Full text: Hessenland (9.1895)

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in so grenzenlosem Selbstvergessen jene Stunde 
erleben können, in welcher . . . 
„Fahr'n der Herr mit 'nauf nach Omessen?" 
fragte der biedere Tiroler in sein Träumen hinein. 
„Ja, nach Omessen — wie lange Zeit brauchen 
wir bis dahin?" 
„Halt zwei Stunden und a bissel drüber." 
„Sind sonst keine Passagiere da?" fragte der 
Professor, während er in den schmalen Kasten 
kroch, der noch gerade wie vor fünfzehn Jahren 
von einem einzigen Pferd über die Berge ge 
zogen wurde. 
„'s scheint nit — mer hob'n halt schon 
September — da laß'n's nach im Gebirg'. Und 
dann schau'ns Herr — Omessen is auch nit 
recht in der Moden." 
„Kann mir's denken, in der engen Schlucht 
da giebt's keinen Platz für elegante Bauten, aber 
das alte Wirthshaus ,Zum Geisbock' das existirt 
doch wohl noch?" 
„Freilich, freilich, nur gehen die Herrschaften 
in's Pensionshaus — es hat dort bessere Zimmer, 
gute Betten und auch ein' Tisch, wie er für kranke 
Leute paßt." 
„Ah sieh da, ein Pensionshaus, das wußte ich 
nicht, das kleine Nest ist in keinem Reisebuch 
verzeichnet." 
„Kennen der Herr Omessen?" 
„Ich war einmal vor vielen Jahren dort aus 
einer Fußtour durch's Innthal — und blieb 
dann — eigentlich gegen meinen Willen — dort 
hängen. Es schien mir ein Zufluchtsort für 
Kranke, die der Ruhe bedürfen?" 
„Ja. das ist's noch heut', die Modefexen, die 
mit scheenen Dam'n charmerir'n möchten, die 
gehn halt nit nach Omessen. Aber scheen is 
doch da oben, wunderscheen." 
Der breite, stämmige Tirolergaul hatte sich 
jetzt in Bewegung gesetzt, der Kutscher streichelte 
seinen Hals, und Berthold Grabenow legte sich 
zurück und überließ sich seinen Gedanken. 
Sie waren in einer engen Schlucht, er erinnerte 
sich ihrer noch gut und freute sich aus den 
Augenblick, wo sie die Hochebene erreicht haben 
würden, von wo aus man den Ausblick ans 
ein kleines verlorenes Thal genoß, welches der 
Inn malerisch durchschnitt. Von da ab mußte 
es dann wieder bergab gehn in das kleine Wiesen 
thal, in dessen grünen Matten, von Riesenfelsen 
umschützt, die wenigen Häuser von Omessen ruhten. 
Das kleine holzgetäfelte Haus, das letzte der 
einzigen Straße — auf der Höhe, mit dem 
Brunnen vor der Thüre und der steinernen 
Bank —, wie oft hatte er daran gedacht! Und 
dann spannen seine Gedanken weiter, immer 
weiter —, er sah die Umrisse ihrer Gestalt im 
fahlen Mvndesglanz — und — 
Er griff sich unwillkürlich an die Stirne, seine 
Schläfen hämmerten. — Wie er nur damals den 
Muth gefunden hatte, den Berg hinab zu rutschen 
und sie zu begrüßen — mit ihr zu plaudern? — 
Und dann waren sie beide, in seligem Vergessen, 
wie von einer gebietenden Macht getrieben, 
zusammen bis zu dem Steingeröll gewandelt, wo 
das Wasser oben vom Berge stürzt und dann 
leise, immer leiser tropft — wie sickernde Thränen. 
Es war Frühsommer gewesen, beinahe noch Lenzes 
wehen, die Matten bunt — von unzähligen 
Blumen —, und die Sterne hatten geleuchtet 
wie in einem Festessaale. — 
Berthold Grabenow hielt die Augen geschlossen, 
ein leuchtender Glanz ergoß sich über seine Züge, 
über die breite, von forschendem Denken durch 
furchte Stirne — bis zu dem festen Saume der 
Lippen, die ein dunkeler Vollbart umrahmte. 
Ja — da hatten sie stumm nebeneinander 
gesessen und den geheimnißvollen Stimmen der 
Nacht gelauscht, da hatten sie geträumt — 
wunderbar goldene Dinge, die eine Feenhand 
mit der Sternennacht verwob! O du heiliges, 
seliges Erwachen der Liebe! Seine Hand tastete 
schüchtern nach ihren kalten Fingern, und wie ein 
feuriger Strom ergoß sich die Gluth seelischer 
Gemeinschaft durch ihr Sein! 
Er hielt ihren Kopf an sein Herz gepreßt, und 
sie sprachen die stumme, ewige Sprache der Liebe, 
die noch keine Menschenhand zu verzeichnen ver 
mochte. Zuweilen stöhnte er ein heißes Wort in 
ihr Ohr hinein, und sie hauchte, leise wie der 
Nachtwind, der durch die Blüthen der Matten 
strich, ein Nichts zurück, das ihn beseligte. Und 
dann wurde es still — ganz still, ihre Lippen 
hatten sich gesunden und tauschten in seligem 
Wahnsinn Kuß um Kuß. 
Professor Grabenow saß noch regungslos —, 
nur seine Lippen hatten sich leise geöffnet, als 
fühle er den sanften Saum der ihren — zum 
letzten Lebewohl. 
Und dann hatte er, ihren Arm aus dem seinen, 
ihr von Lebensplänen gesprochen, die in Zukunft 
auch die ihren sein sollten. Sie hatte wohl leise 
gezittert —, auch eine Thräne war aus seine 
Hand getropft, als er von ihr ging, aber dennoch, 
was dann kam —, das hatte er nicht erwartet. — 
„Halt, halt, Liefet, weißt' nit, daß mer fei 
dumm's Zeig mache, wenn's den Hollersteg napp 
geht!" 
Der Professor fuhr in die Höhe, wie geistes 
abwesend schaute er hinaus und wußte nicht, wo 
er sich befand. Der Wagen zwängte sich durch
	        

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