Full text: Hessenland (9.1895)

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Nie Negententhätigkeii Landgraf Wilhelms VI. 
Von Oi-. W. Grotes end. 
(Fortsetzung.) 
'Mie in der Kanzleiordnung für die Geschäfts- 
Uf führung ailfgestellten Gesichtspunkte und 
Grundsätze brachte der Landgraf öffentlichen 
Beamten gegenüber überhaupt zur Anwettdung, 
so wurde z. B. den ritterschastlichen Ober- 
einnehmern, die von der Ritterschaft aus dem 
Landtage selbst gewählt, von fürstlichen Bevoll 
mächtigten in Gegenwart einiger Abgesandten der 
Ritterschaft in Eid und Pflicht genommen wurden, 
das Gelöbniß abverlangt: die Steuern von einem 
jeden aus der Ritterschaft treulich einzubringen, 
eines jeden Lieferung in ein richtiges Register zu 
verzeichnen, die Verzeichnisse und Lpsoitieationos, 
so ein jeder nebst seiner Lieferung vorbringen 
wird, derogestalt zu übersehen, daß treulich und 
sonder Gefährde versteuert werde, die Ungehor 
samen und Säumigen, die nicht liefern, aufzu 
zeichnen und unserm Gn. F. u. H. anzeigen ztt 
lassen, von ihren Einnahmen aufrichtige Rechnung, 
Lieferung und Bezahlung zu thun und sonsten 
allenthalben bei diesem Amt gebühren zu wollen . .. 
und darwider nichts zu thun, alles getreulich und 
ohne Gefährde (a. a. O., S. 244). 
Demnach bestand schon damals das, was die 
Gegenwart unter Diensteid versteht. Die Er 
innerung an die Pflichten, welche der Diensteid 
den Beamten auferlegte, bekamen diese vom 
Landgrafen, der sich, unterstützt von Männern wie 
dem Kammerpräsidenten Nikolaus Sirtinus, 
dem Kanzler Johann Vultejus, dem Vize 
kanzler Licenciat N. C. Müldner und seinen 
Räthen Johann Kaspar von Dörnberg, 
Johann Dietrich von Kunowitz, Philipp 
von Schöllet, Johann Heinrich Dauber, 
vr. Just ns Jungmann, David Ludwig 
Schefser, Kaspar Weigand u. a., die 
Durchführung einer geregelten Dienstaufsicht sehr 
angelegen sein ließ, häufig zu hören. Nicht selten 
stoßen wir in den landgräslichen Erlassen und 
Verordnungen aus „die Eide und Pflichten, damit 
sie (die Beamten) uns verwandt seien", so z. B. 
in der Bettelordnung vom 27. September 1651 
(a. a. O., S. 151), in dem Patent gegen die 
Wilddieberei und Wildschützen vvnl 24. November 
1652 (a. a. O., S. 167) und in dem Edikt 
betreffend das Verbot des Flachsröstens in 
Forellen-, Grundel- und Krebswassern vom 
10. Juli 1653 (a. a. O., S. 185). Diese immer 
wiederholte Erwähnung des Diensteides dürfte 
etwas für die hohe Auffassung des Landgrafen 
von der Beamtenpflicht besonders Bezeichnendes 
sein. 
Dieser seiner Auffassung von den Beamten 
pflichten entsprechend wurde er nicht müde, 
immer und immer wieder daraus zu dringen, 
daß jeder Beamte wirklich das zur Ausführung 
brachte, was ihm durch die landgräslichen Ver 
fügungen anbefohlen wurde, und die letzteren' 
nicht lediglich auf dem Papier stehen blieben. 
Man vergleiche dazu das Ausschreiben wegen 
Einsendung einer Spezifikation der steuerbaren 
Güter vom 4. Dezember 1654 (a. a. O., S. 225), 
in welchem der Fürst den Beamten, welche 
die von ihnen aufzustellenden Spezifikationen 
noch nicht eingeschickt hatten, sein höchstes Miß 
fallen darüber aussprach und sie recht nach 
drücklich mahnte, seinen Anforderungen nachzu 
kommen. 
Nicht übergehen möchten wir den Umstand, daß 
der Landgraf, wie er nicht duldete, daß die 
Beamten die übrigen Unterthanen irgendwie be 
drückten oder sich auf deren Kosten bereicherten, 
ebensowenig litt, daß sie aus ihrem Amtscharakter 
Veranlassung nahmen, vor den übrigen Unter 
thanen Vorrechte zu beanspruchen, sie vielmehr 
auf gleichem Fuße mit der übrigen Bürgerschaft 
behandelt wissen wollte. In diesem Sinne heißt 
es in dem Ausschreiben über die Anlegung neuer 
Steuerregister vom 1. November 1651 (a. a. O., 
S. 151): Wie denn auch Ihr, die Beamten, . . . 
selbst auch alle Eure eigenen Güter und Gefälle 
treulich aufzeichnen, Euch derselben durch Bürger 
meister und Rath anschlagen und mit in obgedachte 
Spezifikation bringen [sollt]. 
Bedeutendes Gewicht legte der Landgraf darauf, 
daß seine Erlasse und Verordnungen, die für
	        

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