Full text: Hessenland (9.1895)

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starrenden Knäuel, ein Haufen undisziplinirter 
Männer zusammengedrängt, zogen die Rekruten 
unserer Bürgergarde zum Wiesenplau, um dort 
ihre Uebungen zu machen. Die beiden Unter 
offiziere gaben sich redlich Mühe, Ordnung in 
ihre Haufen zu bringen, — alle Mühe war 
vergebens! Als der Reiz der Neuheit geschwun 
den war, kamen immer weniger Teilnehmer zu 
den Uebungen, die anderen gingen ihren Beruss- 
geschäften nach, froh der lästigen neuen Bürde 
überhoben zu sein. Wenn dann der kleine, dicke 
Leineweber hinter seiner großen Trommel wieder 
zum Sammeln rief, dann erschienen nur noch 
die Chargirten, die Bauern kamen nicht mehr. — 
Es war Freiheit! 
Bei dem mangelnden Interesse ihrer Väter 
an den kriegerischen Uebungen hatten sich die 
Schulknaben im Spiele wenigstens der Aufgabe 
der Bürgergarde bemächtigt und führten sie mit 
ungleich größerem Eifer und jugendlichen! Ge 
schicke durch. Bewaffnet mit hölzernem Säbel, 
den der Dorfschreiuer für drei Kreuzer das Stück 
hergestellt hatte, im Gürtel eine selbstgefertigte 
Schlüsselbüchse, die schwarz-roth-goldene Kokarde 
keck an der Mütze — so marschirte die jugend 
liche Schaar strammer, kräftiger Knaben in 
geordneten Gliedern und militärischer Haltung 
durch die Straße des Dorfes. Die Alten hatten 
ihre helle Freude daran! 
Mit steigendem Jahre und infolge der Nach 
richten aus dem unruhigen Hanau nahm auch 
das Leben im Dorfe ein bewegteres Tempo an. 
Das Wirthshaus — damals das einzige im 
Dorfe — erfreute sich eines häufigeren und regel 
mäßigen Besuches; in Rede und Gegenrede wurden 
hier die Tagesfragen besprochen, die Beschwerden 
erörtert, die Lasten ausgezählt, die zu tragen, 
und deren Abstellung gefordert. Trotz allem 
hatten sie keine Ursache über Last und Druck zu 
klagen! 
Um ein äußeres sichtbares Zeichen der frei 
heitlichen Bestrebungen zu geben und auch ihre 
Theilnahme an der großen Bewegung zu be 
zeugen, wurden nach städtischem Vorbilde Frei 
heitsbäume, „Majen", gepflanzt. Nur beliebte 
Persönlichkeiten in der Gemeinde wurden dieser 
Ehre theilhaftig; wem ein „Maje" vor die Haus 
thüre gesetzt wurde, der war sicher von der 
Volksgunst getragen. Zu den Majen wurden 
die schlaukesten, prächtigsten Fichtenstümme ver 
wendet. Diese wurden nicht etwa dem eigenen 
Gemeindewald entnommen, bewahre! Die statt 
lichen Wälder der Nachbargemeinden oder die 
fürstlich Menburgischen Waldungen mußten 
ihre Prachtexemplare dazu liefern. Niemand 
fragte darnach oder wagte es nur darnach zu 
fragen. — Es war Freiheit! — Das Ausstellen 
der Majen wurde Wochen hindurch fortgesetzt 
und war immer von großen Aufregungen be 
gleitet. Der also Geehrte mußte zum Danke für 
die ihm widerfahrene Ehre Apfelwein und 
Schwartemagen spendiren, daran Alt und Jung, 
Groß und Klein sich's gütlich that. 
Die politischen Ereignisse jenes Jahres in der 
großen Welt und ihr Verlauf sind bekannt; ich 
will hier nur erzählen, wie sie sich in der kleinen 
Welt des Dorslebens wiederspiegelten. Als die 
Unruhen in Hanau stiegen, wurde die Garnison 
aus der Stadt gezogen und zur Beobachtung des 
städtischen Treibens auf's Land verlegt. Gleich 
zeitig war auch das in Fulda garnisonirende 
Regiment zur Unterstützung seiner Hanauer 
Kameraden in die Dörfer der Umgegend Hanaus 
dirigirt worden. Eine Kompagnie dieses Regi 
mentes kam in unser Dorf als Einquartirung. 
Mit ihrem Einzuge legten sich die politischen 
Aufregungen rasch im Dorfe, die freiheitlichen 
Zuckungen waren plötzlich gestillt, und das Dorf 
leben nahm wieder seinen ruhigen, stillen Lauf, 
wie vordem. 
Nur ab und zu empfingen die Bewohner den 
Eindruck, daß sie denn doch nicht im tiefsten 
Frieden, sondern in aufgeregten und kriegerischen 
Tagen lebten. Militärische Meldereiter flogen 
da von Dorf zu Dorf, die Trommeln wirbelten, 
die Hörner ertönten mitten in der Nacht. Kaum, 
daß der abziehende Soldat noch Zeit fand, seinem 
Quartiergeber Dank und Lebewohl zu sagen. 
Eilend stürzen die Krieger mit Sack und Pack 
zum Sammelplatz, die Waffen klirren, Kommandos 
erschallen scharf, schneidig und bestimmt. Da 
ziehen sie hin in die dunkle Nacht hinaus, in 
der Richtung nach Hanau zu. „In der Stadt 
ist Revolution!" flüsterte es in den Reihen der 
staunenden, gaffenden Dorsmenge, und fröstelnd 
von Nachtkühle und Kugelscheu eilten alle schleunigst 
dem schützenden Hause zu, froh, in Ruhe und 
Sicherheit das Ohr wieder auf das Kissen eines 
guten Gewissens legen zu können. 
Des anderen Morgens wurden die Ereignisse 
der Nacht noch lebhaft besprochen, da — wieder 
Trommelschall und Pseifenklang — man kannte 
das alles schon ganz genau — „unsere Soldaten" 
waren wieder da und rückten in ihre Quartiere 
ein. Jedes Haus freute sich, „seinen Mann" 
wieder zu sehen und zu haben. Die alte Freund 
schaft wurde durch erneute freundliche Aufnahme, 
gute Aufwartung und Aufmerksamkeiten allerlei 
Art besiegelt und befestigt.
	        

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