Full text: Hessenland (9.1895)

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sei. Es wird eben einfach und schmucklos erzählt, 
wie der Krieger im gerechten Krieg seine Abenteuer 
erzählt oder sich notirt, und so einfach und schmucklos, 
ja in der altväterischen mangelhaften Schreibweise 
der damaligen Zeit will ich die Auszeichnungen 
wiedergeben, es wird das am besten geeignet sein, 
uns in die Stimmung jener Zeit zu versetzen. 
Es handelt sich um den Brief eines Offiziers 
ans dem Regimenté des Obristen Rnll namens 
I. Ritz an seine Gattin in Wolfhagen: 
„Mein allerbestes Lißgeu! 
Ich zweifle nicht. Du wirst meinen legten Bries 
mit einer assignation an fürstliches Kriegs Zahl 
Amt über 153 Rthlr. 12 alb. richtig erhalten 
und das Geld auch bereits empfangen haben, ich 
übersende Dir Hiebey abermahlen eine assignation 
vom Hrn. Kriegs Cassier Schmidt über 122 */2 Rthlr., 
welche Du bey dem Hrn. Kriegs Zahlmeister Harnier 
zu Cassel ebenwohl zu empfangen haben wirst, ich 
bin überzeugt daß Du diese Gelder, welche wie es 
sich versteht, zu Deiner und der lieben Kindern 
Unterhaltung lediglich bestimmt sind, gut anzuwenden 
wissen wirst, solltest Du wieder Vermuthen den 
ersten Brief nicht erhalten haben, so melde Dich gu 
Cassel bey Hrn. Harnier, dieser wird Dir alsdann 
das Geld doch auszahlen, indeme Er von hieraus 
bereits davon avertirt ist. 
Nun eine Neuigkeit, wovon ich aber wünsche, 
daß solche besser seyn möchte, als Sie würklich ist, 
der Obrist Rall der diesen gantzen Sommer hindurch 
die 3 Regimenter von Loßberg, von Knipphansen 
und Rall zu Oommandiren und mit vielem Ruhm 
gefochten hatte, wurde Commandirt mit seiner 
Brigade nach Trenttown zu marchiren (welches 
70 Engl. Meilen von Newyorck und 30 Engl. 
Meilen von Philadelphia in Pensilvanien ist) 
und daselbst das User vom Fluße delaWar zu 
decken, allein aus den 2 ten Christag Morgends um 
7 Uhr wurden die 3 Regimenter von 8 000 Ameri- 
canern überfallen, machten ohngesehr 600 gefangen, 
einen Haussen todt und ohngesehr 7 bis 800 retteten 
sich mit der flucht, der Obrist Rall selbsten wurde 
todt geschossen, der Obristlt. Bretthauer vermißt 
und ist vermuthlich im Wasser umgekommen; was 
überhaupt dabey geblieben ist, tan man eigentlich 
noch nicht genau sagen, indeme die Piste noch nicht 
eingesandt worden. Ich wurde einige Tage vorher 
nach Newyorck geschickt um Gelder vor das Regt. 
zu empfangen, und kan mich dahero vor vielen 
andern glücklich schätzen, daß ich nicht auch in die 
Hände derer Feinde gekommen bin. Des Capitaine 
Boeckings Compagnie, unter welcher viele aus 
Wolshagen sind, hat vorzüglich viel gelitten bey 
der affaire. Der rest von diesen 3 Regimenter 
hat sich nun allhicr in Newyorck wieder zusammen 
gezogen und 1 Bataillon formirt, und ich thue 
den Dienst als Regts. Quartier Meister dabey, das 
Battaillon selbsten aber wird vom Hrn. Obristlt. 
von Schieck oommandirt. Ich habe inzwischen an 
dem Obristen Rall viel verlohren, er war vor 
mich ein guter Chef und würdigte mich seines 
völligen Zutrauens, überhaupt gienge Er mit mir 
aus einen sehr freundschaftlichen Fuß um. Dieser 
Umstand verursacht auch wirklich mit, daß ich den 
Frieden um so mehr wünsche, ich habe auch zugleich 
Ursache dieses zu hoffen, da ich nicht glaube daß 
sich dieser iu allem betracht böse Krieg lange 
souleniren kan, künftig werde ich hier von weit 
läufiger schreiben, wann ich erstlich genauere Nach 
richt von unseren todten und gefangenen habe. 
Wie kommt es dann, mein bestes Lißgen, daß 
ich gar keine Briefe von Dir bekomme? einen 
eintzigen Brief, der vom 12ten May datirt wäre, 
erhielte ich unterm löten October. Schreibe mir 
doch öfters, mein bestes Kind, es ist ja vor mich 
der eintzige vergnügte augenblick in America, den 
ich mit Dnrchlesung Deiner Briefe zubringe. Ich 
bin indessen, Gott sey Dank, so immerhin gesund, 
ich hoffe und wünsche von Dir mein theuerster 
Engel und dene lieben Kindern ein gleiches, Dich 
umarme ich hertzlich und die lieben Kinder küße 
ich tausendmahl in Gedanken und bin Ewig 
Mein allerbestes Lißgen, Dein 
getreuester 
I. Ritz. 
Newyorck, den 13 ten Januar 1777. 
Allen unsern Freunden besonders Hrn. Actuarius 
Schenckel sage tausend verbindliches von mir. Der 
Herr Regimentsquartiermeister Broescke, der mein 
sehr guter Freund und osft bey mir ist, empfiehlt 
sich Dir unbekannter weise, an seine Frau Baase, 
nemlich an die Frau Schwester in Wolfhagen aber 
läßt derselbe viele Empfehlungen vermelden. Der 
Johannes läßt die Seinigen ebenfalls vielmahls 
grüßen." 
Ein richtiger Soldatenbrief: Gleichmut!), wenn 
auch Bedauern dem unvermeidlichen Kriegsgeschick 
gegenüber, ein Versuch, der Frau Hoffnuug auf 
baldige Beendigung des bösen Krieges zu machen, 
aber von Unzufriedenheit gegen die Machthaber, 
welche ihn in diesen bösen Krieg schickten, keine 
Spur. Woher auch? Er war Soldat, der Krieg 
war sein Beruf, und er hofft nur aus den Frieden, 
weil er schon die Hoffnungslosigkeit der Sachlage 
zu erkennen scheint. Das Schlachtfeld Amerika ist 
ihm nicht mehr- oder minderwerthig als jedes 
andere Schlachtfeld. Kngo Arederking.
	        

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