Full text: Hessenland (9.1895)

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so sehr seine Gattin, geb. Stamm, die sich stets 
als seine treue Pflegerin und verständnißvolle 
Gehilfin seiner schriftstellerischen Thätigkeit bewährt 
hat, um ihn bemüht war. 
Betrachten wir seine literarische Wirksamkeit, 
so werden wir nicht umhin können, die Viel 
seitigkeit und Bedeutung des Mannes an 
zuerkennen und ihm unter den Schriftstellern, 
die iin 19. Jahrhundert aus dem Hessenlande 
hervorgegangen sind, einen ehrenvollen Platz an 
zuweisen. Braun hat sich als Bühnendichter, 
Nomanschreiber, Feuilletonist und vor allem als 
Forscher und Sammler auf dem Gebiet der 
deutschen Literaturgeschichte des 18. Jahrhunderts ! 
einen hochgeachteten Namen erworben, und das ! 
alles ohne im Besitz akademischer Bildung im 
gewöhnlichen Sinne des Wortes zu sein. 
Als Dramatiker ist Braun zunächst vor die 
Oefsentlichkeit getreten. Sein Erstlingswerk war 
der dreiaktige Schwank „Ein politischer Ver 
brecher", Kassel (Druck von Friedr. Scheel) 
1869, der drei Auflagen erlebt hat. Daran 
reihten sich auf diesem Gebiete das Lustspiel 
„1750" (1870), die Schauspiele „Arbeiter" ; 
(1871), „Ein Trau m" (1878), „Johann j 
Christoph Moldenhauer und seine Söhne" i 
(1883) und die Dramen „Prinz Eugen, der 
edle Ritter" (1873), „Der Schullehrer 
von Klosewitz" (1880) und „Wilhelm 
von Gr um bach" (1881), sowie die Zauber 
posse „König Wein" (1874). Sein letztes 
dramatisches Erzeugniß, ein sünfaktiges Lustspiel ! 
„Schiller in Bauerbach", war kurz vor j 
seinem Abscheiden von der Intendanz der könig- I 
lichen Schauspiele in Kassel zur Aufführung an- j 
genommen worden und soll zu Schiller's Geburts- ! 
tage in Szene gehen. Dem kranken Dichter 
gereichte die Nachricht von diesem Erfolg seines 
Stückes zur größten Freude, und er dachte noch 
daran, demnächst der Aufführung beizuwohnen, 
doch war es anders bestimmt. Umso mehr liegt 
für seine Landsleute die Veranlassung vor, der 
letzten Dichtung des Verstorbenen ihre Theilnahme 
zu schenken und ihr den gebührenden Zoll der 
Hochachtung nicht vorzuenthalten. 
Als Romanschriftsteller verdanken wir Braun 
außer dem jetzt nach seinem Heimgänge, für alle 
die ihn gekannt haben, um so lesenswertheren 
Roman „U m s v n st gelebt" das Seelengemälde 
»In Fesseln (1889) mit der für den Dichter 
so sehr charakteristischen 
„Widm u ng": 
Und deckt dereinst in sanfter Ruh' 
Ter Tod mein wildes Leben zu. 
Ist starr mein Herz und stumm mein Mund 
Und giebt nicht Liebeszeichen kund: 
So nimm das Buch und lies darin 
Und lausch' so mancher Worte Sinn. 
Drinn wirst Du finden, süß und mild, 
Was einzig uns'rer Liebe gilt: 
Denn schrieb ich wahrhaft minniglich. 
So dacht' ich einzig nur an Dich! 
Und sollt' hierfür in heißem Ringen 
Mir noch manch' großer Wurf gelingen — 
Der Ruhm, Geliebte, bleibe Dein: 
Ruhmvoll sollst Du — vergessen sein! 
Schoil die genannten Werke zeigen Braun als 
einen Schriftsteller von ausgeprägter Eigenart und 
nicht gewöhnlichem Können, der auch über sein 
engeres Vaterland hinaus bekannt geworden ist. 
Ailf deni Gebiet der Literaturgeschichte aber hat 
sich Braun die Palme errungen, die angesehensten 
wissenschaftlichen Zeitschriften haben seine Ver- 
dienste als Forscher unb Sammler voll gewürdigt. 
Sehen wir von den Schriften ab, die, wie 
„Königin Luise von Prenßeil in ihren 
Briefen", Berlin 1888, und die von Braun 
1885 neu herausgegebene „Gedüchtnißschrift 
auf C h r i st i a n e Charlotte G o t t l i e b e 
von Bismarck, gebohrene von Schönseldt, 
von Alexander von Bismarck", eine Lob- 
oder Gedächtnißschrift des Großvaters des Fürsten 
reichskanzlers auf seine entschlafene Gemahlin, 
die Großmutter des Fürsten, aus dem Jahre 
1775, wenigstens nicht unerwähnt zu bleiben 
verdienen, und von zahlreichen Abhandlungen 
nlld Aussätzen literarischen Inhalts in ver 
schiedenen Zeitungen und Zeitschriften, so richten 
sich unsere Blicke nunmehr aus des Verstorbenen 
vornehmstes Lebenswerk, das allein hinreichen 
würde, sein Andenken vor beut Vergessenwerden 
zu bewahren, nämlich sein Unternehmen, über 
die Werke der großen Klassiker des deutschen 
Volkes die Urtheile ihrer Zeitgenossen zu sammeln, 
um so ein getreues Spiegelbild der Aufnahme zu 
geben, welche die geistigeit Erzeugnisse Schill er's, 
Goethe's und Lessin g's bei ihrem Erscheinen 
gefullden haben. Wahrlich eine gewaltige Aufgabe, 
der Braun sich viele Jahre lang mit rastloser 
Hingabe unterzog, und die fast über die Kraft 
eines Einzelnen hinauszugehen drohte! Trotz des 
schlechten Gesundheitsstandes des Forschers sind 
jedoch seit deut Jahre 1882 bis zu seinem Heim 
gang bereits acht ansehnliche Bände erschienen, 
ein neunter noch kurz vor deut Tode fertig ge 
stellter wird sich alsbald anschließen, nicht zum 
mindesten infolge der thätigen Mitarbeit seiner 
treuen Genossin. Die Titel der bis jetzt ver 
öffentlichten Bände lauten:
	        

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