Full text: Hessenland (9.1895)

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an ärztlicher Praxis führte ihn der Dichtkunst in 
die Arme. Ein Aufenthalt in England (vielleicht 
im Reisegefolge des Erbprinzen Otto 1611) machte 
ihn mit dem englischen Schauspielwesen bekannt 
und zeitigte das 1612 auf 1613 geschriebene 
„Speculum Aistheticum", „Eine schöne und lustige 
comoedia, darin alle sensus, so wol Innerliche, 
alß enßerliche, sambt ihren eygenschafft.cn und 
Instrumenten erkläret, und gleichsam in einem 
spiegel vor äugen gestellt werden. Neben einem 
lustigen streitte, da die Zunge der sechste sensus 
zu seyn, mit den fiinsf sensibus contendiret!" 
(Manuskript auf der Ständischen Landesbibliothek.) 
Das Stück ist bloß die Uebersetzung eines , 
englischen, nach Lvsch's Vermuthung 1602 ent- 
staudeueu Dramas „Lingua"; allerdings erlaubte 
sich Rhenanus, es dem Landgrafen als eigenes 
Werk zu widmen. Seine Bedeutung beruht darin, 
daß hier zum ersten Male der sog. Blankvers, 
der reimlose süufsüßige Jambus, in die dentsche 
Literatur eingeführt wurde, der später in den 
dramatischen Dichtungen unserer klassischen Zeit 
eine so bedeutende Rolle spielen sollte. Daß dieser 
erste Versuch ebenso unvollständig gelungen ist, wie 
die Uebersetzung überhaupt zum großen Theil und 
oft mehr Prosa als Verse an's Licht gefördert 
hat, ist wenig auffallend. Auch im englischen 
Original wechseln Prosa und Verse mit einander ab. 
Das Geheimniß der eigentlich Rhenauus'schen 
Verskunst besteht, wie S. 67 ff. dargethan wird, 
in der genauen Beobachtung der Silbenzahl, wobei 
jedoch kaum streng jambisch, sondern mit schwebender 
Betonung skandirt wurde. Freilich dauerte es noch 
einige Jahre, bis Opitzens „Deutsche Poeterey" den 
Widerstreit zwischen Versaccent nnd Wortaccent, 
über den auch Rhenanus nicht hinausgekommen 
ist, löste. Die Kapitel über die Uebersetzung nnd 
die Metrik des Rhenanus bieten eine Fülle seiner 
und von philologischer Sorgfalt zeugender Be 
obachtungen textkritischer und metrischer Art, ans 
die wir hier natürlich nicht eingehen können. Vieles 
kann leider nur ansprechende Vermuthung sein. 
Zu S. 77 und 78 ist zn bemerken, daß die zwei 
silbige Aussprache von lingua doch wohl keine 
Eigenthümlichkeit des Rhenanus ist. S. 87 hätte 
aus das englische Vorbild für die Flexionslosigkeit 
der Adjektiven bei Rheuanus hingewiesen werden 
können. ß. 
^ferfcntaCien. 
Verliehen: dem Landesbaurath Stiehl in Kassel 
und dem Landrath Dr. Hagen in Schmalkalden der 
rothe Adlerorden 4. Klasse; dem Realschuloberlehrer a. D. 
Leimbnch zu Marburg der Kronenorden 3. Klasse; der 
Schnloorsteherin Fräulein Wulften zu Kassel der Luisen 
orden 1. Abtheilung. 
Ernannt: Landgerichtsrath Briefen zum Ober 
landesgerichtsrath in Celle; Pfarrer L i m b e r t in Ostheim 
zum Metropolitan der Pfarreiklasse Windecken; Referendar 
Bolz zum Gerichtsassessor; der Gerichtsreferendar Goebel 
zu Wiesbaden zum Referendar bei der Regierung zu 
Kassel; die Rechtskandidaten Heußner und Lohr zu 
Referendaren; Eisenbahnsekretär Halsband zu Kassel 
zum Eisenbahnrechnungsdirektor; Hauptkassenkaffirer U h e n 
zu Kassel zum Eisenbahnhauptkassenrendanten. 
