Full text: Hessenland (9.1895)

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eine enge Schlucht, die jäh steigend dann wieder 
auf die Hochebene führen mußte. 
Er hatte selig geträumt, sich zurückversetzt in 
jene einzig wonnige Stunde, in der Liebende 
noch keine Ahnung haben von Dingen, die ihr 
folgen müssen, von dem leidigen Erwägen un 
bezwingbar scheinender Verhältnisse, von der Er 
nüchterung, mit welcher das gebietende Leben 
seine kalte Hand auf das glühende Herz legt. 
Warum hatte sie ihm auch in der einen Stunde 
so viel Glück gegeben, daß er nun ewig darnach 
dürsten mußte? 
Der Heilte Wagen, der ihn trug, stieß ungestüm 
gegen die Steine, und der an gute Behandlung 
gewöhnte Gaul bockte unter dem ungewohnten 
Peitschenhieb des Kutschers. 
„Willst' parir'n, Du Prötzel Du — meinst' 
Du hätt'st das Privileg — wart!" 
„Der Herr müssen sich schon a bisserl halten," 
rief er dann in den Wagen hinein, „mit der Liefert 
ist halt nit gut bete, wann se nit will und doch muß." 
Der Professor lächelte und fuhr zusammen, 
denn jetzt hatte die Liesel wirklich angezogen und 
riß den Wagen unsanft über die Steine hinweg, 
die ihn gehemmt hatten. 
„Das Thier hat seinen eigenen Kopf", sagte 
der Professor. 
„Ja freilich, so wie der Mensch auch. — Js 
nur gut, daß mer alleweil Einen über sich hat, 
der's besser weiß. Schauen's Herr, das ist die 
Axamuser Hochebene — und da unten hinter 
dem Abhang, da liegt Omessen." 
Der Professor sah zum Wagen hinaus, und seine 
Züge verklärten sich. Immer freier und schöner ent 
faltete sich das Bild, das in der sanften Färbung 
des beginnenden Herbstes ihm fast noch malerischer 
erschien, als in dem jungen Frühlingsgrün jener 
längst entschwundenen Zeit. Als ob auch die 
Natur die Spuren der Leiden trage, die ein 
sehnsüchtiger Lenz, laue Sommernächte und ge 
witterschwere Tage über sie verhängten. Sie 
erschien ihm reifer und ernster unter den leichten 
Nebelgewündern, die sich von Berg zu Berg zogen. 
Er, an das enge Studierzimmer gewöhnt, mit 
der vom Staube alter Folianten verdickten Lust, 
trank diese Frische mit gierigen Zügen. 
Im Thale unten, durch welches sich in 
elastischen Schwingungen der Inn schlängelte, 
lag noch der. feuchte Nebel auf Wiesen und 
Büschen, und oben, hoch über seinem Haupte, 
fluthete die reine Herbstsonne durch die Gipfel 
der Bäume und zeichnete ihr Geäst in den Staub. 
Den Professor hielt es nicht in dem engen 
Wagen, er ließ den Kutscher halten, stieg aus 
und schritt, in die Herbstschönheit des Waldes 
versunken, langsam neben demselben her. 
„Das ist die Kapelle vom heiligen Jgnazius", 
sagte der Kutscher, auf eine entfernte Schlucht zeigend, 
zwischen deren Mauergeröll ein winziger Thurm 
sichtbar wurde. „Es ist das ein berühmter Wall 
fahrtsort ; weiter unten, hinter dem großen Berge 
dort, liegt das bekannte Frauenkloster Maria 
hilst." 
Grabenow blieb plötzlich stehn —, der Athem 
versagte ihm. 
„Ist das ein Kloster für barmherzige Schwestern?" 
löste es sich langsam aus seiner Kehle herauf. 
„Nein, das liegt aus der anderen Seite von 
Innsbruck. Mariahilf ist ein strenger Orden; 
wer da hineingeht, kommt nicht mehr heraus." 
„Und das Kloster für barmherzige Schwestern, 
wie weit ist es von Omessen?" fragte der Professor 
wieder. 
„Da müssen der Herr zurück nach Innsbruck 
und von da ein paar Stunden seitwärts in's 
Gebirge." 
Der Professor sagte nichts mehr, aber er hielt 
die Augen gesenkt, als habe er diese Welt, die 
ihn eben noch ergriffen, vergessen. 
Erst als sich die Ebene zu senken begann, 
snhr er jäh wie aus Träumen empor und blickte 
auf das langersehnte Thal. 
„Geben Sie meinen Koffer im Pensionshause 
ab", sagte er, sich zum Kutscher wendend. „Sie 
werden wohl ohnedies dort ausspannen?" 
„Ja, im Geisbock." 
„Wenn es vielleicht etwas später werden 
sollte" — 
„Ist schon recht, zwei Stunden gönn' ich alle 
weil der Liesel Ruhe." 
(Fortsetzung folgt.) 
Anagramm. 
Deutsch ist der Lorbeer, an den die Lösung des Räthsels dich mahnet, > Und, in vernünftiger Art, rühmlich genannt werden darf. 
Ach, ein vereinzeltes Vlatt mitten in Unglück und Schmach! ; Nochmals verändert, entsteh'» Verehrer besonderer Alasse, 
Merden die Zeichen versetzt, so zeigt sich, was Vielen geboten Aeuß'res erfaßt nur ihr Sinn, nicht den erhabenen Geist. 
siuaUvF — uarvckg — uaadjjj] (Aus „Räthsel" von M. Schumacher. Aassei, Lrnst Hühn, Hofbuchhandlung.) 
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