Full text: Hessenland (9.1895)

239 
des Rezesses von 1556 tauchten noch neue 
Schwierigkeiten aus, die erst im Jahre 1587 
durch Landgraf Wilhelm IV. den Weisen, den 
Sohn Landgraf Philipp's, wie wir gleichfalls aus 
in der Kasseler Landesbibliothek aushewahrten 
Schriftstücken, einer Eingabe des vorhin genannten 
Emanuel Hosten an den Landgrafen und dessen 
eigenhändigen Bescheide vom April 1587, er 
fahren, beglichen wurden. 
Der landesherrliche Kommissar hatte im Jahre 
1556 keine leichte Aufgabe, galt es doch Irrungen 
und Gebrechen, so sich zwischen dem ehrsamen, 
vorsichtigen und weisen Burgemeister, Rath und 
Einwohnern der Altstadt Frankenberg einerseits 
und dem Rath und den Eingesessenen in der 
Neustadt zum anderen Theil erhalten hatten, 
dahin zu schlichten, daß die beiden Gemeinden 
sich nachbarlich und freundlich wollten vergleichen 
lassen und „in guter eintracht zusammen- 
thun, einen rait, regiment und policey 
anrichten und verordnen umb gebohrlichs ge- 
horsambs und sridlebens willenn". 
Fassen wir nun die einzelnen Paragraphen 
des Abkommens in's Auge, so wurde zunächst in 
Ausführung der soeben angezogenen Worte be 
stimmt, daß aus Alt- und Neustadt ein gemein 
samer Rath eingesetzt werden sollte, der nur ein 
Jnsiegel und Sekret zu führen Hütte. Im Rath 
sollten nicht mehr als zwölf Personen Sitz und 
Stimme haben. Eine Neuwahl wurde vorläufig 
noch nicht in Aussicht genommen, vielmehr sollte 
der Bürgermeister der Altstadt mit dem der 
Neustadt, namens Veltin Lutz, bis aus weiteres ge 
meinsam amtiren „umb allerley gebew willen, so in 
der newenstadt angericht werden sollen". Für den 
Fall daß aber demnächst eine Wahl stattfinden 
sollte, sie belange Bürgermeister, Gildemeister, 
Psennigmeister oder andere Personen, so aus der 
Gemeinde genommen werden, wurde abgemacht, 
daß dann kein Ansehen oder Unterschied beider 
Städte Bürger gehalten werden, sondern allein 
darauf gesehen werden sollte, daß die verständigsten, 
tauglichsten Personen, sei es aus der Altstadt 
oder aus der Neustadt „so zu m. g. f. und 
Herrn gerechtigkeit unnd gemeyner stabt nutzenn 
aller dienstlichs geacht unnd erkant, zu solchenn 
amptenn gesetzt unnd gewelt werden, auff das 
gut regiment gehalten mag werden." Aus der 
Neustadt sollten, falls man da geschickte, ver 
ständige Personen Hütte, die zu Frieden und 
Eintracht geneigt seien, allewege drei im Rath 
sein und außerdem noch einer von der Gemeinde 
zu Vorstendern gewählt werden. 
Der Rath der Neustadt hatte sein Rathhaus 
wie seine Borräthe und „was sie in wasßer unnd 
wide vor sich in gemeynem Gepruch gehapt 
zu übergeben". Alle bürgerlichen Kosten sollten 
beider Städte Bürger zu gleichen Theilen 
tragen nach eines jeden Vermögen, es sei „in 
geschos, bede, schatzung, markzinße, an gemeynen 
gebewen, muren, thornen, kirchen, brücken, wegen 
und stegenen, was desßen iderzeit verfallen und di 
noittursst gebenn Wirt." Insbesondere wurde 
in Bezug aus die gemeinsam zu tragenden Lasten 
Seitens des landesherrlichen Kommissars noch 
angeordnet, daß man aus das Bauen der 
Stadtmauer, einen Punkt, auf den wir noch 
zurückkommen werden, auf Vornahme der nöthigen 
Ausbesserungen an Wegen und Brücken und an 
der Fache*) vor der Eder bedacht sein sollte. 
Von den Gegenleistungen, die den Neustädtern 
für ihre Bereitwilligkeit, zu den Sammtlasten der 
neuen Stadtgemeinde beizutragen, bezw. für den 
dem Stadtvermögen aus der Eingemeindung der 
Neustadt entstehenden, bereits erwähnten Zuwachs 
zugebilligt wurden, giebt die vorliegende Urkunde 
gleichfalls Kunde. Sie berichtet nämlich, daß 
die Neustädter alles Nutzens, den die in der Alt 
stadt am Weinzapfen, Bierbrauen und sonsten 
Hütten, theilhaftig sein und bleiben und der Alt 
stadt Privilegien in dieser Beziehung nicht mehr 
angewendet werden sollten. Ferner wurde fest 
gesetzt, daß die etwa vorhandenen Schulden der 
Neustadt ebenso gut insgemein getragen und mit 
der Zeit abgelöst werden sollten als die der 
Altstadt. In erster Linie zur Mehrung der 
Einkünfte des Stadtsäckels, in zweiter zum 
Besten der Wandersleute, die zukämen, wurde 
die Errichtung eines Weinkellers und Brauhauses 
in Aussicht genommen. Bis Weinkeller und 
Brauhaus in der Neustadt hergerichtet waren, 
wurde „umb der . . . kranken willen" Fürsorge 
getroffen, daß die Altenstädter Pforte, die bis 
lang gegen die Neustadt geschlossen und versperrt 
war, zu diesem Behufe jederzeit offen gehalten 
würde. Indeß scheinen die würdigen Rathsherrn 
der Altstadt darin schon ein zu weites Entgegen 
kommen gegenüber den Wünschen ihrer Neustädter 
Mitbürger gesunden zu haben; denn in dem 
Rezeß wird einschränkend hinzugefügt: „oder der 
raitspersonen, so in der Newenstadt wonen, ssoll I 
ein schlossel zur selbigen portenn vertrawet werden, 
das sie di selbige doch nicht anders dan in 
noitwendigenn fachen zu eröffnen habeun 
unnd vornehmlich in fures noten." Es gewinnt 
demnach fast den Anschein, als enthielte der erste 
Theil des ausgehobenen Satzes die Wünsche der 
*) fache, vach — Fischwehr, Vorrichtung zum Auf 
stauen des Wassers.
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.