Full text: Hessenland (9.1895)

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Die Regententhätigkeit Landgraf Wilhelms VI. 
Von Dr. W. Grotefend. 
(Fortsetzung.) 
III. Landgraf Wilhelm und die Ver 
waltung. 
A. Die Sicherheitspolizei. 
Ueber die Ziele, welche der Landgraf bei Er 
greifung der Zügel der Regierung sich setzte, 
äußerste er in einer feiner ersten Verordnungen 
unter dem 2. Januar 1651, wie es ihm bei 
Wiederkehr des lieben Friedens in dem geliebten 
Vaterlande durch die Gnade des Allerhöchsten 
sonderlich angelegen, daß nächst Wiederherstellung 
allerhand nöthiger bei dem vorhergegangenen 
Kriegswesen in Abgang gerathener guter Ord 
nungen in seinen Landen bei der daselbst noch 
vorhandenen Verwüstung ltnb Abgang alles wieder 
in Ban. und Besserung und zu vorigem Wohl 
stand gebracht werden möge (H. L.-O. II, S. 146). 
Die erste Vorbedingung für das Gelingen der 
guten Absichten des Landgrafen war, neben der 
sittlichen Hebung des Volkes, die sich der Fürst 
bekanntlich so sehr angelegen sein ließ, die nach 
drücklichste Bekämpfung der in den Kriegszeiten 
eingerissenen Unsicherheit der öffentlichen Wege, 
aus denen Landstreicher, Wegelagerer oder Strauch 
diebe ihr Wesen trieben. Ueber die polizeilichen 
Maßnahmen des Landgrafen ans diesem Gebiete 
wie gegen das Ueberhandnehmen des mit der 
öffentlichen Sicherheit unvereinbaren Bettelwesens 
ist bereits an anderer Stelle das Erforderliche 
gesagt svergl. Brunner, Kirche und Schule in 
Hessen während und nach dem dreißigjährigen 
Kriege, „Hessenland" VI, S. 6 f.). An dieser Stelle 
sei zur Charakteristik des Landgrafen nur noch 
hervorgehoben, daß er keineswegs das Kind mit 
dem Bade ausschüttete. In diesem Sinne wußte 
er zwischen fremdem umherstreichenden Gesindel 
und den Ortsarmen recht wohl zu unterscheiden. 
So streng er gegen das erstere eingrifs, so weit 
war er andererseits von Unempfindlichkeit gegen 
die Noth der Armuth entfernt. Davon zeugt der 
entsprechende Abschnitt der Bettelordnung vom 
27. September 1651, in dessen Eingang mit 
ausdrücklicher Bezugnahme auf die Residenzstadt 
Kassel betont wird, die dürftigen und der Almosen 
würdig geachteten Stadt- und Hausarmen sollten, 
soweit sie ihr Brod nicht zu verdienen vermöchten, 
soviel wie möglich verpflegt werden. Zn dem 
Zweck der besseren Fürsorge für die Ortsarmen 
wurden diese bei den Pfarrern und Aeltesten der 
Kirche, bei der sie eingepsarrt waren, angemeldet 
und sammt ihren unmündigen Kindern, die ihr 
Brod noch nicht selbst verdienen konnten, in Listen 
eingezeichnet. Für sie wurden schon damals in 
den Kirchen bei Umtragung der Beutel all- 
sonntäglich gesammelt; auch pflegte von gut 
herzigen Leuten bei den Leichenbegängnissen und 
sonstigen Gelegenheiten für die Armen gesteuert 
zu werden. Der Landgraf hegte die Hoffnung, 
daß die auf solche Weise zusammengekommenen 
Mittel genügten, um das Betteln vor den Thüren 
seitens der Ortsarmen abzustellen, zu dessen Ein 
schränkung er überdies den Kasseler Einwohnern 
verbot, vor den Thüren Almosen zu reichen. Für 
den Fall, daß die eben erwähnten Spenden wider 
Erwarten nicht zulangen sollten, um die Ein 
wohner vor täglichem Ueberlauf zu schützen, gleich 
zeitig aber der Bedürftigkeit der Armen zu steuern, 
sollte ein- bis zweimal in der Woche, je nachdem 
es die Umstünde erheischten, der in früheren Zeiten 
üblich gewesene Umgang mit dem Korbe und den 
Armenbüchsen wieder angeordnet werden. Das 
Betteln in den Häusern blieb ein- für allemal 
untersagt. 
Im Zusammenhang mit den Maßregeln des 
Landgrafen in Betreff der Sicherheitspolizei will 
ferner seine Verordnung vom 1. Juli 1661 be 
trachtet sein, welche die Ueberschrist trägt: „Wie 
es mit und nach dem Zapfenstreich in Kassel 
zu halten" (H. L.-O. II, S. 598 f.). Darin 
wurde festgesetzt, daß der Zapfenstreich in der 
Zeit vom 1. Mai bis auf Michaelis um 19 Uhr, 
von da an bis zum 1. Mai aber um 9 Uhr- 
abends geschlagen und besser beobachtet werden 
sollte, als seither geschehen war. „Bürger und 
deren Söhne nebst Soldaten wie fremdes Gesindel 
ließen sich nämlich nach dem Zapfenstreich in den
	        

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