Full text: Hessenland (9.1895)

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Langsam Ichritt er, als fühle er noch den Arm 
des geliebten Mädchens auf dem seinen, zu jenem 
Wunderhügel, wo er sie, von allen Engels- 
Harmonien einer ersten Liebe berauscht, an sein 
Herz gepreßt und ihr Dinge in's Ohr gestöhnt, 
die er niemals vergessen konnte. Er ließ sich 
auf dem weichen Moose im Gebüsche nieder, z» 
den Füßen der greisenhaften Fichte, deren morsche 
Nadeln, schon heute, ein verfrühter Herbstwind 
durch die Lüste trieb. 
Er grub sein Denken in jeden Athemzug 
hinein, den sie damals getauscht hatten! Er 
dachte daran, wie er ihr, nach Hause schreitend, 
von allen Lebensplänen gesprochen hatte, die in 
Zukunft auch die ihren werden sollten. 
Sie waren so voller Hoffnungen geschieden. 
Er wenigstens, dessen war er sich bewußt. Und 
schon am andern Tage — just um die Dämmer 
stunde, als er bereits die Minuten zu zählen 
begann, bis es dunkel ward und der Mond 
mit seinem Zanberlichte sich hinter der Felsen- 
wand erheben sollte, — just da brachte man 
ihm jenen verhängnißvollen Brief! 
Er zog mechanisch sein Portefeuille aus der 
Tasche und entnahm ihm mit bebenden Fingern 
ein vergilbtes Papier. — Erst starrte er darauf, I 
als habe er diese Buchstaben noch niemals gesehn, 
und dann begann er zu lesen — laut, wohl um ; 
sich zu versichern, daß es nicht doch nur ein 
Traum gewesen —, ein elender Traum. 
„Verzeihe mir, Bertholt», daß ich nicht die 
Kraft hatte, Deiner Liebe zu widerstehn, denn 
ich habe es immer gewußt, daß wir uns niemals 
angehören dürfen in diesem Leben. Sobald Frau ! 
von Sentner ausgelitten hat, nimmt mich ein 
Kloster der barmherzigen Schwestern auf. Es 
ruht ein schweres Verhängniß auf meiner Familie, 
eine Schuld, die ich sühnen muß. Forsche nicht 
weiter und glaube mir. Ich gebe Dich frei, 
Geliebter, ich gebe Dir den Schwur zurück mit 
dem Du mich an Dein Leben kettest —, aber 
bewahre ein treues mildes Gedenken —, so wie 
man es Todten gönnt —, 
Deiner Dich ewig liebenden 
Josepha." 
Die Schrift war verwischt, die Thränen des 
Mädchens waren darauf nieder getropft. — 
Oh, er wußte es noch genau, wie ihm damals 
zu Muthe gewesen war, als er den Abhang mit 
schweren Schritten hinuntergegangen war und — 
trotz allem — gehofft hatte, sie zu finden. 
Aber ihre Fenster waren dunkel gewesen, — und 
über die graue Martinswand war zuweilen 
unheimlich das fahle Mondlicht gehuscht —, 
wenn die dunkeln Wolken jäh auseinander rissen 
und die große Scheibe einsam am Himmel stand. 
Schon am folgenden Tage war Frau v. Sentner 
mit ihrer Nichte abgereist. Wohin? Man wußte 
es nicht. Und so konnte er nicht einmal Josepha's 
Familiennamen ergründen. Nur daß sie die Tochter 
eines fernen, verstorbenen Vetters der Frau 
von Sentner war, das wußte er. 
Dennoch reiste er nach Wien und verfolgte 
eine Zeit lang ihre Spuren. 
Es war ihm, als er sich erhob und das Papier 
wieder sorgfältig iit die Brieftasche schob, als 
müsse er heute, wie damals, sie suchen. Er hatte 
das Bedürfniß immer gehabt, so oft er Einkehr 
in sich selbst gehalten, aber das Leben, mit dem 
ernsten Berufe, den er sich erwählt, hatte so 
viele Pflichten, Interessen und Zweifel, daß die 
Zeit verging, bevor er sich ihrer bewußt wurde. 
Was quälte er sich auch mit Dingen, die nicht 
mehr zu ändern waren? Wenn sie überhaupt 
noch lebte, so war es voraussichtlich hinter einer 
jener Mauern, wo alle die Dinge wesenlos waren, 
die eine verschwenderische Natur ihr gegeben, 
all der fesselnde Reiz unwiderstehlicher Franen- 
schöne, wie er ihm nie wieder im Lehen be 
gegnet war. — 
Er ging langsam bis zu den wenigen Häusern 
von Omessen. Der Ort hatte sich kaum ver 
ändert, nur die Straße war gepflastert und auf 
der Anhöhe seitwärts stand ein neues, stattliches 
Gebäude in ländlichem Styl, mit einem weit 
hinausragenden grünen Schilde, welches in großen 
Lettern die Inschrift: „Pensionshaus" trug. 
Der Professor blieb ein paar Augenblicke stehen 
und betrachtete es. Man konnte sich in der That 
kein stilleres, verlasseneres Asyl für Ruhebedürstige 
denken, als dieses von blumigen Matten getragene 
Haus inmitten der hohen Berge nitb herrlichsten 
Lust. Ein einsamer Wallfahrtsort für Mühselige 
und Beladene, selbst wenn kein Erinnern diesen 
Platz geheiligt hätte! 
Das Haus war, dank der vorgerückten Jahres 
zeit, ziemlich leer, der Professor erhielt ein be 
quemes Zimmer, mit dem Blick auf die Axamuser 
Kirche, und richtete sich für die Dauer des Herbstes 
hier ein. Es war das ein mit ihm altgewordener 
Wunsch, hier noch einmal alles zu durchleben, 
was ihn einst so mächtig erschüttert, beglückt und 
gequält hatte. Am liebsten hätte er das kleine 
idyllische Haus mit dem braunen Holzgetüsel be 
wohnt, allein man beschied ihn, daß dasselbe ver 
kauft und unbewohnt sei. Damit mußte er sich 
begnügen, so räthselhast es ihm auch blieb und 
so unbegreiflich, denn am Fenster des oberen 
Zimmers blühte:: Orchideen und andere Blumen,
	        

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