Full text: Hessenland (9.1895)

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Me Negententhätigkeit 
Von Dr. W. 
cji ls der junge Landgraf Wilhelm VI. am 
25. September 1650 die Regierung, welche 
seine Mutter Amalie Elisabeth, die 
große Landgräfin, bis dahin unter den schwierigsten 
Umständen rühmlichst geleitet hatte, selbst über 
nahm, erfaunte er es für seine vornehmste Pflicht, 
Ruhe und Ordnung wieder zurückzuführen und 
die schweren Wunden, die die eben beendigten 
langjährigen Kriegswirren dem Wohlstände des 
Landes geschlagen hatten, wieder zu heilen, wahrlich 
eine schwere Aufgabe; denn alle Erwerbszweige 
lagen schwer darnieder, Ackerbau und Bergbau 
nicht minder als Handel und Gewerbe. Auch 
die Sittlichkeit des Volkes hatte ernstlich Schaden 
gelitten. Wie schlimm es damals in Hessen 
bestellt war, erfahren wir des nähern aus den: 
inl 5. bezw. 6. Jahrgange der Zeitschrift „Hessen 
land" veröffentlichten, sehr lesenswerthen Aussatze 
von Dr. Hugo Brunner: „Kirche und 
Schule während und nach dem dreißig 
jährigen Kriege" (Jahrgang V, 1891, 
S. 320 ff.; Jahrgang VI, 1892, S. 5 ff., 18 ff., 
30 ff., 42 ff., 54 ff., 70 ff.), an den an dieser 
Stelle wieder erinnert sei, zumal in demselben 
auch die Resormthätigkeit des Landgrafen zur 
Hebung der öffentlichen Sittlichkeit und seine 
Bemühungen aus Zurückführung des hessischen 
Volkes zu der verloren gegangenen Religiosität 
eingehend dargelegt sind. 
Wenn es Landgraf Wilhelm nicht vergönnt 
war, die Früchte seiner rastlosen Arbeit im Dienste 
des Landes völlig reifen zu sehen, da ihn ein 
plötzlicher Tod bereits am 16. Juli 1663 im 
Alter von 34 Jahren dahinraffte, so wird ihm 
doch bct§ Zeugniß nicht versagt werden dürfen, 
daß er auf dem besten Wege war, für die 
damaligen Verhältnisse Großes zu erreichen. 
Bei der Bedeutung gerade der kurzen Re 
gierung Landgraf Wilhelm's VI. für die Ent 
wickelung des Landes und Hebung des Volkes in 
materieller, wie sittlicher Hinsicht und damit für 
die hessische Geschichte als solche, ist es eine des 
„Hessenlandes" würdige Aufgabe, einmal die 
Landgraf Wilhelm's VI. 
Grotefend. 
Ziele und Bestrebungen des Landgrafen in ihrer 
Gesammtheit ins Auge zu fassen und seiner Ein 
wirkung aus die einzelnen Gebiete des öffentlichen 
Lebens, abgesehen von seinem bereits am an 
gegebenen Orte erörterten nachdrücklichen Ein 
greifen in die kirchlichen und Schnlverhältnisse, 
nachzugehen. Wie ernst der junge Regent die 
Obliegenheiten seines hohen Amtes ausfaßte, 
crgiebt sich schon aus der verhältnißmäßig recht 
großen Anzahl seiner Erlasse und Verordnungen, 
deren der zweite Band der hessischen Landes- 
vrdnungen ans den kaum 14 Jahren seiner 
selbstständigen Regierung auf nicht weniger als 
367 Seiten 136 Nummern enthält. 
I. Landgraf Wilhelm und seine 
Beamten. 
Die erste Aufgabe des Landgrafen auf dem 
von ihm nach der selbstständigen Uebernahme der 
Regiernngsgeschäfte unverzüglich betretenem Wege 
der Reformen war es, sich einen Beamtenstand 
zu schaffen, der für seine Ziele und Absichten 
das nöthige Verständniß zeigte und ihm bei 
deren Durchführung eine zuverlässige Stütze bot. 
Daß die Heranbildung eines ausreichenden 
Stammes von tüchtigen, brauchbaren Kräften 
kein leichtes Ding war, lehren uns die mannig 
fachen Stellen der eigenen landgrüflichen Ver 
fügungen, die den Beweis liefern, daß die Herren 
Beamten der damaligen Zeit vielfach nach ihrer 
eigenen Willkür zu verfahren beliebten. 
Besonders üble Bilder von der Pflichttreue 
der damaligen Beamten geben einige Stellen der 
Sportelordnung vom 16. Mai 1656 (H. L. O. II. 
S. 314 f.), nach welchen der Landgraf in glaub 
würdige Erfahrung gebracht hatte, daß Beamte, 
anstatt, wie ihnen von Amtswegen oblag, die 
eorairmrem nach aller Möglichkeit zu befördern, 
dagegen aber alle Steigerung und Ausschläge auf 
die Steuern und Viktualien zu verhüten, sich 
seit einiger Zeit an etlichen Orten erkühnten, 
nicht allein von allerhand in die Städte ge 
brachten und dort feilgehaltenen Viktualien und
	        

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