Full text: Hessenland (9.1895)

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ohne Weiteres auf das Rathhaus, die Bürgerschaft 
aber, mit Ausnahme der Einwohner des vom Feuer 
gefährdeten Viertels rückte mit ihrem Gewehr auf 
die ihr angewiesenen Versammlungsplätze, die 
Oberbürgerschaft auf den Ledermarkt lau der 
Martinskirche), die Niederbürgerschaft auf den 
Brink, die der Altstadt auf den Markt und 
und die der Neustadt auf die Fulda brücke. 
Das Löschen des Feuers und die Rettuugsarbeiten 
sollten nach Ansicht des Landgrafen vorzugsweise 
den Handwerkern überlassen bleiben, die mit 
Aexten und Beilen umzugehen verstanden, ferner 
den Dienstknechten und Tagelöhnern. Die Garnison 
stand unter dem Gewehr und mußte im Nothfall 
in geregelter Weise beim Löschen zugreifen. Neu 
gierige, Müßiggänger und Feuerbummler wurden 
nicht geduldet. Frauen, Kinder und altersschwache 
Personen mußten daheim bleiben. Wer bei der 
Löscharbeit an seinem Leibe Schaden empfing, dem 
war die Stadt ersatzpflichtig. Zu den hieraus 
entstehenden Unkosten verhieß der Landgraf jedoch 
seinerseits Beisteuer. Wer bei Wafserfuhren, Löschen 
oder anderweitig sonderlichen Fleiß bewies, sollte 
nach Befinden belohnt werden. Wasserspritzen und 
zwei lederne Eimer durften in keinem vermögenden 
Bürgerhanse fehlen. Ein gemeiner Handwerks 
mann mußte wenigstens die zwei letzteren zur 
Hand haben. 
Ungeachtet aller Fortschritte der Neuzeit im Feuer 
löschwesen ist den Absichten des Landgrafen und 
feinem Vorgehen auf deni Gebiet der Feuerverhütung 
und des Löschwesens behufs Schaffung von Ordnung 
und Sicherung eines zielbewußten Einschreitens, 
bei dem alles in einander greift, volle Anerkennung 
zu zollen. Auch auf diesem Gebiete brauchte der 
Landgraf den Vergleich mit keinem andern Fürsten 
seiner Zeit zu scheuen. 
(Fortsetzung folgt.) 
Ein Blick in die Jagdgründe unserer Vorfahren 
^Messen gehört heutzutage noch zu den wald- 
ts und wildreichsten Gegenden Deutschlatids. 
Zwar ist die Feldjagd, von den selteneil 
Trappen abgesehen, nicht so ergiebig wie in der 
Ebene, z. B. in der Provinz Sachsen. Dagegen 
bergen die bewaldeten Hügel wahre Schütze für 
den Waidmann. Jetzt um die Herbstzeit schreit 
dort der Edelhirsch und zeigt oftmals ein viel 
zackiges Geweih, in dem Dickicht lagert das 
Wildschwein, und wenn der erste warme Früh 
lingshauch wieder gen Mitternacht zieht, dann 
balzt iil der frühesten Morgendämmerung der 
herrliche Auerhahn, der schönste unter den 
heimischen Vögeln. Dem Naturfreunde und dem 
Waidmanne wird das Herz warm, wenn er der 
gleichen vernimmt. Und doch, wie arm ist die 
heutige hessische Jagd im Vergleiche zur Vorzeit! 
Nur auf einige größere Thierarten, deren Vor 
kommen im Hessischen nachweisbar oder höchst 
wahrscheinlich ist, wollen wir eitlen Blick werfen. 
Im Anfange dieses Jahrhunderts wird als 
Seltenheit berichtet, daß ein Teich in der Nähe 
von Kassel eine Zeit lang von wilden Schwänen 
bevölkert war. Jll früheren Zeiten muß diese 
stolze Zierde unserer Seeen und Stadtgräben ein 
steter Bewohner der hessischen Gewässer gewesen 
fein. 
Der kleine kluge Wafferbaunieister der Thier 
welt war ebenfalls an Hessens Strömen heimisch. 
Neben anderen erinnert der bekannte Ortsname 
Bebra an den Biber. Als in den vierziger 
Jahren dieses Jahrhunderts die Erdarbeiten zum 
Bane der Friedrich-Wilhelms-Nordbahn (von 
Kassel nach Bebra) vorgenommen wurden, be 
förderte mau einstmals das Gerippe eines Bibers 
an's Tageslicht. 
Der Riefe der altdeutschen Wälder war der 
bei uns jetzt ausgestorbene Wisent, meistens, 
obgleich fälschlich, als Auerochs oder Ur bezeichnet. 
Bei seiner weiten Verbreitung darf man schon 
annehmen, daß er auch in Hessen nicht fehlte. 
Ein Zeugniß bestätigt dies. Die alte Ordens- 
niederlaffung Wiefenthal verdankt ohne Zweifel 
dem Wrfent ihren Namen. Die frühere Schreib 
weise läßt schwerlich eine andere Deutung zu.*) 
Cäsar berichtet, daß im hercynischen Walde 
außer dem Rennthiere auch der größte 
europäische Hirsch, der Elch oder das Elen, 
gelebt habe. Bei der großen Ausdehnung, die 
man diesem hercynischen Walde geben muß, läßt 
sich auf das Vorhandensein des Rennthieres und 
des Elens im Gebiete der alten Chatten schließen; 
ein sicherer Beweis ist aber meines Erachtens 
nicht zu führen. 
*) Diese Ansicht des geschätzten Herrn Verfassers ist 
nicht vereinbar mit Arnold, Ansiedlungen und Wan 
derungen deuscher Stämme, S. 338; nach der „Wiesenthal" 
mit Wiese zusammenhängt.
	        

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