblingsbeschäftigung, das edle Waidwerk, in Frage 
stand, auf die Pflege der Interessen der ländlichen 
Bevölkerung und der Landeskultur bedacht war. 
Diesbezüglich gab der Landgraf im Einklang 
mit der Holzordnung seines Vaters, Landgraf 
Wilhelm's V., vom 1. September 1629 (H. L.-O. II, 
S. 13) seinen Willen folgendermaßen kund: 
„Unser Wille und Meinung ist gar nicht, daß 
unsern Unterthanen der mit großer Mühe, Arbeit 
und saurem Schweiß ausgestellte Same, davou 
sie mit Weib und Kindern das Brod zu Aufent 
halt ihres Lebens haben, von Wildpret verderbt 
und abgeäßt werden soll". Vielmehr gebot er 
seinen Forstbealnten, die daraus aus waren, das 
Wild „in den Vorhölzern und Feldstrüuchen" in 
Gehegen zu hegen, und den Landleuten nicht ge 
statteten, daselbst ihr Vieh zu treiben und zu 
hüten und das Wild aus ihren fruchtbaren 
Feldern zu scheuchen, dergleichen schädliche Gehege 
gänzlich abzuschaffen und das Wildpret in die 
hohen Gehölze und die rechte Wildbahn zu bringen 
und die armen Leute am Treiben und Hüten 
nicht zu hindern. Ja, er ging noch weiter 
und gewährte den Bauern das Recht, Wild 
pret, das auf dem Samen im Garten oder im 
Acker befunden würde, mit ihren Hunden aus dem 
Felde zu verjagen, „damit unsere lieben Unter 
thanen, der Arme mit dein Reichen, ihr tägliches 
Brod um so viel besser auferziehen, auch desto 
mehr Vieh geweidet und zum Fleischkauf in die 
Städte gebracht werden kann". In Ausführung 
dieser Anordnungen hieß der Landgraf seinen 
Beamten, die Unterthanen anzuhalten, daß sie 
um die vor den Wäldern, sonderlich den Haupt 
wildbahnen, gelegenen Felder, soweit sie keine 
lebendige Hecken oder Zäune darum hätten, tüchtige 
Zäune errichteten und dadurch ihre Felder und 
Früchte vor dem Wildpret verwahrten. Das 
dazu erforderliche Holz sollte forstsrei verabfolgt 
werden sH. L.-O. II, S. 589). 
Besoudereii Werth legte der Landgraf aus eine 
vernünftige Waldwirthschaft, wie sie bereits in 
der Holzordnung seines Vaters wenigstens an 
gestrebt wurde. Ein ganzes Kapitel der Holz 
ordnung Landgraf Wilhelm's VI. handelte von 
der Hegung und Ersparung des Holzes (H. L.-O. II, 
S. 585—587). Eine rationelle Aufforstung hatte 
mit einem vorsichtigen, zielbewußten Abtrieb Hand
	        

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