Full text: Hessenland (9.1895)

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Sehenswürdigkeiten der Kasseler Messer: im vorigen 
Jahrhundert. 
Mitgetheilt von Dr. Hugo Brunner. 
in glücklicher Zufall hat uns eine Reihe 
\ gedruckter Ankündigungen von allerlei 
Sehenswürdigkeiten erhalten, die in der 
zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in der 
Stadt Kassel dem Publikum gezeigt wurden. 
Die Zettel, auf besserem Papier gedruckt, als die 
heute üblichen Reklamen, — denn ohne diesen 
Umstand würden sie selbst bei sorgfältigster Auf 
bewahrung nicht zu retten gewesen sein, — tauchten 
bei dem fortschreitenden Gange der Neukatalogisirung 
der ständischen Landesbibliothek zu Kassel aus 
ihrer Vergessenheit auf und werden fortab der 
Nachwelt sorgfältiger aufgehoben werden, als dies 
bisher der Fall war. 
Die Ankündigungen reden, trotzdem daß nicht 
viel mehr als ein Jahrhundert seit ihrer Aus 
gabe verflossen ist, bereits eine uns seltsam und 
vielfach komisch berührende Sprache. Der in 
behaglicher Breite erzählende Ton, in dem sie 
gehalten sind, zeugt noch von jener Gemüthlichkeit 
des Lebens, die unserer hastenden Zeit abhanden 
gekommen ist. — Aber auch sonst sind die Sehens 
würdigkeiten, welche darin angekündigt werden, 
von kulturhistorischem Interesse. Die damalige 
Menschheit, noch wenig durch Reisen verwöhnt, war 
schaulustiger als wir; die Sehenswürdigkeiten 
drängten sich noch nicht in die Metropolen zu 
sammen, um hier soviel auf einmal zu bieten, daß 
es dem Beschauer meist ganz unmöglich ist, in's 
Einzelne zu gehen, ja daß er nach dem Verlassen 
einer solchen Sammlung von Merkwürdigkeiten 
gewöhnlich kaum noch weiß, was er gesehen hat. 
Andererseits werden bei Messen und Märkten, 
die früher bekanntlich auch hier in Kassel von 
jenem „fahrenden Volke" viel besucht wurden, 
das aus die Schaulust der Menge spekulirte, 
heutzutage jene Sehenswürdigkeiten, um die es 
sich im Nachfolgenden handelt, nicht mehr ge 
duldet, vielfach gewiß mit Recht; doch ist ein 
Stück alter Romantik damit weniger vorhanden, 
und so mag die Mittheilung nachstehender An 
kündigungen oder „Avertissements“ mit dazu 
beitragen, das Bild und die Geschichte der einst 
volkreichen, jetzt so heruntergekommenen Kasseler- 
Messen und Märkte vervollständigen zu helfen. 
Avertissement. 
In dieser Stadt ist angekommen Bernardo Gilli, 
ein Riese von Italienischer Nation, sein Alter ist 
26 Jahr, seine Höhe 4 Ehlen und 6 Zoll, nach 
seiner Grösse sehr wohl gestaltet. Auf allen seinen 
Reisen hat er keinen angetroffen, der ihm in seiner 
Grösse gleich komme:: können. In seinem nennten 
Jahre hat er die gewöhnliche Grösse gehabt, wie 
andere Kinder von diesem Alter. In seinem 
25 jährigen Alter hat er ausgehört zu wachsen. 
Seine ganze Familie ist von ordinairer Gestalt. 
Auf seinen Reisen hat er die Ehre gehabt, vor 
19 gekrönte Häupter sich sehen zu lassen, als: 
1) der König von Sardinien; 2) der König von 
Frankreich; 3) der Stadthalter von Holland; 
4) der König von Großbrittannien; 5) und 6) die 
Könige Ferdinand und Carl von Spanien; 7) der 
König von Portugal; 8) der Herzog von Parma; 
9) der Pabst Clemens der XIII.; 10) der König 
von Sicilien; 11) der Kurfürst von Bayern: 
12) der Römische Kayser und Kayserin; 13) der 
Churfürst von Sachsen; 14) der König von Preussen; 
15) der König von Pohlen; 16) die Rusische 
Kayserin; 17) der König von Schweden; 18) Jhro 
Majestät der König von Dännemark; 19) Jhro 
Hochsürstl. Durchl. der Herzog von Braunschweig. 
An seiner Höhe, Kraft und Proportion findet man 
seines Gleichen in der ganzen Welt nicht. 
Er verkauft sein Portrait, in Kupfer gestochen, 
wo seine ganze Familie zu sehen ist. 
Er ist zu sehen von 10 Uhr des Morgens bis 
1 Uhr des Nachmittags, und von 3 bis 7 Uhr 
des Abends. Jede Person bezahlet 3 Ggr. Die 
vornehmen Herren bezahlen nach ihrer 
Generositaet. 
Er logiret im Schwarzen Adler aus der Ober- 
neustadt. 
Anm. [mit Tinte geschrieben): War in Cassel auf der 
Ostermesse 1766; gesehen d. 13. März. 
Avertissement. 
Es dienet dem Publico zur Nachricht, daß bei 
Franz, Viard drey Mathematische neu erfundene 
Figuren zu sehen sind, welche aus ersten Befehl 
folgende Kunst-Stücke verüben: 
Die erste Figur praesentiret einen Kaufmann, 
der bringet aus Erfordern: hervor, erstlich Thee, 
zum andern Coffee, drittens Zucker, viertens Zimmet, 
sünfftens Nelcken, und sechstens Muscaten-Nüsse. 
Die andere Figur zeiget eine Baner-Magd, mit 
einer Taube aus dem Kopfe, ein Glas in der
	        

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