Full text: Hessenland (9.1895)

248 
Ich weiß nicht — 
Ich weiß nicht, ob es das Heimweh ist? 
Es ruft mich und lockt mich zu einsamer Frist. 
Verträumtes Stüdtleiu im Waldesgeheg — 
Blühende Wiese und heimlicher Weg! 
Und Gärten seh' ich mit schießendem Kraut 
Und ein Hüttchen, am Fuße des Hügels erbaut, 
Ich sehe mich grüßen im scheidenden Licht 
Ein längst von der Erde geschwund'nes Gesicht. 
Ich weiß nicht, ob es das Heimweh ist! 
Es ruft mich und lockt mich zu einsamer Frist. 
Ich seh' einen Kirchhof im schweigendeil Grund. 
Dort ragen viel Kreuze in friedlicher Rund', 
Dort liegt nleine Jugend, dort träumt es sich fein 
Von leuchtender Zukunft und glücklichem Sein. 
Von Lieb' und von Lust, voil dem Sieg nach dem 
Streit, 
Von der Wahrheit, der Kraft, die sich selber befreit. 
Ich weiß llicht, ob es das Heimweh ist? 
Es ruft mich und lockt mich zu einsamer Frist. 
% Keiter-Kellner. 
Aus alter und neuer Zeit. 
Wie unsere Altvordern Liebesbriefe 
schrieben. — Folgendes ini Besitz der Ständischen 
Landesbibliothek befindliche undatirte Schreiben, 
welches der Schrift nach aus dem letzten Jahrzehnt 
des 16. Jahrhunderts stammt, ist ein regelrechter 
Liebesbrief. Der ungenannte Schreiber, allem 
Anschein nach ein im Dienst des Landgrafen 
Ludwig zu Marburg befindlicher hessischer Adliger, 
ist von seiner langjährigen Braut verlassen, da 
sie ein gleiches Verhältniß zu dem begüterten 
Caspar Roltzhausen (Rolshausen) vorzog. Darin 
sollte sie jedoch ihr Glück nicht finden, da der 
neue Bräutigam schließlich eine andere ehelichte. 
Der alte Verehrer richtet nun auf die Kunde, 
daß seine frühere Geliebte, deren Namen wir 
nicht erfahren, wieder frei geworden, ein langes 
Schreiben an diese, in welchem er sie in recht ein 
dringlichen Worten auffordert, ihren Groll fahren 
zu lassen und wieder zu ihm zurückzukehren. Mit 
welchem Erfolg, muß freilich dahingestellt bleiben. 
Die Form dieses Briefes, den wir, um einen kleinen 
Beitrag zur Geschichte des damaligen Briefstils 
zu geben, hier abdrucken, ist nach heutigen Begriffen 
gewiß als überaus ungelenk zu bezeichnen, der 
Sinn an mehreren Stellen schwer verständlich, weil 
Kuinneunng. 
Es ist doch eine schöne Welt, 
Mein Schatz, laß uns nun gehen 
Zur Haide, wo um Strauch und Kraut 
Wie einst die Schleier wehen. 
Wir hörten dort dem Klingen zu 
Der kleinen Haideglocken; 
Dazwischen klang vom Stoppelfeld 
Der Mücken Tanzsrohlocken. 
Und als der Wandervögel Schaar 
An uns vorbeigezogen, 
Da hattest ängstlich Du mein Haupt 
An Deine Brust gebogen. 
Wir lauschten, ob denn alles Glück 
Vorbei den Zug genommen? — 
Indessen war es leis' und still 
In unser Herz gekommen . . . 
Das ist doch eine schöne Welt, 
Mein Schatz, laß uns nun gehen 
Zur Haide, wo um Strauch und Kraut 
Die Silberschleier wehen. 
Walentin Hraudt. 
es sich um so intime Dinge handelt, vielleicht 
wird er aber doch bei unseren Lesern bezw. 
Leserinnen ein wenig Interesse finden. 
„Hertzeiniges, hertzlibstes meulgen! Einiges 
Hertz! Ich kan euch nicht genugsam klagen, wie 
wehe mir mein Hertz duth, daß mir beide so 
sollen in zorn gegeneinander stehen. Gott wolt eß 
erbarmen und die leut straffen, so nnß uneinß 
machenn und gemacht habenn, dann es gehet nitt 
recht zu, eß ist nicht muglich und kan von gott 
nitt sein, dann ihr kont die leud nicht verachten, 
ihr in ungutem nicht gedencken, sondern sind grosse 
hernn und verthetiget sie, daß ihr leib und fehl 
iretwegen wolt daransetzen. Und ist so hart bei 
euch eingewurtzelt die lib, daß ich mid lschmertzenj *) 
darüber klage und kan eß aus meinem sin nitt 
bringen, dan ich weiß ewer libe, so ihr die in 
trewen aus einen setzet, wie die so scharff heldt, 
und mitt waß lib und trew ihr dieselben ahn mir 
in aller sreundlichkeith mit aller holtseliger begir 
erzeiget, auch wohl bei mich leib und leben gesagt 
alß bei diese leud. Aber seid hero die kommen, 
so stinck ich, so ist alles veracht, alles libs ver 
gessen und midt mir auß. Hett gehofft, man hett 
mich so schnel nitt übergeben, dann mir wohl bewust. 
*) Loch im Papier.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.