Full text: Hessenland (9.1895)

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Und wie süß, wie lieblich flössen die das Kindes 
herz berückenden Märchen von ihren Lippen! 
Mit einer inneren Wärme erzählte sie, wie sie 
nur dem Herzen eines echten Kindes aus deni 
Volke entquillt, mit einer Anschaulichkeit, in 
deren Banne der Knabe das Märchen als eigener 
Held durchlebte. Wie oft habe ich da im Traume 
versunken vor ihr gesessen und alles um mich 
her vergessen, wurde nicht müde, von der märchen 
haften Wunderwelt zu hören, die sich der Phan 
tasie des Knaben als eine Welt voll Leben und 
Wirklichkeit ausrollte! Bei meiner Märchenfrau 
lernte ich schon in frühester Kindheit alle die 
köstlichen Perlen unserer Volksmärchen kennen, 
die von Geschlecht zu Geschlecht im Volksmunde 
lebten und von den Gebrüdern Grimm zu einem 
Schatze gesammelt wurden, wie ihn gleich echt 
und gediegen kein anderes Volk zu besitzen sich 
rühmen kann. 
Im Gegensatz zil dieser lichten Gestalt des 
Dorslebens, die in allen Häusern gern gesehen 
und stets willkommen war, stand zu derselben 
Zeit eine andere, die von Jung itnb Alt ge 
fürchtet und gemieden war und ihr freudloses 
Leben einsam, nur auf sich selbst angewiesen hin- 
bringen mußte. Das war die Dorfhexe. Ihr 
Name ist verschollen. 
Wohl trug sie selbst mit Schuld daran, die 
arme Frau, daß sie in diesen übelen Ruf ge 
kommen war und seine Folgen schwer an sich 
empfinden mußte. Sie trug ein mürrisches 
Wesen zur Schau und entbehrte der Leutseligkeit, 
die in: ländlichen Verkehr nun einmal eine 
Hauptbedinguug ist. Dazu kam noch, daß sie, 
entgegen der Gewohnheit und Tüchtigkeit aller 
anderen Frauen des Dorfes, aus ihr Aeußeres 
und ihre persönliche Haltung keinen Fleiß noch 
Aufmerksamkeit verwandte. Sie war eine kurze, 
gedrungene Gestalt, selten in geordnetem Anzuge; 
ihr Kops war stets mit einem dunkelen Tuch 
umbunden, unter dern ein ungeordneter Haar 
wuchs hervorquoll, dazu ein breites, fleischiges 
Gesicht mit finsteren Zügen, buschigen Augen 
brauen über den kleinen, stechenden Augen, 
starker Nase und breitem Mund. Der übrigen 
Welt um sich her brachte sie eine ausgesprochene 
Gleichgiltigkeit entgegen nnb ging ihre Wege 
Hlnftät das Dchifsi 
Wenn es anüersos, 
Wnstät 6as Leben, 
Wenn es glaubenslos. 
allein. Kein Wunder, wenn ihr der Volksmund 
den Umgang mit dem „Bösen" andichtete, denn 
eine Gesellschaft mußte sie doch haben! 
Wie schwer die Übeln Nachreden, die ostenen 
und geheimen Beschuldigungen gegen sie alle 
waren, ist gar nicht zu sagen. Bald hatte einer 
um Mitternacht den Teufel mit feurigem Schweife 
in den Schornstein ihres Hauses schlüpfen sehen, 
über welchen nächtlichen Besuch zur Rede gestellt, 
sie keine Auskunft geben konnte oder wollte, bald 
war sie unmündigen Kindlein beharrlich nach 
gegangen und hatte sie an sich zil fesseln gesucht, 
um sie mit „Läussuppe" uud „Steinklößen", den 
Speisen der Hölle, zu sättigen. War ein Säug 
ling krank geworden — er war von ihr verhext; 
ging dem Bauer ein werthvolles Thier ein — 
das Mißgeschick war nur der Mißgunst der Dorf 
hexe zu verdanken. Ihrer Teuselskunst wurde 
namentlich das plötzliche Aufhören der Nahrung 
bei stillenden Frauen oder das Stocken der Milch 
bei frischmelkenden Kühen zugeschrieben. Der 
„kluge Mann", der aus dem Wasserspiegel eines 
gefüllten Eimers die Hexe feststellen imb mit 
Namen nennen konnte, bezeichnete stets sie als 
den bösen Geist des Dorfes, als die Urheberin 
jeglichen Uebels, das Menschen unb Thiere traf. 
Für Geld und gute Worte versprach er dann, 
die Hexe nach seiner „kundigen" Art zu züchtigen 
und ihr das Teufelshandwerk zu legen. Kein 
Wunder daher, wenn kein Mensch im ganzen 
Dorfe mit dieser Frau etwas zu thun haben 
wollte! Die Männer verachteten sie, die Frauen 
mieden peinlichst die geringste Beziehung zu ihr, die 
Kinder flohen sie, wo sie ging und stand, wie die Pest. 
Vorlaute Buben schmähten sie aus offener Straße 
und ließen ihr oft im eigenen Hause keine Ruhe, 
sodaß sie hin und wieder die Hilfe des Lehrers 
dagegen in Anspruch nahm. Vertrauensvollst 
schüttete sie diesem dann ihr gepreßtes Herz aus 
und beklagte die Thorheit der Menschen um sie 
her und ihre eigene Bedrängniß auf's Tiefste. 
„Wenn ich hexell könnte", hörte ich sie einmal 
sagen, „dann würde ich mich reich hexen und 
fortziehen, um nicht länger unter diesen dummen 
Leuten wohnen zu müssen." Sie hatte nicht 
Unrecht! Dennoch blieb sie die Dorfhexe bis 
an ihr Ende. (Fortsetzung folgt.) 
Dunkel' Me Wucht, 
Wenn sie steruenleev, 
Dunkel 6as Leben, 
Wenn es liebeleer.
	        

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