Full text: Hessenland (9.1895)

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und Gefühl für Nationalehre, werden gelobt. 
Leider waren sie den Ordres unterworfen, die 
sich auf Zopfform, Montur, Haarschnitt und auf 
Exerzierharlekinaden als Haupterforderuisse be 
zogen. Lächerlich, was da Alles im Ordrebuch 
vorgeschrieben war! Zahl der Gamascheuknöpfe, 
Dicke und Länge des Zopfes u. s. f. Die 
Kapitäne trugen ein Zopfmaß und visitirten 
jeden Morgen, wenn sich die Kompagnie ver 
sammelte, Zopf um Zopf mit der größten 
Genauigkeit. Auf Nachlässige fiel da mancher 
Hieb. Der Verfasser hat einmal im Arrest 
gesessen und zwar wegen eines nicht dienstmäßigen 
Zopfes eines Burschen seiner Kompagnie. Der 
Kurfürst musterte einst ein Regiment. Er 
ließ nach dem Exerzieren die Feldwebel zusammen 
kommen und visitirte genau die Zöpfe. Sie 
fanden nicht Beifall. Er ries aus: „Aber mein 
Gott, in welcher Ordnung kann eine Kompagnie 
sein, wo der Feldwebel einen solchen Zopf trügt!" 
Die Kvmpagniechess waren mit allem anderen 
Tand so gequält, daß sie lieber eine Schlacht 
mitmachen wollten, als die Revue des Kurfürsten. 
Das Wichsen des Lederwerks, das Instandhalten 
der Uniformstücke war höchst zeitraubend. Da 
gegen zum Zerlegen des Gewehres und Wieder- 
zusammensetzen, zum richtigen Laden, zum zweck 
mäßigen Feuern und dergl. ward keine Anleitung 
gegeben. Die Scharfschützen konnten wohl knallen, 
aber nicht treffen. Kurze weiße, knapp anliegende 
Hosen, die im Marschieren höchst unbequem 
waren und denen mancher gesunde Kerl beim 
Manövriren und Niederfallen einen Bruch zu 
danken hatte, elende kurze Röcke, steife Halsbinde, 
dreieckiger Hut, Säbel an breiten steifen ledernen 
Koppeln, Patrontaschen mit noch breiteren Riemen, 
auf deni Deckel mit einem großen Schild, und 
endlich Donnerbüchsen, wahre Schießprügel, alt 
und schadhaft, vorn ein Bajonett, alle diese 
Uniform- und Armaturstücke waren ganz lästig 
und ungeeignet für einen, der Krieger sein sollte. 
Was hätte es gegeben, wenn sie so gegen den 
Feind gegangen wären! Wie schlecht die Aussicht 
war, zeigt folgendes Beispiel: In einem Zeug 
haus wurden Kanonenpatronen gesunden, die statt 
mit Pulver mit Sägespähnen gefüllt waren. 
Die Festung Hanau — und damit hören wir 
die letzte Kritik des Verfassers — war eigentlich 
nichts als eine mit nassem Graben und bau 
fälligem Wall umgebene Stadt. Ihre Lage 
machte sie zu einer Hauptsestung geschickt. Zu 
letzt wurden einige Tausend Gulden zu Repa 
raturen angewiesen, und man glaubte höheren 
Orts hier ein zweites Gibraltar zu besitzen. 
Indeß, so bemerkt der Verfasser, würde sich 
Hanau länger als Magdeburg gehalten haben, 
denn der Kommandant war ein braver Mann 
voll Ehre und Tapferkeit. 
Der Verfasser schließt: „Alle Data, die ich 
niederschrieb, sind vollkommen wahr. Ich fordere 
jeden auf, der dazu im Stande ist, das Gegen 
theil zu behaupten." 
Soweit der anonyme Verfasser. Die innere 
Wahrscheinlichkeit spricht dagegen, daß diese Schrift, 
die trotz mancher zutreffenden Einzelheiten doch 
zu sehr den Charakter einer Schmähschrift 
trug, den Advokaten Martin zum Verfasser habe. 
Es ist aber — wie dem Schreiber dieser Zeilen 
erst jetzt, nach Niederschrift des Obigen bekannt 
geworden ist — im Jahre 1808, ebenfalls von 
einem Anonymus herrührend, eine „Würdigung 
und Widerlegung" jener Broschüre 
erschienen. Sie betitelt sich: „Hessen in 
seiner wahren Gestalt, Würdigung 
und Widerlegung der Schrift: Hessen 
vor den: 1. November 1800." Der Druck 
ort ist nicht genannt. In dieser Schrift lesen 
wir S. 3, „daß selbst Auswärtige den Verfasser 
der Uebertreibung bezichtigen, das mögen die 
Urtheile der Herausgeber der Minerva, der 
Nordischen Miszellen, des Morgen 
blatts und der Heidelberger Jahrbücher 
beweisen; ja, der Verfasser der Feuerbrände 
räumt stillschweigend Uebertreibung ein, indem 
er bei der Ausnahme interessanter Partieen 
kräftige Bemerkungen und manchen beleidigenden 
Ausdruck wegläßt oder mildert". 
Dieses zweite Schristchen nimmt entschieden 
Partei, für den Kurfürsten Wilhelm I., für den 
hessischen Adel und für das ganze hessische 
Militär. Es weist überzeugend nach, daß der 
Verfasser der angreifenden Schrift zu weit ge 
gangen ist, daß er das Gute unb Tüchtige ver 
schwiegen und einzig das Schlimme hervorgehoben 
hat, daß er insbesondere, was einzelne Personen 
verschuldeten, zu einem verdammenden Urtheil 
über das Ganze ausgedehnt hat. Ein Beispiel, 
wie jenen Entstellungen und Uebertreibungen ent 
gegen getreten wird, sei hier angeführt: „Was 
die Anekdote betrifft, man habe in einem Zeug 
haus, als es die Franzosen übernahmen, eine 
Menge Kanonenpatronen gesunden, die statt mit 
Pulver mit Sägespähnen gefüllt gewesen, wobei 
dann den Offizieren die schönsten Komplimente 
gemacht werden, so wisse man, daß es nur eine 
einzige war, die, der Feuersgefahr wegen so 
gefüllt, dem Schreiner pflegte zur Verfertigung 
des Schlußknopses in's Haus gegeben zu werden. 
Man sieht hieraus, wie der Verfasser Alles zu
	        

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