Full text: Hessenland (9.1895)

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und die Oleander vor der Thüre waren frisch 
und von fürsorglicher Hand gepflegt. Er bemerkte 
dann auch bald, daß eine Dienerin aus- und 
einging und erfuhr von dieser, daß die Herrschaft 
erwartet werde. 
Berthold Grabenow wurde während seines 
Aufenthaltes in Omessen vom herrlichsten Wetter 
begünstigt, es war wohl früh und spät etwas 
derbe Gebirgssrische, aber die that ihm gut, und 
er hatte beinahe das Gefühl — er, der ein 
gefleischte Norddeutsche, — als sei diese Berges 
schlucht seine eigentliche Heimath. 
So waren acht Tage vorübergegangen. Er hatte 
sich der kleinen Gesellschaft im Pensionshause 
nicht angeschlossen, sondern wanderte wohlgemutst, 
mit einem Skizzenbuche in der Tasche, zwischen 
den Bergen herum. Alle die Plätze, wo er einst 
Josepha gesehen, hatte er bereits verewigt, ja 
sogar der augenblicklichen Herbststimmnng ein 
Frühlingsgepräge gegeben — und sich in jene ferne 
Zeit hineingeträumt, als läge nichts dazwischen. 
Ein Lieblingsplatz von ihm blieb jene kleine 
Anhöhe zwischen Axamus und Omessen, wo er 
die Stimme des jungen Mädchens zum ersten 
Male vernommen hatte, als sie ihrer Tante vor 
gelesen, und wo er dann, um den Vorsprung 
biegend, verblüfft von ihrem Anblick stehen ge 
blieben war, als sei das ein Vorwurf zu einem 
jener innigen, duftigen Genlälde von Heuner, die 
zugleich Auge und Seele bestricken. 
Heute zog es ihn wieder dahin, unbewußt, 
denn er wandelte in Gedanken und konnte sich 
nicht satt an der Gebirgsluft trinken, die, von 
einenl nächtlichen Strichregen erfrischt, ihn kräftig 
umwehte. 
(Schluß folgt.) 
Auf fremder Haide! 
I ^er Himmel war klar, die Soimc schien hell 
^ Und spann rings herbstliche Seide; 
Da schritt ein junger Wandcrgesell 
Stilltraurig über die Haide. 
Ihm knurrte der Magen, der Gauin war ihm lech; 
Er hatte, wo er auch geklopft, heute Pech, 
Der arme Bursch. 
Da dacht' er, wie in dem Vaterhaus 
Zu Hersfeld zur selbigen Stunde 
Die Seinen in Jubel, in Saus und in Braus, 
Bei festlicher Tafelrunde. 
Das Kirmeßgänschen, so lecker, so braun. 
Die Flaschen, die Gläser wähnet zu schau'n 
Der hungrige Bursch. 
Nun werden ihm gar die Augen noch feucht, 
Voll kutteluder Thränen die Wangen, 
Und weiter durch's rothbraune Haidekraut schleicht 
Er langsamer — heimwehumfangen. 
Der hungrige Magen lauter ihm knurrt, 
Die lechzende Kehle brennet und murrt: 
„Wär' ich zu Haus'!" 
So kam er bis zum herbstbunten Taun; 
Da trat aus dem dunklen Gehege — 
Die Büchse im Arm — ein Jägersmann, 
Ihm kreuzend in Eile die Wege. 
Und, wie ihm der Grünrock in's Auge geblickt, 
Weiß er auch gleich, wo der Schuh so drückt 
Den Wanderbursch. 
„„Grüß Gott, viellieber Wanderer, Euch! 
Wie wäre es, machtet Ihr Rast? 
Kommt, laßt Euch nieder in's Haidegesträuch 
Und seid beim Vespern mein Gast! 
Noch birgt meine Tasche ein tüchtig Stück Brot, 
Und schaut, mit der Flasche hät's auch keine Noth! 
Kommt, wack'rer Bursch!"" 
Nicht läßt der hungernde Wandergesell 
Zum anderen Male sich laden; 
Indessen bringet der Waidmann schnell 
Aus dem Rucksack Schwarzbrot und Braten. 
Dann macht er genau zwei Theile daraus, 
llnd: „„Rücken und Schneide!"" so rufet er aus, 
„„Nun, rathet schnell!"" 
Und mit dem ersten Bissen, da schlingt 
Der Jäger das Glas von der Seite: 
„„Nun esset, mein Freund! Nun esset und trinkt! 
Es komme Euch dies zum Bescheide!"" 
Wie klang da prächtig das Gluck, Gluck, Gluck! 
Wie lachte da köstlich der Waidmannsschluck 
Dem durstenden Bursch! — 
Er nahm die Flasche, und wie er empor 
Sic hielt entgegen der Sonne, 
Trat plötzlich das Bild der Heimath ihm vor 
Die Augen in festlicher Wonne; 
Da springt er empor und jauchzt in den Wald, 
Wie heute daheim auf deu Straßen es schallt: 
„Loll's! Broder Loll's!" 
Kaum aber daß freudig sein Ruf so erklingt, 
Der Forstmann ein Gleiches vollführet; 
Auf von der rothbraunen Haide er springt. 
Indeß er dem Bursch sekundiret. 
Sv stehn sie da und rufen die Zwei, 
Als wenn es bei ihnen ganz richtig nicht sei: 
„Loll's! Broder Loll's! 
Sie rufen und rufen in trunkener Lust, 
So lauge sie rufen nur können; 
Dann stürzen sich Beide bewegt an die Brust, 
Sich Bruder und Landsmann zu nennen. 
„„Ein Hersfelder D.u?"" „Ein Hersfelder ich!" 
„„Wie trifft sich das heute doch königlich!"" 
„Loll's! Broder Loll's!"
	        

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