Full text: Hessenland (9.1895)

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Eine Wallfahrt. 
Von H. Keller-Jordan. 
(Fortsetzung.) 
( '~~Z um ersten Male, seitdem er diesen Weg wandelte, 
war heute der Platz besetzt. Wer mochte sich 
bis hierher verirrt haben? Beim Näher 
kommen erkannte er eine alte Dame, die in ihr 
Buch vertieft schien. 
Er griff nach dem Hute und wollte vorübergehen. 
„Ah — Herr Professor Grabenow — wie 
wäre das möglich?" — 
„Gnädigste Frau, — Sie — hier in dieser 
Schlucht?" 
Und er stand seiner Reisegefährtin gegenüber, 
die von Berlin bis Innsbruck das Coupö mit 
ihm getheilt hatte. 
Ein paar Augenblicke blieb er verlegen, aber 
die Dame war diskret und machte keine An 
spielungen auf seine ernste Mission, die er ihr 
beim Aussteigen verrathen hatte, wohl in dem 
Wahne, daß er ihr niemals wieder im Leben 
begegnen würde. 
„Sind gnädige Frau schon länger in Omessen?" 
fragte er etwas befangen. 
„Nein, seit vorgestern, eigentlich hat mich nur 
ein Zufall hierher geführt." 
„Ein Zufall? Gnädige Frau wohnen doch 
in der Pension?" 
„Nein, ich wohne dort oben in dem Heineit 
getäfelten Hause, mit dem Brunnen vor der 
Thüre. Mich hat, wie schon gesagt, ein merk 
würdiges Zusammentreffen hierher geführt." 
Der Professor blieb einen Augenblick stehen, als 
fühle er einen Stich im Herzen, — so gäbe es doch 
vielleicht noch eine Möglichkeit, jene Räume betreten 
zu dürfen, die einst Josepha durchwandelt hatte? 
„Sie meinen das kleine, hübsche Haus mit den 
Oleanderbäumen?" ging es zaghaft über seine 
Lippen. 
„Dasselbe." 
„Und das Grab, das Grab Ihres Sohnes, 
haben Sie es gesunden, gnädigste Frau?" 
„Ja — ich habe es gefunden", sagte sie mit 
einem Seufzer —, „in einem Winkel auf dem 
Friedhofe in Meran, von Unkraut überwuchert. 
Es hat mich Mühe gekostet. Ich entdeckte es 
erst mit Hilfe einer Dame, die damals zu gleicher 
Zeit, mit einen: verblödeten Anverwandten, dort 
wohnte und meinen armen, verlassenen Sohn 
wie ein Engel gepflegt hat. Seine Briefe sprachen 
von dem Mädchen mit begeisterter Verehrung. 
Ich hatte natürlich keine Ahnung, daß ich Fräulein 
von Paulsen in Meran treffen würde und ihr 
persönlich danken könnte für das, was sie an 
meinem Sohne gethan hat." 
„Fräulein von Paulsen — Paulsen?" 
„Kennen Sie die Dame?" 
„Nein, es war mir nur, als habe ich den 
Namen schon einmal gehört." 
„Als ich nämlich auf dem Friedhofe uach dem 
Grabe meines Sohnes suchte," fuhr die Dame 
fort, während sie langsam neben ihrem Begleiter 
durch die schmale Schneuße ging, die den Wald 
durchschneidet, „wußte mir der Aufseher keine 
Auskunft zu geben. Er war ein Neuling in 
Meran und meinte, im Kirchenbuche oder bei 
dem Pfarrer, der schon seit einer Reihe von 
Jahren hier stationirt sei, da könne ich alles 
erfahren. Der Zufall wollte, daß man mir — 
nach meiner Rückkehr in das Hotel — das 
Fremdenbuch vorlegte und meine Augen auf den 
Namen ,Paulsen' fielen. 
Ich ahnte natürlich nicht, daß diese Dame die 
Pflegerin und Freundin meines Sohnes sei, aber 
es konnte doch eine Anverwandte sein, die mir 
möglicherweise über dieselbe Auskunft geben würde. 
In der That war es aber Fräulein von Paulsen 
selbst, die ich eine Stunde später in ihrem Zimmer 
fand —, und nun können Sie sich vorstellen, wie 
sich diese Wallfahrt nach dem geliebten Grabe 
vertiefte, und wie ich von dem Fräulein alles 
erfuhr, was den theuern Todten betraf. In ihr 
selbst aber lernte ich eines jener seltenen Wesen 
kennen, die, von unverdientem Geschicke verfolgt, 
gleichsam auserkoren werden, die Verbrechen 
Anderer zu sühnen." 
„Das ist sonderbar — sehr sonderbar", sagte 
der Professor, mit seinem Stocke im Sande 
wühlend, — „und Sie — wie kamen Sie, wenn ich 
fragen darf, hierher nach Omessen, gnädige Frau?" 
„Eben durch Fräulein von Paulsen. Wir haben 
uns merkwürdigerweise — durch gleiche Lebens- 
auffassuug und tiefes Leid, das wir beide erduldet, — 
in wenigen Tagen eng aneinander angeschlossen, 
und so begleitete ich meine Freundin hierher." 
„Gehört Fräulein von Paulsen das kleine, braun- 
getüfelte Haus?" 
„Ja. Fräulein von Paulsen hat, wie ich Ihnen 
schon andeutete, Herr Professor, eine schwere 
Schuld Anderer durch's Leben zu tragen gehabt; 
es ist das besonders hart für eine vornehme, 
selbstbewußte Natur, wie es die ihre ist. Ihr 
Vater war Offizier in preußischen Diensten, ihre
	        

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