Full text: Hessenland (9.1895)

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aus der Welt vergangener Tage erzählen, ob er 
die strenge Zucht und die arbeitsreiche Zeit seiner 
Jugend oder die schweren Zeiten und furchtbaren 
Nöthe der selbstdurchlebten Kriegsjahre schilderte! 
Alles stand noch so lebendig vor seinem Geiste, 
wie wenn es erst jüngst von ihm durchlebt wäre. 
Er erzählte von dem siegreichen Eindringen der 
Franzosen in die deutschen Gauen, ihren unend 
lichen Zügen die Leipziger Straße entlang, dann 
von „dem Retirad", unter dessen Drangsalen die 
ganze Gegend so schwer gelitten, von dem kurzen 
Aufenthalte des flüchtigen Napoleon im Schlosse 
zu Selbold, wo ihm ein Geist erschienen fei, nach 
dem er mit dem Degen geschlagen, aber nur die 
kostbare Tapete an der Wand dabei zerschnitten 
habe, von der Angst des geschlagenen Franzosen 
kaisers vor ben nachdrängenden Heeren der Ver 
bündeten, wie er mit seinen Heeresresten Hanau 
habe gerne umgehen wollen und zu dem Zwecke 
mit dem Bürgermeister von Diebach eine Unter 
redung gehabt, der ihm aber abgerathen habe, 
weil über Fallbach und Nidder keine Brücken 
führten. Mit bewegten Worten schilderte er die 
Schrecken der Schlacht bei Hanau und die Greuel 
der Verwüstung in der Stadt und in den Dörfern, 
wie die Bewohner der letzteren nach Eckhardts 
hausen, Stockheim, Lindheim u. s. w. eiligst ge 
flüchtet seien, um nur Leib und Leben in Sicher 
heit zu bringen, Hab und Gut den fremden 
Völkern preisgebend. Das alles und noch weit 
mehr erzählte der Alte in seiner eignen Art, oft 
in ergreifenden Worten die Herzen der umsitzenden 
Frauen und Männer packend, welche des Krieges 
Schrecken und Noth aus eigener Erfahrung nicht 
mehr kannten. Wie lebhaft funkelten des Alten 
Augen und wie bewegt zugleich klang sein Wort, 
wenn er die Bedrüngniß der fliehenden Franzosen, 
denen die Kosacken auf der Ferse saßen, schilderte 
und theilnehmend ihren Ruf um Erbarmung 
nachahmte mit: nnmdje pardon! mundje 
pardon!*) Auch der Unruhen von 1830 ge 
dachte er ab und zu in seinen Erzählungen, wie 
das Volk die Lecentämter gestürmt, die Zehnt 
bücher und Gerichtsakten verbrannt, wie in Wil 
helmsbad eine große Volksversammlung statt 
gefunden habe, bei der Studenten aus Heidelberg, 
Gießen unb Marburg aufreizende Reden an das 
Volk gehalten und zur Abschüttelung des Fürsten 
joches aufgefordert Hütten u. s. w. 
*) D. h. raon dien, mon dien. Aus der Franzosen- 
zeit hatten sich in hiesiger Gegend viele französische Aus 
drücke erhalten, welche häufig gebraucht wurden, z. B. 
„Gumbeer" — compere, Gevatter, „merßi be" — mercie 
bien, danke schön it. s. w. Ein Fluch in französischer 
Sprache wurde als solcher nicht angesehen, man gebrauchte 
ihn nur als Ausdruck des Staunens und der Verwunderung. 
So war der Alte der Mittelpunkt der ganzen 
Gesellschaft, und niemand wurde müde, ihm zu 
zuhören; man ehrte ihn wie einen Patriarchen! 
Hatte er geendet, dann ging man zur leiblichen 
Erquickung über. Ein Korb voll der schönsten 
und besten Aepfel wurde auf den Tisch gesetzt, 
und alle ließen sich das treffliche Obst nach 
Herzenslust munden. Ein kurzes leichtes Gespräch 
noch des Einen mit den: Anderen schloß den 
„Spilleabend" ab, — schlag 10 Uhr eilten Gatte 
und Gattin, er das Spinnrad tragend, durch die 
kalte Wiuternacht der eignen Wohnung zu. Dann 
noch einen prüfenden Blick in den Stall, ob 
alles in Ordnung, und — die Ruhe der Nacht 
umfing den Bauer und sein Haus! 
6. Die Märchenfran und die Dorfhexe. 
Es würde undankbar sein, wenn ich der ehr 
samen, braven Alten nicht gedenken wollte, die 
dem Knaben einst so manche selige Stunde be 
reitete und mich, wie in einem Zanberbanne lange 
Zeit vollständig gefangen hielt. In schul- und 
lernfreien Stunden des Tages schlich ich allein 
oder in Gesellschaft eines und des anderen 
Kameraden zu ihr hin in das dunkele, rußige 
und doch so traute Stübchen. Ein Tisch, ein 
Stuhl, ein Bett und eine Lade (Truhe) waren 
die einzigen Habseligkeiten, welche das einfache, 
ärmliche Stübchen aufwies. Der Stuhl vor 
dem Ofen diente ihr zum Sitz, während ich 
meinen Platz auf der Lade hatte, die neben dem 
Ofen stand. Die freundliche Alte mit blassem, 
scharfgeschnittenem Gesichte, aber milden, lieben 
Augen hieß im Volksmunde des Dorfes die 
R o s s e - L i e s. Sie war bekannt als eine Märchen- 
erzählerin ersten Ranges. Sie trat mir nach 
langen Jahren wieder lebhaft vor die Seele, als 
ich die vor Jahren in Hanau ausgestellten Kon 
kurrenzmodelle für das Denkmal der Gebrüder 
Grimm in Augenschein nahm. An einer dieser 
künstlerischen Arbeiten war, — wenn ich nicht 
irre bei der des Professors K a u p e r t aus Frank 
furt a. M. —, die Figur der Märchenerzählerin 
mit besonderer Liebe und Aufmerksamkeit, wie 
mit großem Verständniß vortrefflich dargestellt. 
Ja, das war sie, meine Rosse-Lies, aus längst 
vergangener Zeit, mit lebensvoller Wärme und 
in künstlerischer Verklärung der Gegenwart vor 
die Seele geführt. Ja, das war sie! So 
leuchtete ihr Auge, begeistert für den reichen 
Schatz ihres Volkes, s o war ihre Haltung, mild 
und freundlich dem Kinde zugeneigt, s o ihr er 
hobener Finger, die Aufmerksamkeit des Lauschen 
den zu erhöhen und ihn zur Andacht zu stimmen!
	        

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