Berscht: Amtsrichter Dunker in Bergen auf Rügen 
an das Landgericht zu Hannover; Kreisbauinspektor Bau 
rath L ö b e l l von Hofgeismar nach Kassel; Regierungs 
und Baurath Henning von Halberstadt nach Fulda; 
Eisenbahnbau- und Betriebsinspektor Baecker von Fulda 
nach Marburg. 
Neberwicsen: der Regiernngsassessor Graf zu Dohna 
in Kassel dem Oberpräsidium zu Breslau; der Regierungs 
assessor Korth zu Hildesheim der Regierung zu Kassel 
zur weiteren dienstlichen Verwendung; desgleichen der 
Regierungsassessor Schmidt zu Frankfurt dem Landrath 
zu Marburg. 
Ueberträgen: den Wasserbauinspektoren Keller und 
G oltermann die neuerrichteten Wasserbauinspektoren 
stellen zu Kassel II bezw. Fulda. 
Geboren: ein Sohn: dem Dr. Otto Sachs uud 
Frau, geb. Phul, (Mannheim, 15. Oktober); dem Haupt 
mann Freiherr von W i l m o w s k i und Frau, geb. 
von lind zu Löwen st ein (Kassel, 19. Oktober). 
Vermählt: Forstassessor Richard Friedrichs mit 
Fräulein Elsbeth Amalie Treumann (Hannover, 
16. Oktober). 
Gestorben: Postkommissar a. D. Philipp Weller, 
85 Jahre alt (Kassel, 12. Oktober); verwittwete Frau 
Emilie Siebert, geb. Groll (Hünfeld, 14. Oktober); 
Frau Kathinka Hassel, geb. Abel, 72 Jahre alt 
(Kassel, 18. Oktober); Frau Schulrath HeleneDoemich, 
geb. A ppelius, 73 Jahre alt (Grebenstein, 19. Oktober); 
Postsekretär Karl That, 52 Jahre alt (Pasewalk, 
19. Oktober); Kaufmann Julius Sieber t, 66 Jahre 
alt (Wilhelmshöhe, 20. Oktober); Fräulein E m m y D e i ch - 
mann (Kassel, 20. Oktober); Hauptagent Johann 
Heinrich Jakob Eskuche, 54 Jahre alt (Kassel, 
20. Oktober): Kaufmann Otto Schaumlöffel, (Leipzig. 
21. Oktober); Pfarrer Adolf Mogge, 54 Jahre alt 
(Fritzlar, 22. Oktober);FrauOberpfarrerLuiseHenriette 
Loderhose, geb. Clemen (Wetter, 22. Oktober); Frau 
Kreisgerichtssekretär Christine Stern, geb. Matthieu 
(Wehlheiden, 23. Oktober); verwittwete Frau Kammer- 
musikus Betty Holzapfel (Wehlheiden, 24. Oktober). 
Briefkasten. 
Frau 0. 6. in Fulda. Nach Wilhelm Arnold, 
Ansiedlungen und Wanderungen deutscher Stämme. S. 143, 
hängt der Name der Stadt Fritzlar (Fridis-, Frides-, 
Fritis-, Frites-lare, lar, leri, hlar, lateinisirt Friteslaria 
8. bis 12. Jahrhundert) mit fridu (lat. pax) zusammen, 
wie Friedberg, Fredeburg, Friedewald, und bedeutet 
„Friedensstätte" (lat. locus pacis), wobei etwa an eine 
altheidnische Kultusstätte zu denken ist. — Ihre Theilnahme 
an den Bestrebungen, welche das „Hessenland" verfolgt, 
wissen wir zu schützen. 
Für die Redaktion verantwortlich: Dr. W. Grotes end in Kassel. Druck und Verlag von Friedr. Scheel in Kassel.
	        

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