Full text: Hessenland (9.1895)

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Wirthshäusern finden, übernahmen sich nicht selten 
in die tiese Nacht hinein mit allerhand Getränk, 
richteten mit Rusen, Schreien, Zanken und Schlagen 
in den Häusern und auf den Gassen lose Händel 
und Ungelegenheit an, ja verschonten gar der 
Ronden und Nachtwächter nicht, sondern setzten 
selbigen, wie man unterschiedlich in der That 
erfahren, zur Ungebühr zu, stellten wohl auch 
sonst allerhand Unrath und Molestien an, wodurch 
leicht Zank, Unwillen, Schlägereien, ja sogar 
Todtschlag entstehen kann." Stadtkommandant 
und Bürgermeister hatten dafür Sorge zu tragen, 
daß, wenn die Haupt- oder Bürgerronde nach 
dem Zapfenstreich in den Häusern oder aus 
der Gasse Nachtschwärmer anträfen, die in den 
Wirthshäusern beim Gelage oder an anderen 
Stellen Muthwillen trieben oder Unthaten ver 
richteten, sie die Uebelthäter, ohne viel Federlesens 
zu machen, bei den Köpfen nähmen und etwa 
ertappte Soldaten auf die Hauptwache, Bürger 
jedoch auf die Bürgerwache zur Verwahr und 
Haft brächten, nachgehends aber die Soldaten von 
dem Kommandanten, die Bürger von dem Bürger 
meister dem Thatbestand gemäß bestraft würden. 
Etwa betretene Wirthe erwartete ebenfalls ge 
bührliche Strafe. 
Daß der Landgraf vernünftiges Einsehen besaß 
und bei aller Strenge den Verhältnissen Rechnung 
zu tragen wußte, bewies er auch jetzt wieder. 
Vermuthlich im Interesse des dem Aufschwung 
seiner guten Residenzstadt förderlichen Verkehrs 
verfehlte er nicht ausdrücklich hinzuzufügen: „doch 
kann bei währenden Jahrmärkten wegen der 
Fremden in den Wirthshäusern hierunter etwas 
conniviret und nachgesehen werden". 
Ein weiteres Stück aus dem Bereich der 
Sicherheitspolizei, dem Landgraf Wilhelm vor 
zugsweise seine Aufmerksamkeit schenkte, war das 
Feuerlöschwesen. Diesem galt seine den 
heutigen Ansprüchen selbstverständlich nicht mehr- 
angemessene, für jene Zeit aber gewiß durchaus 
brauchbare und bewährte Feuerordnung für 
die Stadt Kassel vom 2. Mai 1659 (H. L.-O. II, 
S. 564—568), die sich nicht nur auf das Feuer 
löschwesen im engeren Sinne erstreckte, sondern 
darüber hinaus Vorschriften behufs Verhütung 
etwaiger Feuersgefahr enthielt. Von der Vor 
beugung der Feuersgesahr handeln die 
Paragraphen 23—31 der Ordnung. 
Vielleicht ist es unseren Lesern nicht unerwünscht, 
den Inhalt gerade der Feuerordnung ein wenig 
näher kennen zu lernen, um so mehr als das 
Hessenland neuerdings wieder von Feuersbrünsten 
ausnehmend schwer heimgesucht wurde, zudem aber 
sich in der Ordnung von 1659 manches kultur 
historisch Bezeichnende findet. 
Was zunächst die Vorbeugungsvorschriften an 
betraf, so untersagte der Landgraf für die Zukunft 
die Errichtung von Strohdächern und gebot den 
Abbruch der vorhandenen. Gefährliche Rauchsänge 
und Schornsteine, desgleichen Malzdörren sollten 
innerhalb der nächsten zwei Monate abgeschafft bezw. 
umgebaut werden, widrigenfalls sie von Amtswegen 
über den Haufen geworfen werden würden. Jeder 
mann hatte bei Tag und Nacht auf sein Licht 
und Feuer steißig Acht zu geben, die Schornsteine 
jederzeit reinzuhalten, Stroh, Heu, Kohlen, Holz, 
Späne, Werg, Flachs, wie andere leicht entzünd 
bare Stoffe aus der Nähe der Schornsteine zu 
entfernen, des Nachts über das noch nicht aus 
gegangene Feuer oder glimmende Asche mit eigens 
dazu verfertigten Pfannen und Töpfen vorsichtig 
zuzudecken, vor allem aber die Ofenlöcher mit 
nöthigen Thürlein zu verwahren. Niemand durste, 
vom Spinnen abgesehen, bei Nacht Flachsarbeit 
verrichten, noch mit Lichtern auf Flachs-, Stroh- 
und Heuböden gehen, noch mit Strohwischen in 
den Häusern oder aus den Straßen herumlaufen. 
Sämmtliche Bürger oder Einwohner, zumal die 
Gastwirthe, hatten sich mit wohl verwahrten 
Leuchten zu versehen und nicht zu gestatten, daß 
das Gesinde im Finstern mit unverwahrten 
Lichtern in die Ställe ginge. Für jedes Jahr 
wurde, sonderlich zur Flachszeit, eine allgemeine 
Haussuchung (die sog. Feuervisite) angekündigt, 
um sich über vorschriftsmäßigen Zustand der 
Häuser zu überzeugen und dabei u. a. nachzusehen, 
wie und wo der Flachs aufbewahrt werde. Alles 
Dörren und Trocknen des Flachses in den Stuben 
oder Backöfen war verboten. „Das Tabaktrinken" 
in Scheuern, Ställen oder auch in den Stuben 
auf den Streuen war gänzlich abzustellen. Die 
Krämer, welche Pulver feil hielten, hatten dieses 
an sicheren Orten aufzubewahren, wohin kein 
Feuer und Licht kam, die Eltern sorgfältig auf 
zupassen, daß ihre Kinder nicht mit Feuerwerk 
umgingen. 
Brach dann trotz aller Vorsicht wirklich Feuer- 
aus, so war es die Aufgabe der Wächter auf 
dem Thurme der Martinskirche unverzüglich Nach 
forschungen anzustellen, sobald sie nur verdächtigen 
Rauch aufsteigen sahen, und Anzeige zu erstatten, 
auch die Feuerglocke zu ziehen. Einwohner, die 
die Entstehung von Feuer erblickten, hatten sofort 
ein Feuergeschrei zu erheben. Alsbald mußte 
Anstalt getroffen werden, daß das Wasser aus der 
Druselleitung behutsam zu der Feuerstelle geleitet, 
bezw. aus der Fulda dorthin gefahren werden 
konnte. Bürgermeister und Rath begaben sich
	        

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