Full text: Hessenland (9.1895)

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Mutter Österreicherin aus gutem Hause. Beide 
reich, aber verschwenderisch —, sie lebten nicht 
glücklich —, und schon bald kam die Katastrophe." 
„Der Scheidung natürlich", warf der Professor 
ein. 
„Oh, wenn es nur das gewesen wäre! Nein, 
es kam ärger. Der Bater des Fräuleins borgte 
auf Ehrenwort große Summen von seinen Freunden 
und Kameraden und verschwand dann mit einer 
zweifelhaften Person. Man wollte ihn steckbrieflich 
verfolgen, der Frau einen Prozeß machen, — da 
legten ihre Verwandten zusammen und deckten die 
Schuld. Sie thaten es unwillig — gezwungen — 
der Familie wegen." 
„Und was wurde aus der Frau?" 
„Sie starb bald — bei Anverwandten in Pest. 
Das arme, schöne, mit diesem Fluche behaftete 
Kind wurde dann gleichfalls auf Kosten der 
Familie erzogen — aus Gnade. Aus Gnade — 
auch später zur Krankenpflegerin gemacht und 
um ihre reizvolle Jugend betrogen." 
„Konnte sie sich nicht frei machen, die Ketten 
zerreißen?" 
„Nein. Sie war stolz, sie wollte keine Almosen — 
und trug, durch Pflege, Arbeit und später Er 
erbtes, die Schuld ihres Vaters ab. 
Jetzt freilich," fuhr die Dame nach einer Weile 
fort, — „jetzt ist sie frei! Ein entfernter Onkel, den sie 
elf Jahre lang pflegte, weil er die größte Summe für 
ihren Vater gab, starb vor wenigen Monaten 
und hinterließ ihr ein kleines Vermögen." 
„Und da kaufte sie jenes Haus — hier in 
Omessen?" fragte der Professor gespannt. 
„Ja. Sie sagte, bevor sie sich einen neuen 
Wirkungskreis schaffe, bedürfe sie eine Zeit lang 
vollständiger Freiheit und Ruhe." 
Aus alter und neuer Zeit. 
Fünf Fähnlein hessischer Reiter im 
niederländischen Befreiungskrieg. Ter 
Krieg, der in den Jahren 1572—1576 unter 
Prinz Wilhelm von Oranien für Vater 
land, Freiheit und Religion gegen die spanische 
Monarchie von den zum Theil wiedergewonnenen 
Provinzen Holland und Seeland aus geführt 
wurde, sucht an Thaten des unvergleichlichsten 
Heldenmuthes und der größten Aufopferung noch 
seines Gleichen in der Geschichte. Zu des Prinzen 
Truppen gehörten nach Berichten eines Augen 
zeugen fünf hessische Fähnlein unter den Ritt- 
„ Sonderbar." 
„Ja freilich, sonderbar. Omessen liegt fast 
jenseits der Welt —, aber sie ist sehr ruhebedürftig. 
Auch möchte sie einmal, wie sie sagt, mit sich 
selbst leben, ihre eigene innere Welt durchwaudeln —, 
die Natur auf sich wirken lassen, nach eigenem 
Bedürfniß. Sie war ja ihr ganzes Leben lang 
in sklavischer Abhängigkeit." 
„Und warum in Omessen — so weltentlegen?" 
fragte der Professor leise. 
„Wer könnte in die Tiefen der Herzen dringen, 
die Labyrinthe verstehen, durch welche sich die 
Sehnsucht der Menschen ringt? Jedenfalls hat 
auch Fräulein von Paulsen Dinge erlebt, die 
sie in ihrer Seele begraben hält, — sie war 
einmal jung, schön und bedeutend —, noch 
heute ..." 
„Kann man die Dame nicht kennen lernen, 
gnädigste Frau?" unterbrach sie der Professor. 
„Diese Bekanntschaft würde mein Leben bereichern —, 
schon um des Hauses willen, welches Fräulein 
von Paulsen kaufte. Es lebte einst Jemand in 
demselben ..." Der Professor stockte plötzlich. 
Die Dame hob den gesenkten Kops und sah 
zu ihm in die Höhe. Er war bleich und erregt. 
„Kommen Sie morgen," sagte sie dann, ihm 
die Hand zum Abschiede reichend, „und fragen Sie 
nur nach der Frau Legationsrath Römer." 
Der Professor verbeugte sich und küßte ihr die 
Hand. 
„Ich danke, gnädigste Frau, ich freue mich 
aufrichtig, Sie wiederzusehen." 
Und er blieb stehen und sah der alten Dame 
nach, bis sie hinter dem Hause verschwunden war. 
(Schluß folgt.) 
meisternJost von Rehen, B olb ert Schaben, 
Hermann von Calenberg-Wettesingen, 
Wolfs Henrich von Afsenstein und Alhart 
Gehlen. Wegen Bezahlung des Soldes für seine 
Truppen gerieth der Prinz, dessen Unternehmungen 
nicht vom Glück begünstigt waren, alsbald in 
Schwierigkeiten. Seine Söldner meuterten und 
drohten, den Prinzen dem Herzog Alba aus 
zuliefern. Doch seine Obersten und Rittmeister 
und ihre Reiter erkannten die Schuldlosigkeit des 
Prinzen und verständigten sich mit ihm dahin, 
daß ihre Soldsvrderungeu von ihm und den 
Städten anerkannt werden sollten. Dies geschah. 
Das Marburger Staatsarchiv birgt eine dahin
	        

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