Full text: Hessenland (9.1895)

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„Schiller und Goethe im Urtheile ihrer 
Zeitgenossen, Zeitungskritiken, Berichte 
und Notizen Schiller und Goethe und 
deren Werke betreffend aus den Jahren 
1773 — 1812, gesammelt und heraus 
gegeben von Julius W. Braun. Eine Er 
gänzung zu allen Ausgaben der Werke 
dieser Dichter. Abtheilung I: Schiller. — 
Bd. I. 1781—1783. Bd. II. 1794-1800. 
Bd. III. 1801—1805. — Abtheilung II: 
Goethe. — Bd. I. 1773-1786. Bd. II. 
1787 — 1801. Bd. III. 1802—1812. - Ferner: 
„Lessing im Urtheile seiner Zeitgenossen..." 
Bd. I. 1747—1772. Bd. II. 1773-1781. 
Während die ersten sieben Bände in schneller 
Folge in den Jahren 1882 bis 1885 heraus 
kamen, entstand mit dem Abschlüsse des ersten 
Bandes „Lessing" eine längere Pause im Weiter 
erscheinen, die dnrch widrige Umstände mancherlei 
Art und besonders durch die heimtückischen Anfülle 
des qualvollen Herzensleidens verursacht wurde, das 
Braun, seinem eigenen Geständniß nach. für lange 
Zeit arbeitsunfähig machte, so daß erst im Jahre 
1893 ein neuer Band gedruckt werden konnte. 
Der dann in Aussicht genommene Nachtrags 
band zu Lessing, der u. a. nachträglich aufgefundene 
deutsche Kritiken, Anmerkungen üher die Autoren, die 
benutzten Zeitungen und ein ausführliches Register 
enthalten soll, wird, wie schon erwähnt ist, in 
Kürze vorliegen, so daß die Hoffnung, „nunmehr 
mit Gottes Hülfe zu einem guten Ende 31t ge 
langen", welche Braun in der Vorrede zum zweiten 
Bande „Lessing" aussprach, soweit Lessing in Frage 
steht, in Erfüllung gehen wird. Die Sammlung 
der Berichte . . . aus den letzten Jahren Goethe's 
nach 1812 steht noch ans, ebenso fehlt der zu 
„Schiller und Goethe" erforderliche Ergänzungs 
band, der zur Erleichterung der Benutzung der 
vorhergehenden Bünde ebenfalls wesentlich bei 
tragen dürfte. Wünschen wir, daß sich ein 
selbstloser Gelehrter daran wagt und damit dem 
ganzen Gebäude den Schlußstein einfügt, den zu 
setzen Julius W. Braun nicht mehr vergönnt 
war. Dessen ungeachtet wird sein Andenken als 
das eines unermüdlich thätigen Sammlers und 
Forschers wie eines für ideales Streben be 
geisterten Dichters fortleben. Friede seiner Asche! 
W. ch. 
Gine Wcrtlfclbnt. 
Bon H. Keller-Jordan. 
(Fortsetzung.) 
f erthold Grabenow sah dem Wagen nach, wie 
er sich den Abhang hinunter zwang, und bog 
dann in den Wiesen weg ein, der von Axamus 
hinunter führt und von wo aus er damals, — 
es waren seitdem beinahe fünfzehn Jahre ver 
strichen —, die Fenster sehen konnte, hinter welchen 
das schöne Mädchen am Siechbette der Tante wartete. 
Ja — da war es auch schon das Haus mit 
dem braunen Holzgetäsel —, noch wie damals — 
nur blühten Blumen an den Fenstern, und der 
Platz lnit dem Brunnen schien gepflastert und 
war mit blühenden Oleandern umstellt. Wer da 
wohnen mochte, abgeschieden von der Welt, allein 
mit den Blumen und Sternen und brm monotonen 
Geräusch des Brunnens! 
Eine jähe Sehnsucht ergriff ihn — fast noch 
heftiger als damals, ein Jammer um das Be 
gehrenswertheste seines Lebens, das er liegen 
gelassen hatte am Wege und das doch mit ihm 
unauflöslich verwachsen blieb. — Um eiteler Dinge 
willen, Verhältnisse halber, die man doch hätte 
bewältigen können, wenn man die ganze Kraft 
dafür eingesetzt hätte. — 
Aber in der ersten Jugendzeit, nach eben 
absolvirtem Examen, was erträumt man da nicht 
alles —, man meint, es müsse von selbst kommen, 
was man doch zu bequem ist zu ertrotzen. 
Heute, mit den Grüblerfurchen aus der ernsten 
Stirne, mit dem ganzen Ballast widriger Er 
fahrungen, mit dem vollen Verständniß eigener 
schwerfälliger Empfindungswelt, heute wußte er, 
daß solche Dinge, wenn man sie nicht zu halten 
versteht, zum Verhängnisse werden. 
In diesen Gedanken versunken, stand er plötzlich 
vor bcm Brunnen des getäfelten Hauses. Es 
war verschlossen. Er klopfte —, niemand öffnete. 
Wie kindisch er auch war, am Ende gar An 
knüpfungen an Dinge zu erhoffen, die sich hier, 
flüchtig, vor langen Jahren abgespielt hatten! 
Diese Reise sollte ihn heilen — für immer —, 
das nahm er sich vor, sie sollte eine letzte Wall 
fahrt zu dem Orte sein, wo seine Seele einst in 
hoher Extase vor dem Altare der Liebe gekniet, 
ein letztes Versenken in jenes wahnbethörte Glück — 
und dann zurück zu dem Ernste der Wissenschaft, 
dem Reiche des Gedankens.
	        

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