Full text: Hessenland (9.1895)

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Es hatte sich mit der Zeit ein recht herzliches 
Verhältniß zwischen den Dorfbewohnern und den 
Soldaten herausgebildet, besonders als der Bauer 
erkannte, daß ihre Anwesenheit ihm nicht zum 
Schaden gereichte. Für jeden Mann wurden 
nämlich seitens der kurhessischen Regierung fünf 
Groschen Verpflegungsgeld täglich gezahlt, und die 
Soldaten fast ohne Ausnahme halsen wacker in 
ihren dienstfreien Stunden, deren nicht wenige 
waren, ihren Quartiergebern an der Arbeit in 
Haus und Feld. Die Soldaten brachten ein 
munteres und bewegtes Leben in das Dorf, nahmen 
an Leid und Freud des Familienlebens herzlichst 
Theil und berichteten sachkundig von der eigenen 
ländlichen Heimath, deren Leben, Arbeit und Ver 
kehr. Dazu kam noch, daß sie selbst, meist Söhne 
vom Lande, des ländlichen Lebens kundig, sich 
bei der Dorfjugend sehr beliebt zu machen wußten, 
Es war so, als gehörten sie zu einander, die 
Bauern und ihre Soldaten. 
Von den Unruhen der Städter wollte der 
Dorfbewohner nichts mehr wissen. Diejenigen 
Dörfer, welche von Militär besetzt waren, wurden 
zudem von städtischen Sendlingen jetzt vollständig 
gemieden. Nur gerüchtweise drang hin und wieder 
die Kunde von den außerordentlichen Plänen 
hierher, welche von der unruhigen Bevölkerung 
in der Stadt gegen das etwa gegen sie vor 
dringende Militär geschmiedet würden. Da sollte 
in großer: Volksversammlungen beschlossen sein, 
den hartnäckigsten Widerstand zu leisten: an 
allen Ecken der Straßen in der Stadt, so hieß 
es, seien riesige Barrikaden erbaut, das Pflaster 
aufgerissen und unterminirt, um die ein- 
marschirenden Truppen mit einem Schlage zu 
vernichten; das schreckenverbreitende Corps der 
Sensenmänner sollte sich durch einen feierlichen 
Eid verpflichtet haben, keinen Pardon zu geben 
u. s. w. Der Ueberbringer aller dieser auf 
regenden Nachrichten war ein Makler, damals 
unter den: Namen „Jobik" aller Welt bekannt, 
eine ländlich originale Persönlichkeit. So oft er 
Dienstags und Samstags regelmäßig zur be 
stimmten Stunde aus der Stadt nach dem Dorfe 
zurückkehrte, gingen ihm die Offiziere der Kompagnie 
entgegen und erkundeten von ihm Stimmung und 
Zustände in der Stadt. Er konnte über alles 
genaue Auskunft geben, nur von den Sensen 
männern machte er eine gar zu grausige Schilderung. 
„Jobik," hörte ich einmal die Offiziere bei einer 
solchen Unterredung fragen, „habt Ihr keine 
Sensenmänner nich gesehen?" „Alles todt und 
kaput, Kopp kahl ab!" erwiderte der Angeredete 
und schilderte in drastischer Weise das furchtbare 
Aussehen dieser Hüter der Freiheit in ihrer 
fürchterlichen Entschlossenheit, mit ihren lang- 
herabwallenden Bärten, den rollenden Augen 
und vor allem mit den schrecklichsten Waffen der 
Neuzeit, den an langragenden Stangen befestigten, 
aufrechtstehenden, haarscharf geschliffenen Sensen. 
Ich habe später selbst Gelegenheit gehabt, die 
Hanauer Bürgergarde und auch die „schrecklichen" 
Sensenmänner zu sehen, wie sie vor dem damaligen 
Oberbürgermeister der Stadt auf dem Heumarkte 
Revue passirten, und ich habe mich als Knabe 
schon nicht genug darüber wundern können, daß 
ein so gefährlich Wesen in der ganzen Gegend 
von der Hanauer Bürgerwehr und ihren Sensen 
männern gemacht werden konnte. Sie machte 
den Eindruck einer geordneten und durch Selbst 
zucht wohl disziplinirten, aber kriegerisch durchaus 
ungefährlichen Bürgertruppe. 
Wie die 48er Wirren in Hanau endlich ver 
liefen, brauche ich hier nicht zu schildern, sie 
gehören der Geschichte an. Für die Landbevölkerung 
waren sie längst abgethan. Die militärischen 
Paraden, die von Zeit 31t Zeit auf „der Koppel" 
abgehalten wurden, ungewohnte glänzende Schau 
spiele, lockten jedes Mal Tausende von Land 
bewohnern herbei. Die festgeschlossene Macht, die 
sich da vor ihren Augen entwickelte, imponirte dem 
Dorfbewohner ganz anders, als die phantastischen 
Theorien und Zukunftspläne städtischer Agitatoren, 
denen man gründlich mißtraute. 
Als die befreundete Kompagnie, „unsere 
Soldaten" das Dorf verließen, um in ihre 
Garnison zurückzukehren, da wollte das Abschied- 
nehmen kein Ende finden. Es war, als wenn 
die ältesten und besten Freunde von einander 
schieden, die treu zusammengehalten in guten 
wie in bösen Tagen. Und noch heute bewahre 
ich dem wackeren Sohne der Fuldaer Gegend, 
dessen Quartier meiner Eltern Haus gewesen, ein 
dankbares Angedenken für seine offene Freundlichkeit 
und biedere Ehrenhaftigkeit, mit der er, der 
rauhe Krieger, damals dem spielenden Knaben 
begegnete.
	        

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