Full text: Hessenland (9.1895)

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der theologischen Fakultät Professor Dr. Wolf 
Graf von Ban di ssin, der juristischen Professor 
Dr. Lehmann, der medizinischen Professor Dr. 
M ü l l e r und der philosophischen Professor Dr. H e ß. 
Am 13. Oktober 189-'» waren es 100 Jahre, 
daß der am 8. Juli 1850 verstorbene Oberst- 
lieutenant im kurfürstlich hessischen Leibgarde 
regiment Hieronymus Heinrich von Roqnes 
zu Frankenhain bei Treysa geboren wurde. Von 
diesem Gedenktage hat die Gesammtfamilie von 
Roqnes Veranlassung genommen, in Treysa zu 
einem Familientag zusammenzukommen. Am 13. 
nach dem Morgeugottesdienst versammelte sich die 
Familie im Gasthose zur Burg, wo der Senior 
derselben. Majora. D. Hermann von Roqnes aus 
Kassel, die Erschienenen begrüßte, auf die Bedeutung 
des Tages hinwies und sich über Familiensinn und 
den Werth von Familientagen verbreitete. Sodann 
gab Generallieutenant z. D. Georg von Roqnes, 
Ercellenz ans Wiesbaden, Lebensabriß und Charakter 
schilderung des verstorbenen Vaters, und Dr. med. 
Christian von Roqnes aus Treysa sprach noch 
einige Worte über die langjährigen Beziehungen 
der Familie zur Stadt Treysa. Nach einem daraus 
vom größten Theil der Gesellschaft nach dem schön 
gelegenen Torfe Frankenhain unternommenen Aus 
flug fand um 5 Uhr Nachmittags das Festessen in 
der „Burg" statt. In einer Sitzung der Familien 
glieder am 14. Oktober wurde beschlossen, vom 
künftigen Jahre an regelmäßig alle zwei Jahre 
Familientage abzuhalten. Nach einem alsdann 
folgenden eingehenden und interessanten Vortrage 
des Hauptmanns Max von Roqnes aus Han 
nover' über die Geschichte der Familie wurde 
ferner beschlossen, der Erforschung derselben, soweit 
dies, wenigstens bezüglich der älteren Zeit — die 
Familie besaß Schloß und Gut Clausonne im süd- 
französischer Departement du Gard — unter den 
gegenwärtigen ungünstigen Verhältnissen möglich 
ist, allseitige Aufmerksamkeit zu widmen. 
Möchten, soweit es noch nicht geschehen, auch 
andere hessische Familien sich entschließen, zur 
Hebrmg des Familiensinnes solche Tage abzuhalten 
und sich der Erforschung ihrer Geschichte, ins 
besondere auch der Herausgabe ihrer Urkunden zu 
widmen! Es würde dies sowohl für die Fest 
stellung der Familien-Genealogie, als auch für die 
allgemeine hessische Geschichte von großem Vortheil 
sein, die ohne vorhergegangene Urkundenveröffent 
lichungen und Bearbeitung von Familien-, Städte- 
und Klostermonographieen endgültig richtig gar 
nicht geschrieben werden kann. 
Nach kurzem, schweren Leiden entschlief zu 
Wilhelmshöhe am 20. Oktober Kaufmann Julius 
Siebert, Mitinhaber der Firma Carl Rohde 
Söhne in Kassel, geboren zu Treysa am 16. Oktober 
1829. Der durch Vortrefflichkeit des Charakters 
und reiche Geistesgaben ausgezeichnete Verstorbene 
. hat sich in seiner langjährigen Thätigkeit als hoch 
geschätztes Mitglied des Bürgerausschusses und des 
Stadtrathes, dem er bis vor Kurzem angehörte, 
um die Verwaltung der Residenzstadt Kassel sowie 
in eine Reihe weiterer Ehrenämter anerkennens- 
werthe Verdienste erworben. 
Hessische Mcherschau. 
Carl Preser, Das Arminslied. Großenhain 
und Leipzig (Baumert & Rouge) 1895. 8°. 
204 S. 
Carl Preser, unser hochbegabter hessischer Dichter, 
ist mit einer neuen poetischen Gabe aus den Bücher 
markt hinausgetreten, die nicht verfehlen wird, 
Aufmerksamkeit zu erregen und jedem Leser An 
erkennung abzunöthigen. In seinem Arminslied 
stellt der Verfasser der epischen Dichtungen „König 
Antharis' Brautfahrt" und „Ulrich von 
Hutten" diesen eine neue Leistung auf dem gleichen 
Gebiete an die Seite, die als besonders gelungener 
Wurf bezeichnet zu werden verdient. Es ist eine 
wirkliche Dichtung großen Stiles, die der Dichter 
uns jetzt bescheert hat, die nicht nur durch ihren 
inneren Gehalt und den Schwung ihrer Sprache, 
sondern vornehmlich auch durch den echt deutschen 
Grundton, aus den das Ganze gestimmt ist, erhebt 
und fesselt. Nicht leichten Sinnes wird der Dichter 
an seinen Stoff herangetreten sein, zumal der 
Cherusker Hermann und die Großthat nationaler 
Erhebung, die mit seinem Namen unlöslich ver 
knüpft ist, schon vielfach von berufener und unberufener 
Seite gepriesen und verherrlicht ist, freilich nicht 
im Epos, sondern im Drama. Den Ruhm, die 
Befreiung Deutschlands durch Armin zuerst episch be 
handelt zu haben, wird Carl Preser nicht streitig 
zu machen sein. Wesentlich begünstigt wurde sein 
Unterfangen durch die Anwendung der Mbelungen- 
strophe, mit deren Hilfe dem Werke von vorn 
herein der Stempel der alten Heldenzeit ausgeprägt 
ist, in die der Leser versetzt werden soll. Schon 
Armin's Geschick bietet mit dem Siegfried's an und 
für sich insofern Berührungspunkte, als auch er 
wie Siegfried Tücke und Verrath zum Opfer 
fiel; Thusnelda ist zu Chriemhild in Vergleich zu 
stellen, und die geschichtlichen Gestalten Marbod's 
und Segest's stehen sagenhaften Charakteren wie 
Günther und Hagen nicht fern. Nicht nur die
	        

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