Full text: Hessenland (9.1895)

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fanden, etwa diese ihre höheren Sätze zu beschneiden, 
vielmehr sollte es bis auf anderweite Regelung 
durch fürstliche Verordnung dabei sein Bewenden 
haben (a. a. O. S. 238 u. 318). 
Einer der für den Beamtenstand wichtigsten 
Regierungsakte des Landgrafen war die Ein 
führung der neuen Kanzleiordnung vom 20. Mürz 
1656 (a. a. O. S. 275-298), welche fortan die 
Grundlage für das in Hessen übliche Gerichts 
verfahren gebildet hat. In dieser Ordnung wurde 
den Beamten der Kollegialinstanzen sorgfältige 
und strenge Pstichterfüllung auferlegt, es wurden 
ihnen ihre Obliegenheiten genau auseinandergesetzt 
und die verschiedenen Kompetenzen gegen einander 
abgegrenzt. Um einen kleinen Einblick in den 
Inhalt der Ordnung zu thun, seien an dieser 
Stelle wenigstens die Titelüberschriften mitgetheilt. 
Jeder Titel zerfiel dann wieder in eine Reihe 
Paragraphen. Die Ueberschriften der neun Haupt 
titel lauteten: 
I. Wo, wie und wann in Rath zu gehen und 
vom Direktorio. II. Wie die 8upp1i6ation68 zu 
expediren. III. Wie die einkommenden Briefe 
anzubringen und zu beantworten. IV. Wie die 
Landfachen zu theilen und zu verrichten seien. 
V. Fürstliche Privat- wie auch Reichskreis- 
Korrespondenzen und dergleichen Sachen. VI. Re 
gistratur der Landfachen betr. VII. Registratur 
fürstlicher eigener Sachen betreffend. VIII. Von 
Kanzleisecretarien und Skribenten. IX. Von 
gerichtlichen Sachen (Prozeßordnung in engerem 
Sinne). 
' Reben Fleiß und Ordnung verlangte der 
Landgraf von seinen Beamten vor allem Andern 
namentlich Pünktlichkeit. Der Dienst begann 
für sämmtliche Beamten, die den Kanzleien an 
gehörten, für die Räthe wie die Sekretarien und 
Schreiber (Skribenten) in der Zeit von Ostern 
bis Michaelis um 7 Uhr morgens, von Michaelis 
bis Ostern aber um 8 Uhr (et. a. O. S. 278), 
auch am Nachmittag hatten die mittleren unb 
Unterbeamten zu erscheinen, da die Kanzlei bis 
gegen Abend geöffnet sein sollte, inbetreff der 
Oberbeamten, der Räthe, trug eine Verordnung 
wegen der Rathgünge bei fürstlicher Regierung 
vom 6. April 1656 Sorge für einige Erleichterung. 
Die Räthe brauchten auf den Nachmittag nicht 
alle itnb gesammter Hand zu erscheinen, außer 
wenn die morgens genommene Abrede ein Anderes 
mit sich brächte, oder sie etwa von dem Regierungs 
präsidenten, Kanzler oder Vizekanzler, den Spitzen 
der Behörden, dazu angehalten würden; vielmehr 
solltees genugsein, wenn sich abwechselnd (altornanäo) 
auch nachnlittags deren wenigstens zwei von ein 
oder zwei bis auf vier oder fünf Uhr, wo nöthig, 
einfinden und den alsdann vorfallenden Kanzlei 
geschäften abwarteten. Für den Fall aber, daß 
etwas Wichtiges und Schweres vorkäme, sollte 
solches, außer wenn Gefahr im Verzüge sei, bis 
auf den folgenden Morgen verschoben werden 
(a. a. O. S. 312). Alle Beamten ohne Unter 
schied des Ranges hatten die täglich vorfallenden 
Geschäfte und Verrichtungen emsig zu beobachten, 
sich auch darin ohne besonderen fürstlichen Be 
fehl und erhebliche ehehafte Noth durch nichts 
abhalten und verhindern zu lassen. 
Außer größter Pünktlichkeit und streng geordneter 
Amtsführung war unbedingte Verchwiegenheit über 
Dienstsachen eine Hauptforderung des Landgrafen 
an seine Beamten. Weiter drang er darauf, 
daß die Ergebnisse der Geschäftsführung stets zu 
übersehen waren, zu welchem Zwecke alle Kanzlei 
abschiede und Endurtheile in den Rezeß- und 
Urtheilsbüchern sorgfältig gebucht werden sollten. 
Den Kanzleischreibern wurde zudem noch besonders 
eingeschärft, darauf Acht zu geben, daß sie korrekt 
schrieben, auch eine leserliche Handschrift machten 
(a. a. O. S. 285 ff.). 
Daß der Landgraf in einer Zeit, die durch 
die Ausbildung des fürstlichen Absolutismus 
gekennzeichnet wird, nicht vergaß, den Beamten 
in Erinnerung zu bringen, wie es ihre Pflicht 
sei, mit sonderem Fleiß darauf zu sehen, daß dem 
Landgrafen nichts entzogen würde, vorzüglich 
wenn es sich um Streitigkeiten über die herrschaft 
lichen Gerechtsame zwischen den Beamten und 
Landsassen vom Adel und anderen Unterthanen 
handelte, erscheint wohl selbstverständlich. Bemerkt 
zu werden verdient indessen, daß Landgraf 
Wilhelm ausdrücklich betonte, es sei keineswegs 
seine Meinung, daß jemandem das Seine entzogen 
oder jemand mit Unbilligkeit sollte beschwert werden, 
und Gewicht darauf legte, daß einerseits das 
fürstliche hessische Recht erhalten, andererseits aber 
niemand das Seine „abgestrickt" oder genommen 
werde. Das heißt nichts Anderes als 8uum 
cuique! Dem Kammerpräsidenten, welcher bei 
der Reutkammer das Direktorium führte, wurde 
anbefohlen, sammt seinen beigeordneten Beamten 
die Ansprüche des Fiskus zu wahren und sich 
derentwegen mit den Aemtern in Verbindung zu 
setzen, doch immer „nach billigen Dingen". In 
ähnlichem Sinne sprach sich der Landgraf in 
seinen „Resolutiones auf die ritterschaftlichen 
Gravamina“ vom 2. Oktober 1655 (a. a. O. 
S. 241) folgendermaßen aus: „Und damit man 
sich bei einem und andern dergleichen in Ihrer 
Fürstlichen Gnaden Interesse laufenden Sachen,
	        

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