Full text: Hessenland (9.1895)

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die Öffentlichkeit bestimmt waren, der Bevölkerung 
durch die Beamten gehörig zur Kenntniß gebracht 
wurden, bemt nur so konnte es gelingen, den 
gemeinen Mann mit deren Inhalt vertraut zu 
machen und ihm das Verständniß der wohl 
meinenden Absichten und Ziele des Fürsten näher 
zu bringen. Die Landesordnungen und Regierungs 
verfügungen sollten nach Anweisung des Land 
grafen in allen Städten, Aemtern und Gerichten, 
an den Rath-, Amt- und Gerichtsstuben öffentlich 
angeschlagen werden; war ein Anschlag schadhaft ge 
worden oder entfernt worden, so hatte der Beamte 
des Orts für dessen Erneuerung zu sorgen. Im 
Oktober 1656 ordnete der Landgraf auf ein 
gegangene Klagen über ungenügende Bekannt 
machung der Regierungserlasse durch die Regierung 
zu Kassel an, daß die Auswahl der Stellen, wo 
Ausschreiben und Verordnungen anzuschlagen 
wären, auf das Sorgfältigste getroffen werden 
sollte und besonders auf die leichte Zugänglichkeit 
solcher Anschlagstellen zu achten sei (a. a. O., 
S. 361). 
Genauer erfahren wir aus dem Mandat 
gegen die Mörder und Straßenräuber vom 
21. Juni 1652, wie die Beamten für möglichste 
Verbreitung der Kenntniß der landgräflichen 
Verfügungen zu sorgen hatten. Darin wurde 
den Ober- und Unterbeamten, sowie Bürger 
meister unff Rath in den Städten und Flecken 
nebst den Greben und Vorstehern in den Dörfern 
ilnd den mit Gerichtsbarkeit versehenen adligen 
Landsassen aufgegeben, die fürstliche Verordnung 
den Stadt- und Amtsbesohlenen bezw. Hintersassen 
nicht allein bei Gelegenheit der ersten Bekannt 
machung „jetzo bald, sondern auch fürters alle 
Jahr viermal bei den offenen Gerichten oder 
ungebotenen Dingen öffentlich verkündigen und 
ablesen zu lassen, wie nicht weniger aus den 
Rathhäusern, auch anderen gewöhnlichen Gerichts- 
stütten", desgleichen sollte jeder Beamte, auch der 
Gerichtshalter selbst in seinem Hause zu jeder Zeit 
die betreffende Bekanntmachung an einer Tafel 
so ausgehängt erhalten, daß sie allen sichtbar 
war (a. a. O., S. 160). 
In dem Edikt gegen die Feld- und Garten- 
beschüdignng vor der Stadt und Festung und im 
Amt Kassel vom 21. April 1654 wird gesagt 
ja. a. O., S. 221): Wir wollen, daß unser Edict 
am gewöhnlichen Ort vor dem Rathhause vom 
Oberschultheisen, Bürgermeister und Rath unter 
bem Glockenschlag . . . angezeigt und dann nicht 
allein an den Thoren dieser Stadt, sondern auch 
aus den Dörfern in: Amt angeschlagen und 
daneben ... an allen Orten des Amts Kassel 
nach gehaltener Predigt auf dem Kirchhofe alle 
Jahr zwei Mal zu Frühlings- und Herbstzeiten 
öffentlich abgelesen und von jedes Orts Ober 
und Unterbeamten sammt Bürgermeister und Rath 
allhier darüber mit rechtem Ernst gehalten wird. 
Da der Landgraf die Beamten immer von 
neuem wieder an treue und fleißige Pflicht 
erfüllung erinnern mußte, ist sicher anzunehmen, 
daß die Einwirkungen der schlimmen Kriegs 
zeit auf die Amtsführung der Beamten leider 
von recht nachhaltiger Art gewesen waren. Wenn 
aber diese Mahnungen mit dem Beginn der 
sechziger Jahre mehr und mehr zu verstummen 
scheinen, wenigstens nicht mehr so augenfällig 
bemerkbar sind, so dürfte — natürlich nur mit 
aller Vorsicht — daraus auf den allmählich 
eingetretenen Erfolg der rastlosen Arbeit des 
trefflichen Fürsten an der sittlichen Hebung des 
Beamtenstandes geschlossen werden können. Land 
graf Wilhelm würde dann das beglückende Be 
wußtsein mit in's Grab genommen haben, daß 
die von ihm gelegten Samenkörner nicht auf 
ganz unfruchtbaren Boden gefallen seien. 
II. Landgraf Wilhelm und das Ge 
richtswesen. 
Wenden wir nns nunmehr der Thätigkeit des 
Landgrafen auf den einzelnen Gebieter: des staat 
lichen Lebens, dem Gerichtswesen wie der Ver 
waltung, und zwar zunächst dem ersteren zu, 
so ist an die Spitze dieser Erörterung der 
Grundsatz zu stellen, der den: Fürsten stets 
als oberster Leitstern vor Augen schwebte, nämlich 
Sicherung einer rechtschaffenen und un 
parteiischen Justiz, ein Grundsatz, der in der 
Kanzleiordnung vom 20. März 1656 gleich im 
Eingänge mit Nachdruck betont wird (H. L. O., 
II., S. 277 und 278): 
1 a. Demgemäß wurde Räthen, die in einer vor 
liegenden Sache „ advocando “ oder „consulendo“ 
betheiligt oder den Parteien bis in den sechsten 
Grad verwandt waren, oder aber mit einer der 
Parteien in öffentlicher Feindschaft standen, auf 
gegeben, sich derselben Sache zu entschlagen und 
die Sitzung zu verlassen (a. a. O., S. 281). 
Neben der Unparteilichkeit der Rechtspflege ver 
langte der Landgraf auch deren Bes chleunigung, 
so in Appellationssachen im doeretuui commissionis 
vom 3. April 1656 (a. 5 O., S. 310). Jede 
Verschleppung von Prvzeßsachen war dem Land 
grafen Wilhelm von Grund aus zuwider, wie er 
dies im Eingang der Sportelordnung vom 
16. Mai 1656 ja. a. O., S. 313) und kürzer 
in deren Auszug (a. a. O., S. 316 f.) folgender 
maßen aussprach: Erstlich sollen unsere Beamten
	        

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