Full text: Hessenland (9.1895)

Zehrung aufwenden", sondern befahl den Anwälten, 
„wenn sie eine Sache zn bedienen, angesprochen 
werden, sich davon genugsam zn informiren 
und sonderlich des Beweisthums halben, damit 
sie derowegen die Parteien anhero zu fordern 
nicht Von Nöthen haben mögen" <a. a. O., S. 290; 
vergl. auch S. 294). 
Den Anwälten sah der Landgraf scharf aus 
die Finger (a. a. O., S. 291 — 295), hätte er 
die heute diesem jetzt so hoch angesehenen Stande 
zustehenden Rechte erlebt, so würde er vermutlich 
verwundert mit dem Kopse geschüttelt haben. 
Nicht ohne Interesse ist z. B. der Inhalt der 
Paragraphen 33, 34 und 35 des neunten Ab 
schnitts der Kanzleiordnung mit den Ueberschristen: 
Advocaten ttnd Procuratores sollen 
von bösen Sachen abstehen. Wre sich 
die Procuratores weiter zu verhalten 
und wie sich die Procuratores vor Ge 
richt zu verhalten, Paragraphen, aus denen, 
als Abschluß dieses Kapitels, hier Folgendes 
ausgehoben sei: Die Advocaten und Procuratores 
sollen den Parteien zu keiner nngegründeten, 
muthwilligen Rechtfertigung rathen, noch sie dazu 
„halsstarrigen", sondern da sie... befinden, daß 
sie in den Sachen unbefugt, sie alsdann davon 
abzustehen und unnütze Kosten zu sparen, auch 
mit Absagnng ihrer Dienste vermahnen f§ 33). 
— Auch soll ein jeder Procurator zu gewöhnlicher 
Gerichtsstunde im Gericht erscheinen und bis 
zn Ende desselben in seiner Station und Ord 
nung stehen bleiben, seine producta (darin. . . 
man sich alles Calumniirens, Schmähens, Lästerns 
. . . bei Straf nach Ermessen enthalten soll) doppelt 
einbringen, dieselben subscribiren, auch daraus sehen, 
daß sie reiniglich, leserlich, auch korrekt geschrieben 
seien (Z 34). 
Desgleichen sollen die Procuratores sich der 
Ehrbarkeit und Bescheidenheit vor Gericht sowohl, 
als bei den gütlichen Audienzen gebrauchen 
über die ausgerichteten Schranken nicht gehen, 
unziemlicher Geberden, anzüglicher, ehrenrühriger 
und schimpflicher Worte und Handlungen sich 
bei Strafe nach Ermessen enthalten, niemand 
weder mündlich noch schriftlich schimpsiren noch 
mit Stichelreden antasten und verkleinern, sondern 
ihre Sachen gebürlich und mit dienlichen Worten 
vortragen, . . . sich der Kürze soviel wie möglich 
befleißigen,. . . auch unter der gerichtlichen Audienz 
sich Hin- und Herlaufens, Redens unter ihnen 
selbst oder mit andern Umstehenden meiden und 
allein aus die gerichtliche Handlung Achtung 
geben itnb aufmerken (§ 35). 
(Fortsetzung folgt.) 
Julius W. Braun f 
m 5. Oktober verstarb in Halensee vor 
Berlin nach längerem schweren Leiden der 
,. Schriftsteller Julius W. Braun, ein Sohn 
der hessischen Heimath, ein alter Mitarbeiter und 
Freund des Hessenlandes, dessen Leser er wie 
früher häufiger, so noch im lausenden Jahre in 
Nr. 12 vom 17. Juni und zwar durch Mit 
theilung einer ansprechenden Beschreibung des 
Einzuges der Herzogin Marie von Sachsen- 
Meiningen, jüngsten Tochter des Kurfürsten 
Wilhelm II. von Hessen, und ihres Gatten Herzog 
Er ich's in Meiningen nach ihrer Vermählung 
im Jahre 1825 aus der Feder der Schwester- 
Fried rich's von Schiller Christoph ine 
Reinwald erfreut hat (S. 164 s.). 
Der Verstorbene, geboren zu Eschwege am 
28. November 1843, als Sohn des dortigen 
Apothekers, anfangs als Kaufmann thätig und 
als solcher Mitinhaber des Porzellangeschäftes 
von Heuser & Braun am Königsplatz in 
Kassel, gab dieses nach dem Tode seines 
Vaters im Jahre 1879 auf, um ganz der 
Schriftstellerei zu leben, in der er bereits nlehrsach 
Anerkennung geerntet hatte, und siedelte alsbald 
nach der Reichshauptstadt über, weil er hoffte, 
dort für seine literarischen Bestrebungen günstigeren 
Boden zu finden, ohne jedoch deshalb aufzuhören, 
dem Lande seiner Geburt treu ergeben zu bleiben; 
vielmehr nahm er fast tu jedem Sommer in 
Kassel längeren Aufenthalt, um alte Bande zu 
festigen und neue zu knüpfen. Wie so viele 
andere hochbegabte itnb strebsame Männer der 
Feder ist attch Julius W. Braun nicht vor Ent- 
täuschungen bewahrt geblieben, mit Widerwärtig 
keiten tnancher Art hatte er lange Jahre zu 
kämpfen, von denen sein letzter im Jahre 1894 
erschienener Rotnan „Umsonst gelebt" ein 
anschauliches Bild giebt. Ein böses Herzleiden, 
das ihn befallen hatte, machte seine letzte Lebens 
zeit, als seine äußeren Verhältnisse dank auch 
dem Eingreifen Kaiser Wilhelm's II. anfingen 
sich günstiger zu gestalten, zu einem Schmerzens 
lager, eine sechswöchentliche Kur in Bad Nauheim 
im letztet: Sommer verschaffte ihm feine Besserung,
	        

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