Full text: Hessenland (9.1895)

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Erinnerungen aus dem Hanauer Norfleben vor fünfzig 
Jahren. 
Von Pfarrer Hufnagel-Keffelstadt. 
7. Wie's anno 48 im Dorfe zuging. 
In jenem denkwürdigen Jahre erfuhr das fönst 
so ruhige und beschauliche Leben im Dorfe eine 
vollständige Umwandlung. Während feine Be 
wohner sich vorher beharrlich von allem Verkehre 
abschlössen und nur das Ihre erwogen, standen 
sie in diesem bewegten Jahre mitten in der Welt, 
hatten viel Verkehr von außen her und zeigten 
ihrerseits auch Sinn und Interesse für die in 
der großen Welt draußen sich vollziehenden Be 
wegungen. Das Wort „Freiheit" übte auch auf 
diese einfachen Leute seinen Zauber aus und 
fesselte sie in seinen Bann. Selbstverständlich 
maßen sie alles, was sie davon zu Gehör be 
kamen, an dem Maßstabe ihrer eigenen Bedürf 
nisse, Wünsche und lokalen Verhältnisse. Zeitungen 
wurden im Dorfe nicht gelesen, auch nicht eine einzige. 
Von Zeit zu Zeit erschienen aus der Stadt 
einzelne Kolporteure, welche für billiges Geld 
Schriften und Flugblätter verkauften. Sie machten 
hier schlechte Geschäfte damit, denn ich hörte 
mehrmals bittere Klagen darüber, daß die 
Bauern nicht kauften und über Freiheit, Gleich 
heit und Brüderlichkeit aus purer Dummheit 
nicht belehrt sein wollten. Nur „die deutschen 
Grundrechte", wie sie vom Frankfurter Parla 
ment angenommen waren, fanden Käufer, aber 
ihrer waren nicht viele. Für das Parlament 
hatte man kein Verständniß und kein Interesse, 
um seine Verhandlungen und Beschlüsse kümmerte 
man sich nicht. Die Wahl des Erzherzogs 
Johann zum Reichsverweser erregte anfänglich 
Befriedigung; als man ihn aber später gelegentlich 
einer Truppenbesichtigung persönlich gesehen hatte, 
war es aus mit dem Interesse für ihn. Er 
hatte offenbar bei diesen Reichsbürgern keinen 
guten Eindruck gemacht. Für den deutschen 
Nationalgedanken erwärmte man sich, aber man 
glaubte nicht, daß dieser Mann ihn zu verwirk 
lichen geeignet sei. 
Die alten Volkslieder waren auf der Straße 
verstummt; statt ihrer erklang, von Alt und 
Jung unermüdlich gesungen, das bekannte „Schles 
wig-Holstein meermnschlungen", dessen Schluß 
zeilen: „Schleswig-Holstein stammverwandt, wanke 
nicht, mein Vaterland" jedesmal mit ganz be- 
(Schluß.) 
sonderem Stimmaufwand von allen Sängern her 
vorgehoben wurden. 
Ab und zu erschienen in jenen Tagen auch 
Abgesandte radikaler Richtung ä la Hecker und 
Struve, um mit dem „Volk" auf dem Lande 
Fühlung zu nehmen; aber unbekannt mit der 
eigenartigen Denk- und Sprechweise der länd 
lichen Bevölkerung und deren feststehenden Ge 
wohnheiten mußten sie unverrichteter Sache wieder 
abziehen. 
Eins aber wollten die Leute alle: frei sein 
ans eigener Scholle, die eigenen Herren in der 
eigenen Gemarkung. Daß das Wild ihres 
Feldes und ihres Waldes nicht ihnen, sondern 
einem Andern gehörte, das konnten sie als Recht 
nicht ansehen. Daher war die erste gemeinsame 
Handlung im Freiheitsjahre, als der Frühling 
herankam, daß sie, dank der gelockerten Ver 
hältnisse, die Jagd in ihrer Gemarkung selbst 
auszuüben unternahmen. 
Noch heute erfüllt es mich mit Ergötzen, wenn 
ich der einzigartigen Jagdzüge jener Zeit gedenke, 
wie sie in hellen Hausen hinauszogen, die Alten 
ausgerüstet mit alten Karabinern, Steinschloß 
gewehren und verrosteten Donnerbüchsen, die 
Jugend, klein und groß, Treiberdienste ausrichtend. 
Hasen waren in Masse da, sie sprangen buch 
stäblich den neumodischen Jägern durch die Beine 
hin. Keiner der feisten Langohren brauchte 
jedoch sein Leben zu lassen aus weitem Plan, — 
die Schießwerkzeuge gingen nicht los, rind die 
Hasen mit den geladenen Schießprügeln zu 
schlagen, war denn doch zu gefährlich für die 
eigene Person. Die Masse der jagenden Bailern 
verlor schnell die Lust an der ungewohnten Be 
schäftigung, die nur Zeit in Anspruch nahm und 
nichts einbrachte. Nur einzelne jüngere Männer, 
mit sicherem Auge und besserer Flinte ausgerüstet, 
trieben das edle Waidwerk gelegentlich weiter 
beim Futterholen oder sonstigen Feldarbeiten 
und lernten es rasch, gar manchem armen Lampe 
mit sicherem Korn das Lebenslicht auszublasen. 
Ein alter Streit mit der Gemeinde Langen 
diebach wegen Ausübung des Huterechts aus 
„der Koppel" erregte die Gemüther ungleich 
hitziger. Die Koppel war ein zwischen den Feld 
marken beider Dörfer liegender Streifen Acker-
	        

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